Im Blickpunkt

Warum die Zeit reif ist für ein neues Kirchensteuermodell

Die Kirchensteuer ist nur geringfügig eingebrochenen. Doch die Zukunft schaut nicht rosig aus. Es braucht ein grundsätzliches Nachdenken über die zukünftige Kirchenfinanzierung.
Kirchensteuer und Kirchenaustritt
Foto: Sascha Steinach via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Ein Glück, dass die Kirchensteuerzahler in der Mehrheit einem bürgerlichen Milieu entstammen, das von den wirtschaftlichen Einschränkungen der Coronapolitik kaum betroffen war. So konnte die Kirche mit einem blauen Auge bei den Einnahmen davonkommen. Staatsleistungen waren von den Ausfällen gar nicht betroffen. Andere Ausfälle – wie Kultur und Bildung – bringen zwar einzelne kirchliche Einrichtungen in Bedrängnis, jedoch nicht ganze Bistümer, auch wenn diese die fehlenden Einnahmen in den Jahresabschlüssen durchaus merken.

Mitglieder schwinden, Messbesuche schrumpfen

Lesen Sie auch:

So erklärt sich, dass nach anfänglicher Panik im April und Mai 2020 die Diözesen in Richtung Jahreswechsel immer ruhiger wurden. Es gibt einfach für eine große Zahl der Bistümer derzeit keinen Anlass zur Panik. Aufgrund der Sozialstruktur der Kirchensteuerzahler machten sich schließlich auch die Rekordaustrittszahlen der vergangenen Jahre nicht in Gestalt von Einnahmeeinbußen bemerkbar. Im Gegenteil, die Mitglieder schwanden dahin, der Gottesdienstbesuch schrumpfte und die Euros aus der Kirchensteuer sprudelten in immer größerer Zahl in die Bistumstöpfe.

Wenn Babyboomer weg brechen, wird es kritisch

Es gibt dennoch keinen Grund sich zurückzulehnen. Auch sehr vermögende Bistümer wie Paderborn, München oder Köln werden in den nächsten zehn Jahren den Wandel zu spüren bekommen. Die Generation der Babyboomer, die für die derzeit munter sprudelnde Kirchensteuer verantwortlich ist, geht in Rente und stellt damit die Steuerzahlung weitestgehend ein. Die Generation der Enkel der Boomer tritt schleunigst aus der Kirche aus, wenn der erste Lohnzettel Kirchensteuer ausweist. Damit werden in den kommenden Jahren nicht die Berufseinsteiger die Kirchensteuerzahlungen leisten, die die Rentner einstellen.
Tatsächlich rechnet die Kirche mit einem Sinken der Kaufkraft der Einnahmen aus der Kirchensteuer bis 2060 auf die Hälfte des Wertes von 2019.

Das dürfte sogar noch eine sehr optimistische Rechnung sein, da der Kirchenaustritt, der sich jetzt nicht bemerkbar macht, genau dann schmerzhaft wird, wenn diejenigen, die später einmal die meiste Einkommensteuer zahlen werden, kein Kirchensteuermerkmal in ihrer Steuer-ID hinterlegt haben. Noch sprudeln die Einnahmen, doch längst wird die Sparschraube angezogen.

Sollten sich Kirchensteuerzahler aussuchen dürfen, in welche Projekte ihr Geld fließt?

Das Erzbistum Paderborn hat kürzlich klargestellt, dass es für unwirtschaftliche kirchliche Krankenhäuser keine Subvention aus Kirchensteuern gibt. Das ist eine Entscheidung, über die man diskutieren kann. Sind uns Krankenhäuser, in denen keine Abtreibungen und keine Sterbehilfe vorgenommen werden, nicht den Einsatz von Kirchensteuermitteln wert? Sollte die Kirchensteuer nicht gerade dazu eingesetzt werden, in einer säkularen Gesellschaft Gegenakzente zu setzen und die aus dem Christentum resultierenden Grundwerte aktiv zu praktizieren? Die Kirchensteuer ist auch gläubigen Katholiken aus verschiedenen Gründen ein Ärgernis geworden.

Die Mittelverwendung für nur noch mühsam oder gar nicht mehr als katholisch erkennbare Verbände und Projekte lassen sich nun einmal schwer rechtfertigen. Für die Diözesen wird zu einem echten Problem, wenn sie nicht um 4,6 sondern um 46 Prozent einbricht. Der Tag wird kommen. Mit etwas Weitsicht wäre es jetzt an der Zeit, über ein anderes, langfristig ohnehin nötiges Modell der Kirchenfinanzierung schon einmal nachzudenken. Andere Schwerpunkte der Mittelverwendung zu setzen, ist überfällig.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
In den meisten Fällen ist es eine Bilanz. Vorteile und Nachteile sowie Kosten und Nutzen werden gegeneinander abgewogen. Bindung entscheidet. 
17.03.2022, 18  Uhr
Meldung
Doch die Angst, den „Apparat“ und die nötigen Finanzen zu verlieren, entbindet die Bischöfe nicht von der Pflicht, die Pflänzchen des Neuanfangs zu pflegen. Ein Kommentar.
17.02.2022, 11  Uhr
Guido Horst
Die Mehrheit der Katholiken ist gegen sie. Die Abgabe ist längst nicht mehr zeitgemäß und schon gar nicht zukunftsfähig. Die jüngste Umfrage ist nur ein Warnschuss.
05.08.2022, 11  Uhr
Peter Winnemöller
Themen & Autoren
Peter Winnemöller Diözesen Erzbistum Paderborn Katholizismus Kirchenaustritte

Kirche

Beim 25. Forum Altötting knüpfen die Gemeinschaft Emmanuel und die Kreisstadt an die Sehnsucht der Menschen an.
13.08.2022, 19 Uhr
Esther von Krosigk
In Skandinavien gibt es so gut wie keine Forderungen nach dem Priesteramt für Frauen, aber den Wunsch nach mehr Hilfe, um dem Glauben und der Lehre der Kirche entsprechend zu leben.
11.08.2022, 13 Uhr
Regina Einig
Mitten im ökumenischen Winter tagt die Lambeth Conference der Anglikaner. Diametral verschiedene Auffassungen prallen aufeinander.
12.08.2022, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer