Umgang mit Benedikt XVI.

„Mit sprungbereiter Feindseligkeit“

Zur Debatte um Benedikt XVI. nimmt der Heiligenkreuzer Abt und Ratzinger-Preisträger Maximilian Heim gegenüber der „Tagespost“ Stellung. Wir dokumentieren die Anmerkungen im Wortlaut.
Pater Maximilian Heim
Foto: elisabeth fuerst | "Joseph Ratzinger war noch zur Zeit von Papst Johannes Paul II. der Vorreiter, der sich für kirchenrechtliche Möglichkeiten ein- und diese dann auch durchsetzte, Priester wegen des sexuellen Missbrauchs aus dem ...

Die Debatte um ein mögliches Fehlverhalten von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., die durch die Veröffentlichung des Münchener Gutachtens durch zahlreiche ungewöhnlich scharfe Kommentare neu befeuert worden ist, hat mich und viele andere in der Kirche erschüttert und wegen ihrer von vielen empfundenen Einseitigkeit befremdet. Zunächst eine Vorbemerkung: 

Auch Päpste sind Menschen. Sie sind wie wir alle in der Kirche Sünder. Jeder Priester bekennt zusammen mit den Gläubigen den Sündenzusammenhang, in dem wir alle leben, zu Beginn jeder Heiligen Messe. Die „Unfehlbarkeit“, die dem Papst als der letzten Instanz der Glaubensverkündigung durch das Erste Vatikanische Konzil zugeschrieben wurde, meint nicht eine kognitive Irrtumslosigkeit, ein Freisein von Fehlern in der Erinnerung oder eine moralische Sündenlosigkeit. Aus diesem Grund wissen wir Katholiken, wie die großen Heiligen der Kirchengeschichte es uns zeigen, dass wir immer in jedem Augenblick unseres Lebens angewiesen sind auf die Barmherzigkeit Gottes. Von daher weiß sowohl Benedikt XVI. als auch jeder andere Katholik, dass auch Päpste Fehler machen können, wenn sie sich etwa in ihrer Erinnerung an einen Termin oder an eine Gegebenheit vor mehreren Jahrzehnten getäuscht haben.

Von Anfang an eine prägende Gestalt

Ich darf auf meine persönliche Geschichte mit Joseph Ratzinger zur Beurteilung dieser Diskussion hinweisen. Auch ich bin wie viele in der Kirche über die Abgründe der Missbrauchsverbrechen, die seit den vergangenen 15 Jahren tagaus tagein an die Öffentlichkeit gelangen, und die ich mir nie hätte vorstellen können, zutiefst erschrocken. Für mich als junger Student und als junger Priester und Theologe war Joseph Ratzinger von Anfang an ein Licht im Dunkel und eine mich prägende Gestalt. Den Zusammenhang von Glaube und Vernunft, den er immer wieder formuliert hat, habe ich von ihm gelernt und als Kennzeichen des katholischen Glaubens erkennen dürfen. 

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Ich kenne eine Vielzahl von jungen Alumnen und Ordenskandidaten wie auch Laien, die wegen der Klarheit der Theologie von Joseph Ratzinger, seines unaufgeregten Eintretens für die Wahrheit des christlichen Glaubens, seiner bayerischen Liberalität und seines nie polemischen Auftretens sich für den Dienst in der Kirche entschieden haben und auch zu diesem Dienst heute noch stehen. In all meinen Begegnungen mit ihm habe ich einen in seiner unbestrittenen Intellektualität sehr demütigen und herzlichen, gläubigen Menschen erlebt, der ein echtes Interesse an seinem Gesprächspartner hatte und stets den Eindruck vermittelte, dass ihm sein Gegenüber, das er immer mit dessen Namen ansprach, wichtig war. 

Ein von ihm vertretenes Kirchenbild wird diskreditiert

Ihn als Lügner oder nur auf den Schutz der Kirche bedachten Kirchenfürsten oder gar als „Verbrecher gegen die Menschlichkeit“ darzustellen, kann ich mir aufgrund meiner persönlichen Erfahrung mit ihm überhaupt nicht vorstellen. Viele haben sich auf Joseph Ratzinger in "sprungbereiter Feindseligkeit" regelmäßig eingeschossen, um auf diese Weise ein von ihm vertretenes Kirchenbild zu diskreditieren. Ich kenne umgekehrt keinen einzigen Menschen (auch nicht Hans Küng), den Joseph Ratzinger je als seinen persönlichen Feind bezeichnet hat. 

Abt Heim und Benedikt XVI.

In einer Begegnung mit ihm als Präfekten der Glaubenskongregation vor mehr als 20 Jahren, in der ich das erste Mal ein längeres Gespräch mit ihm führen durfte, hat er aus eigenem Antrieb heraus das Thema des Missbrauchs in den USA in großer Betroffenheit offengelegt, das damals im deutschen Sprachraum noch nicht wirklich präsent war: Als Präfekt der Glaubenskongregation hat er das Thema des Missbrauchs im Auftrag des Papstes den Bischöfen in der Welt entzogen, d. h. er hat sie, manchmal zu deren Ärger, angewiesen, solche Fälle nach Rom in seine Behörde zu melden, um Missbrauch vor Ort effektiver zu bekämpfen und ortskirchliche Vertuschungen zu vermeiden. 

Joseph Ratzinger war noch zur Zeit von Papst Johannes Paul II. der Vorreiter, der sich für kirchenrechtliche Möglichkeiten ein- und diese dann auch durchsetzte, Priester wegen des sexuellen Missbrauchs als schwerwiegende Straftaten (delicta graviora) aus dem Klerikerstand zu entlassen. Am 1. Januar 2014 erwähnt die auch sonst für ihre Kirchennähe nicht gerade bekannte "taz", dass Benedikt 2011 und 2012 hunderte von Priestern wegen Missbrauchsvorwürfen abberufen und „laisiert“ hatte. 

Vorreiter in der Missbrauchsaufarbeitung

Als Papst hat er 2010 die Verjährungsfrist für die kirchenrechtliche Ahndung verlängert und den längst fälligen Perspektivenwechsel eingeleitet, dass nicht die straffälligen Priester zu schützen sind, sondern die Opfer im Mittelpunkt der Hilfe und Aufklärung stehen müssen. Deshalb hat er mit seiner Wahl zum Papst bei seinen Reisen ihnen seine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist mir unverständlich, wie manche ihm unterstellen, dieses Thema verdrängt oder verleugnet zu haben. So erinnere ich mich an den aufwühlenden Brief, den er an die Ortskirche in Irland und damit an die katholische Kirche weltweit verfasst hat. Manche Verantwortungsträger in der Kirche, die sehr bereit und wohlfeil das Verhalten des damaligen Präfekten und späteren Papstes kritisieren, sollten sich fragen, ob sie in diesem Thema des Missbrauchs Ähnliches geleistet haben wie er. 

Papst em. Benedikt XVI. ist jetzt fast 95 Jahre alt, gesundheitlich angeschlagen, aber immer noch von großer geistiger Frische. Es tut mir von Herzen leid, dass er sich in dieser Phase seines Lebens quasi allein und gerade in seinem Heimatland vor offensichtlich nicht wohlwollenden Kommentatoren für den Missbrauch entschuldigen muss, für dessen Aufklärung er sich Zeit seines Lebens intensiv eingesetzt hat. Vor dem ewigen Richter werden wir uns alle rechtfertigen müssen.


Maximilian Heim ist Abt des Zisterzienserklosters Heiligenkreuz bei Wien, Großkanzler der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“, erster Preisträger des Ratzinger-Preises und Mitglied des Jüngeren Ratzinger-Schülerkreises.

 

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