Kirchenaustritt

Kirchenaustritt findet seltener situativ statt

In den meisten Fällen ist es eine Bilanz. Vorteile und Nachteile sowie Kosten und Nutzen werden gegeneinander abgewogen. Bindung entscheidet. 
Schild: "Wartezone Kirchenaustritte"
Foto: Sven Hoppe (dpa) | Ein Schild mit der Aufschrift "Wartezone Kirchenaustritte" ist im Standesamt München zu sehen. Nach der Vorstellung eines Gutachtens zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im katholischen Erzbistum München ...

Der Ärger über einen Pfarrer oder ein anderer konkreter Anlass führt nach Angaben des evangelischen Sozialwissenschaftlichen Instituts (SI) in den seltensten Fällen zum Austritt aus der Kirche. Die Sozialforscher gehen davon aus, das kirchliche Skandale Austrittsspitzen nach sich ziehen. Die Sozialforscher nennen dabei Finanz- oder Missbrauchsskandale. In erster Linie vollziehe sich ein Austritt aus der Kirche als Prozess, der häufig schon mit einer fehlenden religiösen Sozialisation seinen Anfang nehme, so das SI. Für diese bundesweite Studie durch das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurden den Angaben zufolge insgesamt 1.500 Personen befragt, die aus der evangelischen oder katholischen Kirche austreten sind. 1.000 Befragte waren seit 2018 ausgetreten, 500 Befragte vor dem Jahr 2018.

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Neuer Rekord

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte vergangene Woche ihre Mitgliederzahlen für das Jahr 2021 veröffentlicht. Demzufolge gehörten am Stichtag 31.12.2021 insgesamt 19,7 Millionen Menschen einer der 20 Mitgliedskirchen der EKD an. Das seien rund 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Als Ursachen für den Rückgang werden unter anderem 360.000 Sterbefälle sowie die hohe Zahl von 280.000 Kirchenaustritten genannt. Im bisherigen Spitzenjahr 2019 gab es 270.000 Austritte aus der EKD. Die katholischen Bistümer veröffentlichen ihre Vorjahreszahlen in der Regel erst Mitte Juli. Einzelne Städte wie Regensburg und Köln sprachen für 2021 von Rekordaustrittszahlen. In den Kommunen wird jedoch zumeist nicht nach Konfession unterschieden.

Bindung und Sozialisation entscheiden

Nur eine Minderheit der Befragten habe laut der Studie des SI einen konkreten Anlass zum Kirchenaustritt (24 Prozent vormals Evangelische, 37 Prozent vormals Katholische), so ist in der Studie zu lesen. Jüngere Befragte veranschlagen laut Befragung konkrete Anlässe seltener als Ältere, und sie geben häufiger an, diesen Schritt schon länger entschieden zu haben. Fast ein Fünftel unter ihnen nutze eine sich ergebende „gute Gelegenheit“.

Als weiterreichenden Gründe für den Kirchenaustritt kristallisiere sich eine empfundene „persönliche Irrelevanz“ von Religion und Kirche als wichtiger Faktor heraus, so die Soziologin Petra-Angela Ahrens bei Vorstellung der Studie in Hannover. In diesem Zusammenhang werde gerade bei den vormals Evangelischen auch die mit dem Kirchenaustritt verbundene Ersparnis der Kirchensteuer als Grund angeführt (71 Prozent zustimmende Voten). Noch einmal Sozialforscherin Ahrens: „Damit bestätigt sich die geläufige Figur einer 'Kosten-Nutzen-Abwägung' zur Kirchenmitgliedschaft, die bei fehlender religiös-kirchlicher Bindung einen Austritt wahrscheinlicher macht.“ DT/pwi

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