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Paderborner Missbrauchsstudie: 210 Beschuldigte, 489 Betroffene

Man wolle sich den Ergebnissen ohne Ausflüchte stellen und konkrete Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft ziehen, so der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz. Auch von einem „Dunkelfeld“ ist die Rede.
Der Hohe Dom zu Paderborn
Foto: IMAGO/Andreas Fischer (www.imago-images.de) | Bentz bezeichnete die Studie als „einen wesentlichen Meilenstein auf dem Weg der Aufarbeitung“. Die im Jahre 2019 in Auftrag gegebene Studie umfasst den Zeitraum von 1941 bis 2002.

210 Beschuldigte und 489 Betroffene: Zu diesem Ergebnis kommt die am Donnerstag vorgestellte Studie zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger im Erzbistum Paderborn. Es ist davon auszugehen, dass es über diese offiziellen Zahlen hinaus zusätzlich ein „Dunkelfeld“ gibt, über dessen Ausmaße nur spekuliert werden kann.

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Der Paderborner Erzbischof, Udo Markus Bentz, und die Generalvikare des Erzbistums nahmen in ihrer Verantwortung als Auftraggeber auch an der öffentlichen Präsentation der Untersuchung durch die Universität Paderborn teil. Bentz bezeichnete die Studie als „einen wesentlichen Meilenstein auf dem Weg der Aufarbeitung“. Die im Jahre 2019 in Auftrag gegebene Studie umfasst den Zeitraum von 1941 bis 2002 – die Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jäger (1941–1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1974–2002). Aus Kardinal Jägers Amtszeit sind Namen von 144 Beschuldigten und 316 Betroffenen bekannt. In die Amtszeit von Kardinal Degenhardt fallen 98 Beschuldigte und 195 Betroffene.

Schon Zwischenbilanz 2021 identifizierte 160 Beschuldigte

Die Untersuchung wurde Erzbischof Bentz bereits am 12. März in einem zunächst nicht-öffentlichen Rahmen überreicht. Federführend bei der auf fünf Jahre angelegten Missbrauchsstudie im Erzbistum Paderborn waren die Wissenschaftlerinnen Nicole Priesching, Kirchen- und Religionshistorikerin an der Universität Paderborn, und ihre Kollegin Christine Hartig, ebenfalle Kirchenhistorikerin. Ziel ihrer historischen Untersuchung war es, die Bedingungen zu rekonstruieren, unter denen Priester sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausüben konnten und welche Handlungsprämissen für das Paderborner Leitungspersonal im Umgang mit beschuldigten Priestern und Betroffenen maßgebend waren.

Die Wissenschaftlerinnen gingen zudem den Fragen nach, welche Erfahrungen die Betroffenen in ihrem unmittelbaren Umfeld machten und welche Faktoren zu Veränderungen führten. Hierfür wurden personenbezogene Akten von beschuldigten Priestern, private Nachlässe, Gerichts- und Strafakten, Protokolle und Briefwechsel ausgewertet sowie Interviews mit Zeitzeugen und Betroffenen geführt.

Bereits die Zwischenbilanz im Dezember 2021 hatte 160 Beschuldigte identifiziert, die in der Überzahl Priester waren. Es war zudem deutlich geworden, dass Kirche und Gesellschaft bei Missbrauch systematisch weggesehen und Straftaten in mehreren Fällen billigend in Kauf genommen haben. Beschuldigte Kleriker wurden nur selten sanktioniert. Vielmehr bestimmten die soziale Position des Täters und die der Betroffenen wie auch die lokalen Verhältnisse vor Ort die Bewertung von sexueller Gewalt. 

Sexuelle Übergriffe mit „System“

Die Kirchen- und Religionshistorikerin Priesching erklärte bei der Präsentation der Studie das „System“, mit dem in damaliger Zeit sexuelle Übergriffe geschehen konnten und von Mitwissern gedeckt wurden: „Sogenannte ‚Bystander‘ und ‚Wächter‘ hatten häufig konkretes Wissen über Missbrauchstaten in ihrem Umfeld. Dazu gehörten auch die unmittelbar vorgesetzten Priester und Dechanten der Beschuldigten. Aber: Erwachsene in Aufsichts- und Leitungsfunktionen, sowohl vonseiten der Kirche als auch vonseiten der Gesellschaft, haben Fälle sexueller Gewalt in der Regel ignoriert.“

Die erzbischöfliche Behörde wurde selten über Beschuldigungen informiert. „Gründe dafür waren die Sorge, einen Unschuldigen zu verdächtigen und Konflikte in der Gemeinde heraufzubeschwören“, so Priesching. Statt die Fälle konsequent aufzuklären oder staatliche Behörden einzuschalten, wurden beschuldigte Priester teilweise versetzt oder die Vorfälle intern behandelt. Der Schutz der Institution Kirche und ihres Ansehens hat demnach in vielen Fällen eine größere Rolle gespielt als der Schutz der Betroffenen: Priesching sprach in diesem Zusammenhang von einer Vertuschungsspirale, die dafür sorgte, dass Betroffene den jeweiligen Priestern weiterhin ausgeliefert blieben. So ergriff Jäger während seiner gesamten Amtszeit nur in Einzelfällen Schutzmaßnahmen für mögliche weitere Opfer. Diese beschränkten sich auf das Verbot von Einzelkontakten. Häufig genügte es, laut Priesching, wenn die Beschuldigten Reue zeigten: „Das ließ aus Sicht der Erzbischöfe auf künftigen Gehorsam schließen.“

Die Kirchenhistorikerin hob hervor, dass es bis 2001 keine offiziellen Strukturen zur Meldung von Beschuldigungen gegeben habe. Beide Erzbischöfe, Jäger und Degenhardt, zeigten Milde gegenüber beschuldigten Priestern – selbst dann, wenn sie von ihrer Schuld überzeugt waren. 

Der heutige Erzbischof Bentz erklärte zu den vorgelegten Ergebnissen, dass die Studie keinen Abschluss markiere, „sondern eine Vertiefung. Die Studie fordert uns heraus, bisherige Schritte in Intervention, Aufarbeitung und Prävention konsequent weiterzugehen und kritisch zu überprüfen, wo Veränderungen oder Anpassungen notwendig sind. Vor allem aber schulden wir es den Betroffenen, uns den Ergebnissen ohne Ausflüchte zu stellen und daraus konkrete Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft zu ziehen.“

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