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Ohne Priester geht es nicht

Eine Diskussion über Priesterbilder im Bistum Limburg zeigt, dass das Berufsbild des katholischen Geistlichen gelitten hat und große Unklarheit über dessen Profil herrscht.
Priester beim gemeinsamen Gebet.
Foto: Michel Grolet | Priester beim gemeinsamen Gebet.

Der Missbrauchsskandal hat in der katholischen Kirche in Deutschland vieles in Frage gestellt. Dies betrifft auch die Frage, wie Priestersein heute gelebt werden kann. In einem Online-Gespräch zur Umsetzung des MHG-Projekts „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“, das live aus dem Bistumshaus in Limburg übertragen wurde , ging es um das Priestertum. Dabei beschäftigten sich unter der Moderation von Christoph Cuntz Juliane Schlaud-Wolf, Kirsten Brast und Caspar Söling mit der Frage nach einem zeitgemäßen Berufsbild für Priester, das die Gefahren des Missbrauchs im Blick hat und zugleich nah bei den Menschen bleibt.

Alle drei Gesprächsteilnehmer sind unmittelbar mit dem Thema befasst. Juliane Schlaud-Wolf ist bischöfliche Beauftragte für neue Entwicklungsformen von Kirche im Bistum Limburg. In diesem Amt versteht sie sich nicht nur als Innovations- sondern auch als Experimentierbeauftragte für Entwicklungsformen außerhalb der klassischen Angebote der Kirche. Kirsten Brast ist seit November als Regens für die Begleitung der Priesteramtskandidaten und die Beurteilung der Kapläne im Bistum zuständig und wirkt zudem als Pfarrer von St. Martin im Idsteiner Land und Bezirksdekan im Untertaunus. Caspar Söling ist als Bischöflicher Beauftragter für die Implementierung der MHG-Projektergebnisse in Limburg zuständig.

„Der dunkle Hirte“

Zu Beginn der Veranstaltung macht Söling die Stimme der von Missbrauch Betroffenen hörbar, indem er einen Abschnitt aus Martin Schmitz Buch „Der dunkle Hirte“ vortrug. Schmitz schildert in bedrängender Klarheit und unter der für die Opfer so essenziellen Nennung des Klarnamens des Täters die pädophilen Übergriffe des Rehder Kaplans Pottbäcker. Schmitz beschreibt dessen charismatischer Persönlichkeit, die ihm entgegengebrachte Zuwendung, die der Junge im Elternhaus vermisst. Diese geht dann in Zärtlichkeiten über, die dem Kind unangenehm sind und gegen die er sich doch nicht zu wehren traut. Dies gilt umso mehr, als Kaplan Pottbäcker nicht nur ihm mit Herzlichkeit und Verständnis begegnet, sondern, wie viele Pädophile auch, ein Vertrauensverhältnis zur Familie seines Opfers aufgebaut hatte. 

Martin Schmitz musste also befürchten, dass seine Eltern seine Schilderungen für unglaubwürdig halten, weil sie sich ein solches Fehlverhalten durch den geschätzten Geistlichen nicht vorstellen können. Die Schilderung antwortet präzise auf die immer noch viel gestellte Frage, wie Kinder in die Fänge der Täter kommen und warum Offenlegung nicht schneller gelingt. Und auch umgekehrt muss, wie Christoph Cuntz es tut, gefragt werden, warum charismatische Priester zu Missbrauchstätern werden und ob es erkennbare Muster gibt, deren Erkenntnis solche Taten verhindern könnte. Aber generelle Antworten hierzu gibt es leider nicht. Regens Brast plädiert daher für ein Hinsehen nach der Weihe, weil die Verläufe individuell und eben nicht generalisiert sind.

Kritik auch an den Gemeinden 

Cuntz zitierte den Mainzer Bischof Kohlgraf, der nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie in seinem Bistum gesagt hatte, Gemeinden hätten ihre Priester auf ein Podest gehoben, unangreifbar gemacht und durch dieses Priesterbild Missbrauch mitverursacht. Juliane Schlaud-Wolf widerspricht dieser vereinfachten Vorstellung, die die Gemeinde aufgrund der natürlichen Ehrfurcht der Gläubigen vor den Geistlichen gewissermaßen zur Mitschuldigen macht. Sie kritisierte aber auch die von den Betroffenen in der Regel nicht gewollte Glorifizierung der Priester, denen eine Heiligkeit zugesprochen wird.  Diese Heiligkeit wurde  menschlich nicht erreicht und ist ihrerseits dafür verantwortlich, dass sich ein System von Vertuschung bildete, weil in der Spannung zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit  scheinbar keine andere Reaktionsmöglichkeit bestand, um der Kirche keinen Schaden zuzufügen.

Regens Brast unterstrich, dass das Selbstverständnis innerhalb des Berufsbilds aller pastoralen Mitarbeiter gelitten habe. Es bestehe weniger Selbstvertrauen, es herrsche Ängstlichkeit gegenüber unberechtigten Anschuldigungen und das Nähe-Distanz-Problem sei allenthalben virulent.

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Balance zwischen Nähe und Distanz 

Schlaud-Wolf bestätigte dies und betonte zugleich den Paradigmenwechsel im Verhalten, da der Verlust der Nähe, die in früheren Zeiten selbstverständlich, aber mitunter grenzüberschreitend war, eine so große Unsicherheit erzeugt habe, dass ein normales Verhalten kaum noch gegeben sei. Es bestehe die Gefahr einer kalten Seelsorge und ein hoher Bedarf an einer Form der Nähe, die zugleich klare Grenzen habe, die auch von anderen wahrnehmbar seien.

Dass die Missbrauchsdebatte für die niedrige Zahl der Priesteramtskandidaten verantwortlich sei, verneinte Regens Brast und verwies auf die schon zuvor sinkenden Berufungszahlen. Das Bistum Limburg hat derzeit zwei Priesteramtskandidaten und 15 Kapläne und spiegelt damit den Schnitt in Deutschland wieder, wo es 2022 für 27 Diözesen 33 Priesterweihen gab. Unbesetzte Pfarrstellen gibt es in Limburg aber aufgrund der Fusionierung der ehemals 260 Pfarreien auf 45 noch nicht.

Juliane Schlaud-Wolf stellte im Hinblick auf die Entwicklung eines zeitgemäßen Berufsbildes für Priester die wichtige Frage, wie diese den Raum finden können, ihr unterschiedlich, ihr nicht von der Welt sein, zu leben. Die momentanen Lösungsmodelle hält sie dabei nicht für zielführend.

Die Frage nach weiblicher Unterstützung

Die Forderung von der Benediktinerin Schwester Philippa Rath OSB aus der Abtei Eibingen nach Priesterinnen wird von Schlaud-Wolf unterstützt. Allerdings nicht, weil Frauenweihen Probleme lösen könnten, sondern aus ihrer Sicht Vielfalt schaffen und sie in der Abkoppelung von der Geschlechterfrage die Rettung des Priesteramtes sieht.

Regens Brast verwies in dieser Frage auf die Weltkirche und hielt Schwester Philippas Feststellung, es gäbe bald keine Priester mehr, nicht für realistisch. Hinsichtlich des Wunsches nach Seelsorgerinnen verwies er auf die bestehenden Möglichkeiten der geistlichen Begleitung durch Gemeinde- und Pastoralreferentinnen. Einigkeit bestand in dem Wunsch nach Begegnungen mit Priestern und deren Präsenz an ungewöhnlichen Orten nach dem Beispiel der französischen Arbeiterpriester.

Das Bistum Limburg setzt hinsichtlich der neuen Anforderungen an Priester auf die bereits geübte Teamfähigkeit und den Einsatz in der Projektarbeit, die laut Brast auch deshalb gelinge, weil nur eine Minderheit kanonische Pfarrer sind und viele deshalb mehr Zeit für Seelsorge und Projektarbeit haben. Einigkeit herrschte in der Frage, dass Vertrauen nicht wiederherstellbar sei, sondern nur als Geschenk empfangen werden könne. Maßnahme zur Vertrauensbildung wirkten daher eher manipulativ als hilfreich.

Neue Ordnung des Dienstes 

Gründe, Priester zu werden, sahen alle am Gespräch Beteiligten nach wie vor. Das Problem liege laut Schlaud-Wolf und Brast nicht in einem Mangel an Berufungen. Man müsse aber ein gutes soziales Netz haben, um die Herausforderungen zu bewältigen und es sei notwendig, den priesterlichen Dienst neu zu ordnen und sich von vielem zu trennen, was nicht mehr funktioniere. 

Was dies sein könnte blieb eine offene Frage. Caspar Söling verwies abschließend auf die Vielzahl der Veränderungen in der Folge der MHG Studie, die er so nicht erwartet habe, fügte aber hinzu: „Strukturen kann man schnell verändern, Kultur zu verändern braucht sehr viel mehr Zeit. Kirche ist kein Start-up. Sie kann ihre Tradition nicht einfach vergessen.“

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