Zum Auftakt seiner Reise nach Algerien besuchte Papst Leo XIV. das Maqam Echahid, das imposante Märtyrerdenkmal von Algier, das sich 92 Meter in den Himmel der algerischen Hauptstadt erhebt. An diesem symbolträchtigen Ort, der an die Gefallenen des Unabhängigkeitskampfes erinnert, empfing ihn der Erzbischof von Algier, Kardinal Jean-Paul Vesco, mit bewegenden Worten: „Ich hatte einen Traum“, sagte er in Anlehnung an Martin Luther King, „den Traum von einem Papst, der Algerien besucht, um jenem Volk zu begegnen, dem die kleine katholische Kirche des Landes sich gesandt wisse und mit dem sie durch Geschichte, Leben und Blut verbunden ist“. In Leo XIV., einem Sohn des heiligen Augustinus, empfange dieses Volk heute einen Papst, aber vor allem einen Bruder.
Seit seiner Wahl, so Vesco, habe Algerien auf diesen Besuch gewartet und sich darauf vorbereitet, ihn „wie einen Sohn willkommen zu heißen“, sagte der Erzbischof, womit er ein herzliches Zeichen der Zugehörigkeit setzte, welches Papst Leo XIV. sogleich erwiderte. Er stehe hier vor allem als Bruder, „der sich freut, bei dieser Begegnung die Bande der Zuneigung zu erneuern, die unsere Herzen einander näherbringen“. Er begrüßte die Algerier mit dem österlichen Gruß: „Friede sei mit euch allen! As-salamu alaykom!“
Freundschaft, Vertrauen und Solidarität der Algerier
Die beiden Geistlichen erwähnten in ihren Ansprachen jeweils die leidgeprüfte Geschichte des algerischen Volkes. Kardinal Vesco verglich die algerische Gesellschaft mit dem Denkmal, das über der Stadt wache: stolz und aufrecht – und zugleich gezeichnet von einer schmerzhaften Geschichte der Kolonialzeit, des Unabhängigkeitskriegs und der Gewalt in den 1990er-Jahren, für die es nach seinen Worten bis heute an einer aufrichtigen Bitte um Vergebung mangele. Und doch sei dieses vom Blut seiner Märtyrer gezeichnete Volk jung, widerstandsfähig und vielfältig – ein Volk, das sich nach Begegnung sehnt und dessen Gastfreundschaft selbstverständlich ist.
Leo XIV. sagte, er habe diese „Gastfreundschaft und Brüderlichkeit … bereits mehrfach erfahren“ – und das nicht nur als Tourist: Bereits zweimal hatte er Algerien als Angehöriger des Augustinerordens besucht, bevor er nun als Papst zurückkehrt. Die Freundschaft, das Vertrauen und die Solidarität der Algerier seien keine bloßen Worte, „sondern Werte, die Bedeutung haben und dem Zusammenleben Wärme und Stabilität verleihen“. Er bezeichnete Algerien als ein „großes Land mit einer langen Geschichte und reichen Traditionen“, die bis in die Zeit des heiligen Augustinus, des großen Kirchenvaters, der in Nordafrika geboren wurde, „und noch ein gutes Stück weiter zurückreichen“.
Der Wunsch nach Frieden
Diese Geschichte des Leids hätten die Algerier „dank der edlen Gesinnung, die euch auszeichnet und die ich auch heute noch hier spüre, mit Mut und Aufrichtigkeit überwinden“ können, so der Papst weiter. Der Besuch des Denkmals sei eine Würdigung dieser Geschichte, aber auch „der Seele eines Volkes, das für seine Unabhängigkeit und die Würde und Souveränität dieser Nation gekämpft hat“ – und die Erinnerung daran, „dass Gott für jede Nation Frieden wünscht: einen Frieden, der nicht nur in Konfliktfreiheit besteht, sondern Ausdruck von Gerechtigkeit und Würde ist“.
Dieser Friede, der ermögliche, „mit versöhntem Herzen in die Zukunft zu gehen“, sei nur durch Vergebung möglich, betonte der Papst: Der wahre Befreiungskampf werde erst dann endgültig gewonnen sein, wenn der Friede der Herzen erreicht sei. Er wisse, wie schwer es sei zu vergeben, sagte er, doch „angesichts der weltweit immer zahlreicher werdenden Konflikte“ dürfe man nicht von Generation zu Generation Groll um Groll anhäufen. „Die Zukunft gehört den Männern und Frauen des Friedens.“
Ein Volk, das Gott liebt, besitzt den wahren Reichtum
Am Ende werde die Gerechtigkeit immer über die Ungerechtigkeit triumphieren, „so wie die Gewalt, entgegen allem Anschein, nie das letzte Wort haben wird“. In diesem Land, einem Kreuzungspunkt von Kulturen und Religionen, sei gegenseitiger Respekt der Weg, auf dem die Völker gemeinsam voranschreiten könnten. „Möge Algerien, gestärkt durch seine Wurzeln und die Hoffnung seiner Jugend, weiterhin einen Beitrag zu Stabilität und Dialog in der Gemeinschaft der Nationen und im Mittelmeerraum leisten“, wünschte der Papst und verwies auf das einzigartige Erbe an Geschichte, Kultur und Glauben der Algerier, das ihnen in schwierigen Zeiten Halt gegeben habe. Ein Volk, das Gott liebe, besitze den wahren Reichtum, sagte er, „und das algerische Volk bewahrt diesen Edelstein in seiner Schatzkammer“.
Vergängliche Reichtümer „täuschen und enttäuschen“ und würden Neid, Rivalität und Konflikte hervorrufen, stellte Leo fest – und stellte jene Frage, mit der Jesus seine Jünger vor 2000 Jahren konfrontiert hatte: „Was nutzt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ (Mt 16,26). Auf diese grundlegende Frage hätten die Verstorbenen, die hier geehrt würden, ihre Antwort gegeben – sie hätten ihr Leben aus Liebe zu ihrem Volk hingegeben. Wörtlich sagte der Papst: „Möge ihre Geschichte das algerische Volk und uns alle auf unserem Weg stärken: Denn wahre Freiheit ist nicht nur ein Erbe, man muss sich jeden Tag neu dafür entscheiden.“ Der Papst schloss seine Ausführungen mit den Worten der Bergpredigt Jesu, den Seligpreisungen.
Das „Denkmal der Märtyrer“
Das Maqam Echahid – auf Arabisch „Denkmal der Märtyrer“ – wurde am 5. Juli 1982, zum 20. Jahrestag der algerischen Unabhängigkeit, eingeweiht. Das 92 Meter hohe Betonbauwerk erhebt sich in Form dreier stilisierter Palmblätter, die eine ewige Flamme umschließen, und ehrt die Algerier, die im Unabhängigkeitskrieg gegen die französische Kolonialherrschaft (1954–1962) ihr Leben verloren. Für Papst Leo XIV. hatte der Besuch noch eine besondere Dimension: Er gedachte hier auch der 19 christlichen Märtyrer – Ordensleute verschiedener Gemeinschaften, die während des blutigen Bürgerkriegs in den 1990er-Jahren ermordet wurden und 2018 seliggesprochen worden sind.
Maqam Echahid war die erste Station der Reise von Papst Leo XIV. in Afrika. In den kommenden zehn Tagen wird er fast 18.000 Kilometer reisen und 11 Städte in vier Ländern besuchen: Algerien, Kamerun, Angola und Äquatorialguinea. Der Fokus dieser Reise liegt auf Friedensbemühungen, interreligiösem Dialog und den Ärmsten. DT/dsc
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