Bistum Essen

Als Notlösung getarnter Reformschritt

Der Liturgiewissenschaftler und Priester Winfried Haunerland sieht in der Taufspende durch Laien die sakramentale Grundgestalt der Kirche in Gefahr.
Taufe - Pfarrer begießt den Kopf des  Kindes mit Weihwasser
| Im Sakrament der Taufe ist "Gott selbst am Werk", schreibt der Liturgiewissenschaftler Winfried Haunerland. Er sieht die Taufe durch Laien kritisch und mahnt, auch die Risiken und Nebenwirkungen zu bedenken.

Im Bistum Essen sind im März erstmals Frauen in den sakramentalen Taufdienst berufen worden. Winfried Haunerland, Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU München, schreibt in der aktuellen Ausgabe der Herder-Korrespondenz, dass dies die sakramentale Grundgestalt der Kirche gefährde. Im Notfall dürfe „jeder von der nötigen Intention geleitete Mensch“ taufen. Aber wenn dies zum Normalfall werde, „wird das Bewusstsein schwinden, dass nach can. 861 CIC ordentliche Taufspender nur Bischof, Priester und Diakon sind und nur bei deren Abwesenheit oder Verhinderung der Bischof andere dazu beauftragen kann“.

Bedeutung der Sakramentenspende

Hier stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von nicht geweihten Taufspendern im Bistum Essen. Aus der Jahresstatistik des Bistums geht hervor, dass es im Jahr 2020 exakt 2827 Taufen gegeben hat. Das Bistum verfügt über 502 Priester und Diakone. Das bedeutet, dass rein rechnerisch gesehen auf jeden Geistlichen 5,6 Taufen im Jahr fallen. Selbst wenn nur die Diakone die Taufen übernähmen, käme ein jeder von ihnen auf 34,5 Taufen pro Jahr. 

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Neben der Frage nach der Notwendigkeit stellt sich auch jene nach der Bedeutung der Sakramentenspende. Haunerland ordnet hier theologisch ein. Die katholische Kirche sei der Überzeugung, dass die äußeren Zeichen der Sakramente von Menschen gesetzt werden, „aber sie tun das, weil sei und die Kirche davon überzeugt sind, dass in ihrem Handeln Gott selbst am Werk ist.“ Er verweist auf das Zweite Vatikanische Konzil: Ein Priester handle nicht aufgrund der bischöflichen Beauftragung, sondern aufgrund ihrer sakramentalen Weihe und in persona Christi. Zwar sei die Weihe für die Taufe nicht zwingend erforderlich, „weil aber den Priestern innerhalb der Kirche die wichtige Aufgabe zukommt, auf das notwendige Handeln Christi…zu verweisen, wird durch ihren Vorsteherdienst auch bei der Taufe besonders deutlich, dass nicht Menschen aus sich heraus taufen, sondern Christus“.

Sakramentaler Charakter der Kirche gefährdet

Hauerland führt aus, dass auch Priester durch eine sakramentale Handlung erst in ihr Amt eingewiesen und „für diese Aufgabe geeignet“ gemacht würden. Diese Vollmachten könnten nicht einfach von jemandem übertragen werden, sondern würden „wiederum nur unter Mitwirkung der Bischöfe“ übertragen werden, „die selbst durch ein Sakrament dazu befähigt sind“.

Für Haunerland, der selbst Priester ist, kommt es nicht von ungefähr, dass im Bistum Essen 17 Frauen und nicht geweihter Mann mit der Taufspende beauftragt worden sind. Er glaubt vielmehr, dass sich hinter der angesprochenen Notlösung aus Priestermangel vielmehr ein „wünschenswerter Reformschritt“ verbirgt. „Schon wenige Tage nach der Beauftragungsfeier in Essen habe die Kirchenkonferenz den Würzburger Bischof aufgefordert, „seinem Essener Amtsbruder zu folgen und so auch Frauen in der Kirche sichtbar zu machen“. Solche Notlösungen gefährdeten den sakramentalen Charakter der Kirche, betont der Liturgiewissenschaftler, warnt vor einer „Klerikalisierung der Laien“ und ruft dazu auf, nicht nur auf den erhofften Nutzen zu schauen, sondern „auch deren Risiken und Nebenwirkungen“ zu bedenken.

Priestertum wir ausgehöhlt

Walter Kasper habe bereits 1999 davor gewarnt, „dass manche Lösungsversuche zur Behebung des Priestermangels Nebenwirkungen haben, welche den Priestermangel auf Dauer dadurch beseitigen, dass sie den priesterlichen Dienst entweder aushöhlen oder gar faktisch als unnötig erscheinen lassen. Haunerland und erinnert an die Zweite Synodalversammlung im Oktober 2021, auf der beschlossen wurde, darüber zu beraten, ob es das Priesteramt überhaupt noch brauche. 

In diesem Sinne habe auch Kasper schon konstatiert: Wenn alle rechtlich möglichen Beauftragungen, die in einem wirklichen einzelnen Notfall sinnvoll sein können, regelmäßig nichtgeweihten Gliedern der Kirche übertragen würden, es „faktisch zu der Figur eines Amtes ohne Weihe“ käme. Und damit stünden dann nicht allein das zölibatär Priestertum auf dem Spiel, sondern „die sakramentale Grundgestalt der Kirche“.  DT/dsc

 

 

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