Rezension

Kardinal Müllers neues Buch: Was kommt nach dem Tod?

Gerhard Kardinal Müller legt mit seinem neuen Buch eine Apologetik über das, was nach dem Tod kommt, vor. Zugleich analysiert er die Geistesgeschichte und widerlegt innerweltliche Erlösungsstrategien.
Ukraine-Krieg - Dnipro
Foto: picture alliance (Ukrinform) | Die Frage, was nach dem Leben kommt, beschäftigt Menschen jedes Zeitalters bis heute. Besonders durch den Krieg in der Ukraine kommen Leiden und Tod vielen wieder näher.

Die Bilder verstören. Sie sind kaum mehr vorstellbar gewesen im 21. Jahrhundert, in dem das Zeitalter des Friedens und der Diplomatie beschworen wurde; eine Epoche, in der kein Krieg die Grenzen Europas und der westlichen Welt mehr erreichen könne. Die immer gleiche Frage nach dem Woher und Wohin des menschlichen Lebens, der individuellen Existenz, wie der gesellschaftlichen Zukunft werden daher wieder in den Mittelpunkt gerückt, wenn die Szenen der Grausamkeit, des Leids und des Todes so nah und unmittelbar uns bedrängen und bedrücken. Die stets aktuell gebliebene Frage nach dem, was nach dem Tod kommen könnte, wurde in der geistesgeschichtlichen Denk-Vergangenheit philosophisch, kulturanthropologisch und natürlich theologisch gestellt.

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Der Tod ist die Rückkehr zum Ursprung

Quer durch alle Schichten der historischen Abläufe, immer eingebettet in die religiöse Substanz, die nach der Beziehung Mensch-Gott gefragt hat und als philosophische Spurensuche nach dem Sinn des Lebens, der sich vielleicht erst nach dem Ende des irdischen Daseins erschließen lassen könne. Keine Zeit, kein Raum, kein Volk und keine Religion hat sich dieser Frage entziehen können.

Gerhard Kardinal Müller greift in seinem jüngsten Buch alle Fäden, die sich in der Geschichte finden lassen, auf, und entwirft so ein Bild, das alle Einschränkungen durch verschiedene Erklärungsversuche, die Religionen, Philosophien und innerweltliche Strömungen bedingt haben, übersteigt. In der kritischen Annäherung an die posthumanistischen Ideologien, denen die Abkehr von der Gottesfrage eigen ist, wird die inhumane und dem Menschen in keiner Weise gerecht werdende Entkoppelung von über ihm stehenden Gewissheiten als Debakel innerweltlicher, rein menschlicher Strategien der Unterdrückung deutlich.

Freiheit des Christen

Nicht Gott steht am Anfang, in der Gegenwart und am Ende als verbindlicher Bezugspunkt für das Geschöpf Gottes, sondern der Wille des Stärkeren, des Mächtigeren und des Brutaleren. Die Leugnung von Transzendenz, also einer sich der menschlichen Verfügbarkeit entziehenden Größe, hat den Menschen nie befreit, nie zu seiner Selbstbestimmung geführt, sondern ihn vielmehr in die Abhängigkeit manövriert, die sich in Befehl und Gehorsam, im Aufrichten von Feindbildern und in kriegerisch-grausamer Kriegsführung dokumentieren lässt – einst und heute.

Die Freiheit des Christenmenschen wurde zugunsten der Unfreiheit in der innerweltlichen Erlösungsstrategie geopfert auf dem Altar der machtgierigen Despoten. Ewiges Leben? Fehlanzeige! Denn das Heil, das erreicht werden sollte in der Welt, wurde degradiert zum fragwürdigen „Heil“ der Bereicherung und der Unterdrückung. Umso wichtiger ist die Erhebung der christlichen Botschaft, die uns im Glaubensbekenntnis immer wieder die Hoffnung schenkt, mit dem Tod ist nicht die reine Rückkehr der Materie in den Kreislauf der Natur gemeint, sondern die Rückkehr zum eigenen Ursprung, der in der Liebe des Dreifaltigen Gottes liegt, der uns geschaffen hat und der uns erlösen kann.

Seele, Unsterblichkeit, die Stunde des Todes, die Gestalt des Erlösers, der dem Tod den Stachel gezogen hat und uns die Wahl aufgezeigt hat zwischen der Hölle als Ort der Freiheit ohne Liebe, und der Geborgenheit bei Gott, dem Schöpfer und Vollender – in der Liebe. Hier findet sich wahre Freiheit, die uns, jeden einzelnen, zur Größe und Würde wahren Menschseins führt. Nicht in der Leugnung der Herkunft aus Gottes Heilswillen liegt die Hoffnung auf Erfüllung des ach so jämmerlichen Menschen, sondern in der Annahme seiner Abhängigkeit von der Liebe Gottes – damit ist auch der Weg beschrieben, der uns erkennen lässt, was ein Leben in Ewigkeit für uns heißen kann.

Müller tritt in einen Dialog mit den Zweiflern

Die anthropologischen, philosophischen und innerweltlichen Ideologien dienen dem Autor als Anweg, als Schablone, um zur Beschreibung des christlichen Verständnisses von Tod und Auferstehung zu gelangen. Das Leben aus dem christlichen Glauben schöpft aus dem Geschaffensein von Gott die Erkenntnis, dass der Mensch so geliebt wird von seinem Schöpfer, dass er ihm den Weg in die Ewigkeit ermöglichen kann. Was für eine Freiheit!

Die Botschaft ist aber auch Verantwortung, das Angesprochensein von Gott zu beantworten, um damit das Angebot, den Tod hinter sich zu lassen, zu erreichen. Der Satz des Credo „Ich glaube an das ewige Leben“ wiegt schwer auf unserem ganzen Leben und er wird eine dauernde Herausforderung bis zum Ende bleiben.

Angesichts der Schrecken eines Krieges, dem unzählige Menschen zum Opfer fallen, wird die Botschaft des Ewigen Lebens zumindest einen österlichen Hoffnungsschimmer schenken. Aber der Krieg ist auch Beleg dafür, dass die Freiheit, die der Mensch sich selbst konstruiert, nie die Freiheit des Anderen respektiert. Alle Versuche, rein innerweltlich sein eigenes „Paradies“ zu modulieren – auch wenn die theoretischen Versuche noch so gebildet erscheinen mögen –, weil man keinen Gott erkennen möchte, ihn ablehnt oder verdrängt, werden andere Menschen bitter bezahlen.

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Lehre von den Letzten Dingen

Mit dem vorliegenden, knapp 400 Seiten starken Buch führt Kardinal Müller die Lehre von den „Letzten Dingen“, den theologischen Traktat der Eschatologie, heraus aus seinem rein akademischen Dasein und tritt in einen bereichernden Disput mit allen Zweiflern und ihrer Skepsis, mit den nach Hoffnung Suchenden in ihrer individuellen wie die gesamte Schöpfung umfassenden Existenz. Die anthropologische, aber auch die kosmisch-universale Dimension mit der Neu-Schöpfung von Himmel und Erde greifen weiter und tiefer aus als die Neuausrichtung von Gesellschaften in der Gegenwart. Schöpfung und Vollendung sind die wahren Eckpfeiler menschlicher Wirklichkeit, des Daseins und des Handelns.

Es ist ein wohltuend sachliches „Lehrbuch“ über sämtliche Strömungen, in denen um eine Antwort gerungen wurde auf die Frage: Was kommt nach dem irdischen Leben? Der Leser erhält Einblicke in die denkerische Vielfalt des menschlichen Geistes, wird von Vorurteilen und Ungenauigkeiten in der Analyse der Geistesgeschichte befreit und lernt die Gegenwart bestimmenden Wurzeln mancher interessanter und folgenreicher Ansätze und Fragen aus dem außertheologischen Bereich kennen.

Der christliche Glaube aber mit seiner personal-dialogischen Vorstellung des Verhältnisses von Gott und Mensch hat zu alledem eine hoffnungsfrohe und plausible Antwort, die uns der Autor auf vertiefende Weise näherbringt.


Gerhard Kardinal Müller:
Das Wunder der Unsterblichkeit: Was kommt nach dem irdischen Leben?
Herder Verlag, Freiburg 2022, 392 Seiten,
ISBN 978-3-451-39168-2, 28,00 EUR

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