Als Antonio Gaudí im November1883 die Arbeiten an der „Sühnekirche der Heiligen Familie“ – so der vollständige Name der Sagrada Família – aufnahm, ahnte er nicht, dass dieses bereits begonnene Bauprojekt fortan sein Leben maßgeblich prägen würde. Der 32-jährige Gaudí übernahm die Leitung der Bauarbeiten von seinem Vorgänger Francisco de Paula del Villar y Lozano, einem erfahrenen Bistumsarchitekten. So geschah es, dass der bislang kaum bekannte junge Mann gleichsam über Nacht in den Rang eines der führenden Architekten nicht nur Barcelonas, sondern ganz Spaniens aufstieg.
Mit dem Bauauftrag an der Sagrada Família hatte es noch eine andere Bewandtnis – Gaudí betrachtete ihn bald als die Mission, die Gott ihm in seinem Leben anvertraut hatte: eine Kirche zur Ehre der Dreifaltigkeit zu errichten und das Evangelium den neuen Generationen näherzubringen. Im Jahr 1883 trat er in einen spirituellen Prozess ein, der bis zum Ende seiner Tage anhielt.
Zwar entstammte der 1852 in Reus geborene Gaudí einer katholischen Handwerkerfamilie, und auch seine Schulbildung war katholisch geprägt. Unter anderem besuchte er einige Jahre die Piaristenschule in seiner Heimatstadt. An dieser Schule, so äußerte er im Rückblick, habe er den „Wert der göttlichen Geschichte der Erlösung des Menschen durch den menschgewordenen Gott, der der Welt von der Jungfrau Maria geschenkt wurde“ erkannt.
Fastend näher zum Glauben
Doch als Architekturstudent in Barcelona war er stark weltlich orientiert; Gaudí gab viel auf sein modisches Äußeres und galt als Dandy. Durch den Bau der Sagrada Família fand Antonio Gaudí nun zurück zur christlichen Spiritualität; Jahr für Jahr wuchsen seine Liebe und Hingabe zum Katholizismus. Dennoch geriet er in eine schwere innere Krise. Gaudí sei in jener Zeit „von Widersprüchen zerrissen gewesen – in unbeschreiblichem Maße“, so ein Zeitgenosse. Während er zahlreiche Aufträge erhielt, viel Geld verdiente und als renommierter Architekt hohes Ansehen genoss, empfand er zunehmend Abscheu gegenüber der Welt.

Nach einer radikalen Fastenkur im Jahr 1894, bei der er sich beinahe zu Tode hungerte, widmete sich Gaudí fortan mit noch größerer Konsequenz seinem Glauben. Häufig sah man ihn mit einem Kreuz an Prozessionen durch die Straßen Barcelonas teilnehmen. Er besuchte täglich die heilige Messe, beichtete regelmäßig und führte ein asketisches Leben. Seine Nahrungsaufnahme reduzierte er auf ein Minimum: Oft ernährte er sich nur von einigen Salatblättern, Nüssen und Keksen.
Gaudí war ein extremer Mensch; mit der ihm eigenen Radikalität bekannte er sich auch zu seiner Gottesverbundenheit: „Der Mensch ohne Religion ist ein geistig eingeschränkter Mensch, ein verstümmelter Mensch.“ Seine Sakralbauten sind ohne das Wissen um seine tiefe Religiosität nicht zu verstehen. Trotz ihrer Größe wirkt die Sagrada Família nicht kalt oder monumental; vielmehr besitzt sie etwas Organisches. Ihr Inneres konzipierte Antoni Gaudí wie einen Wald. Er wunderte sich, dass „niemand sonst diese Formen verwendet. Originell zu sein bedeutet, zu den Ursprüngen zurückzukehren – zu diesem großartigen Buch der Natur, das immer offen liegt und das wir zu lesen versuchen müssen.“ Die Kirche wird bei Gaudí nicht zur Festung des Glaubens, sondern zu einer Fortsetzung von Gottes Schöpfung.
Berührung mit Teresa von Ávila
Ebenso ist die zwischen 1908 und 1914 erbaute Krypta der Arbeitersiedlung Colonia Güell ein Loblied auf die Natur: Das Gebäude verschmilzt mit der Umgebung, es wirkt, als würden die Außenwände aus Bruchstein und überbrannten Ziegeln aus dem Erdboden wachsen. Die unterschiedlichen Ebenen der Schiffe passen sich den Hügeln an, alle verwendeten Materialien und Farben sind der ursprünglichen Vegetation an diesem Ort nachempfunden. Die Krypta war als Teil einer größeren Kirche geplant, doch diese wurde nie vollendet. Allerdings fand Gaudí bei der Krypta zu vielen architektonischen Lösungen, die er für den Bau der Sagrada Família übernehmen konnte.
Mit Teresa von Ávila, Spaniens großer Mystikerin des 16. Jahrhunderts, kam Antonio Gaudí durch den Bau des Teresianerkollegs in Berührung. Das Gebäude befindet sich in Barcelonas Stadtviertel Sant Gervasi und wurde Ende der 1880er-Jahre errichtet. Gaudís Auftraggeber Enrique de Ossó, der 1979 von Johannes Paul II. selig- und 1993 heiliggesprochen wurde, war ein kämpferischer Priester und glühender Anhänger der Mystikerin. Mit einem schlichten Design wollte d’Ossó die von der Ordensgemeinschaft angestrebte Einfachheit unterstreichen. Aus dieser Vorgabe entwickelte Gaudí eine asketische und zugleich innovative Architektur. Die weißen Korridore mit ihren parabolischen Gipsgewölben gehören wohl zu den spirituellsten Räumen, die Gaudí je geschaffen hat. Sie sind nicht dafür gedacht, eilig durchschritten zu werden, sondern dazu, das eigene Tempo zu verlangsamen und bei jedem Schritt die Passion Christi zu meditieren. Ihr architektonisches Konzept vermittelt die tiefe Spiritualität der heiligen Teresa von Ávila.
Doch auch an den von Gaudí erbauten Häusern und Stadtpalästen finden sich anhand von figürlichen Darstellungen, christlichen Symbolen oder auch Inschriften etliche Anspielungen an die christliche Tradition. Wiederholt hat Gaudí die katalanische Version des heiligen Georg, „Sant Jordi“, mit seinen Bauten verbunden. So erzählt der obere Abschluss des 1906 vollendeten Wohnhauses „Casa Batlló“ im Stadtteil Eixample vom Kampf des Heiligen gegen den Drachen – die Dachziegel symbolisieren den schuppigen Rücken des Untiers und das auf einem Dachtürmchen angebrachte vierarmige Kreuz ist Georgs Schwert, mit dem er den Drachen besiegt hat. Interessanterweise setzte Gaudí im Innern des Stadtpalais viele Elemente ein, die an die Unterwasserwelt des Meeres erinnern, während er an der Außenseite der verspielten Darstellung der christlichen Legende den Vorrang gab. Vor allem dem Dach widmete er große Sorgfalt. Dies geschah bewusst und wiederholt sich auch bei anderen seiner Bauten. Denn Antonio Gaudí war der Ansicht, dass Gott zwar alle Teile eines Gebäudes betrachte, sein besonderes Augenmerk jedoch auf dem Dach liege, auf das er vom Himmel aus direkt herabblickt.
Zuletzt wie ein Bettler
In seinen Werken kultivierte Gaudí all seine Gefühle und Leidenschaften. Seine Architektur nutzte er offensichtlich als Metapher für etwas Größeres, das mit erheblichem Verzicht verbunden war. In einem Gespräch äußerte Gaudí einmal etwas wehmütig, so erzählt es sein Biograf Joan Bergós, dass er sich Erlösung erhoffe als Resultat für das persönliche Opfer, das er für seine Kunst gebracht habe. In den letzten Jahren seines Lebens ging dieses Opfer so weit, dass Gaudí in armseliger Kleidung auf der Straße um Spenden für die Sagrada Família bettelte.
Wenige Tage nach seinem Tod am 10. Juni 1926 wurden bereits Artikel veröffentlicht und Vorträge gehalten, in denen das heiligmäßige Leben des Architekten hervorgehoben wurde. Sie waren überschrieben mit „Der Architekt Gottes“, „Der Dante der Architektur“, „Das Genie und der Heilige“.
Im Jahr 1992 bildete sich in Barcelona die „Vereinigung zur Seligsprechung von Antoni Gaudí“, die sich für die Kanonisierung von Gaudí maßgeblich eingesetzt hat – im April 2025 wurde er zum „Ehrwürdigen Diener Gottes“ ernannt.
Die Autorin ist freie Journalistin. Von ihr ist kürzlich „Antoni Gaudí und seine Seligsprechung“ im Media Maria Verlag erschienen.
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