„Gehe ruhigen Gewissens in den Tod“

Vor hundert Jahren wurde Alexander Schmorell geboren. Die orthodoxe Kirche verehrt den Held der Weißen Rose als heiligen Märtyrer. Von Professor Alexander Lohner
Ikone des Widerstands
Foto: KNA | Ikone des Widerstands: der in Russland geborene Medizinstudent Alexander Schmorell.
Ikone des Widerstands
Foto: KNA | Ikone des Widerstands: der in Russland geborene Medizinstudent Alexander Schmorell.

„In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter, und ich werde euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für euch bitten. Und werde auf euch warten! Eins vor allem lege ich euch ans Herz: Vergesst Gott nicht!!!“ Diese Worte schrieb Alexander Schmorell kurz vor seiner Hinrichtung im Münchner Gefängnis Stadelheim, drei Monate nach seiner Verurteilung zum Tode durch den Vorsitzenden des NS-Volksgerichtshofs Roland Freisler. Nur wenigen Menschen ist bis heute bewusst, wie tief Schmorells Eintreten für die Wahrheit, seine Ablehnung der gottlosen Ideologie des Nationalsozialismus, sein vorbildlicher Mut und seine heroische Bereitschaft, selbst das eigene Leben zu opfern, in seinem christlichen Glauben und der russisch-orthodoxen Spiritualität wurzelten.

Alexander Schmorell wurde am 16. September 1917 (am 3. September nach dem julianischen Kalender) im russischen Orenburg geboren und orthodox getauft, da seine Mutter Natalia Wwedenskaja Russin und Tochter eines orthodoxen Priesters war. Sein Vater, der evangelische Mediziner Hugo Schmorell, stammte aus einer deutschen Kürschner- und Kaufmannsfamilie, die bereits seit rund 100 Jahren in Russland lebte. Als Alexander ein Jahr alt war, starb seine Mutter an Typhus. Zwei Jahre nach dem Tod seiner Mutter bekam Alexander eine Stiefmutter, Elisabeth Hoffmann, die ebenfalls Deutsche und in Russland aufgewachsen war. 1921, in den Wirren der Revolution und der Kämpfe zwischen „Weißen“ und „Roten“ musste die Familie Schmorell Russland verlassen, begleitet von Alexanders alter „Njanja“ (russisch: Kinderfrau), Feodora Lapschina. Die Familie ließ sich in München nieder, wo Hugo Schmorell eine Arztpraxis eröffnete und bald zwei weitere Kinder, Erich und Natalie (Natascha), das Licht der Welt erblickten, die nach ihrer Mutter katholisch wurden. Alexander, der in seiner Familie liebevoll Schurik genannt wurde, blieb orthodox und konnte auch die russisch-orthodoxen Gottesdienste in München besuchen. Beim gemeinsamen Schulgebet mit seinen katholischen Klassenkameraden bekreuzigte er sich stets nach der Tradition seiner Kirche.

Über die Gläubigen der russisch-orthodoxen Gemeinde in München, die im Wesentlichen aus Flüchtlingen der Revolution bestand, schrieb Alexander einmal: „Es sind doch alles Menschen, die einst, um der Unfreiheit zu entgehen, ihre Heimat verlassen haben, die Ungeheures gewagt und geleistet haben, nur um einer verhassten Idee nicht dienen zu müssen. … Sie flohen ja nicht, um Geld, Juwelen zu retten, wie viele Reiche, nein, sie flohen, um ihre und ihrer Kinder Freiheit zu retten.“ Seine Liebe zu Russland bewahrte Alexander vor der rassistischen Hetze der 1933 an die Macht gelangten Hitler-Partei gegen das „slawische Untermenschentum“. Im Frühjahr 1935 lernt Alexander Schmorell in München auf dem Neuen Realgymnasium, dem heutigen Albert-Einstein-Gymnasium, Christoph Probst kennen. Alexander verbrachte viel Zeit mit Probst und dessen Schwester Angelika, beispielsweise beim Wandern und Zelten in den Chiemgauer Bergen. Alexander war zudem ein künstlerisch und musisch begabter junger Mann, der sehr gut Klavier spielte, russische Dichter ins Deutsche übersetzte, malte und bildhauerische Arbeiten schuf.

Nach dem Abitur 1937 wurde Alexander Schmorell zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet und beim Straßenbau im Allgäu eingesetzt. Den Arbeitsdienst erlebte er als Mittel politischer und geistiger Unterdrückung, seine Ablehnung des nationalsozialistischen Regimes verfestigte sich. Zum Militärdienst eingezogen, wollte Alexander den Fahneneid auf den „Führer“ verweigern und teilte das auch seinen militärischen Vorgesetzten mit. Erst als diese ihm die gefahrvollen Konsequenzen für seine Familie vor Augen führten, gab der Bedrängte schweren Herzens nach. Seine Stunde war noch nicht gekommen. Doch noch vor Roland Freisler betonte Schmorell, den Eid auf Hitler innerlich nicht abgelegt zu haben. Im Rahmen seines Wehrdienstes nahm Alexander am Einmarsch in Österreich und an der Annektierung der Tschechoslowakei teil. 1939 begann er in Hamburg ein Medizinstudium, das er – unterbrochen durch die Teilnahme am Frankreichfeldzug – ab Herbst 1940 in München fortsetzte. Dort lernte er Hans Scholl kennen. Die beiden jungen Männer gingen eine enge Freundschaft ein.

Gehandelt aus Liebe zu Russland und Deutschland

1942 – die NSDAP kontrollierte Deutschland nahezu vollständig, die deutsche Wehrmacht hatte den Großteil Europas besetzt, stand weit in Russland und selbst in Nordafrika, jede Opposition zu Hitler war lebensgefährlich – erwarben Hans Scholl und Alexander Schmorell eine Kopiermaschine und stellten unter dem Namen „Die Weiße Rose“ vier Flugblätter her, in denen die Deutschen zum passiven und aktiven Widerstand gegen Hitler aufgerufen wurden. Während Hans Scholls Beitrag zu den Flugblättern die ethischen und theologischen Begründungen waren – die Zitate von Philosophen, Schriftstellern und Staatsdenkern sollten gebildete „Multiplikatoren“ ansprechen –, war es Alexander Schmorell, der die Verbrechen der Nazis mit deutlichen Worten anprangerte, den Mord an den Intellektuellen im besetzten Polen und den Holocaust an den Juden: „Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschheitsfrage an die Seite stellen kann.“

Im Januar und Februar 1943 arbeiteten Alexander und Scholl an der Herstellung und Verbreitung des fünften und sechsten Flugblatts. Letzteres wurde von dem Münchner Philosophieprofessor Kurt Huber verfasst, der die Gruppe seit Ende 1942 aktiv unterstützte. In nächtlichen Aktionen malten Schmorell, Scholl und Graf Freiheitsparolen an öffentliche Gebäude der Münchner Innenstadt.

Am 18. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl in der Ludwig-Maximilians-Universität verhaftet. Mit Hilfe seines bulgarischen Freundes Nikolai Hamazaspian versuchte Schmorell noch, mit einem gefälschten Pass in die Schweiz zu entkommen. Doch er musste nach München zurückkehren, wo er steckbrieflich gesucht wurde. Am 24. Februar wurde er während eines Bombenangriffs in einem Luftschutzkeller erkannt und verhaftet.

Klar und ruhig bekannte Alexander vor der Gestapo als Motiv seines Widerstandes die Liebe zum deutschen und russischen Volk gleichermaßen, wobei er die zwei furchtbarsten atheistischen Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts ohne Wenn und Aber verurteilte: „Vorweg will ich wieder unterstreichen, dass ich meinem Denken und Fühlen nach mehr Russe als Deutscher bin, Ich bitte aber zu beachten, dass ich deshalb Russland nicht mit dem Begriff Bolschewismus gleichsetze, im Gegenteil ein offener Feind des Bolschewismus bin.“

„In der gegenwärtigen Zeit konnte ich mich also nicht damit begnügen, nur ein stiller Gegner des Nationalsozialismus zu sein, sondern ich sah mich in der Sorge um das Schicksal zweier Völker verpflichtet.“

Der Gefahr, der er sich aussetzte, sei er sich immer bewusst gewesen: „Was ich damit getan habe, habe ich nicht unbewusst getan, sondern ich habe sogar damit gerechnet, dass ich im Ermittlungsfalle mein Leben verlieren könnte. Über das alles habe ich mich einfach hinweggesetzt, weil mir meine innere Verpflichtung zum Handeln gegen den nationalsozialistischen Staat höher gestanden ist.“

Am 19. April 1943 fand der Prozess vor dem Volksgerichtshof statt. Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurt Huber kamen kaum zu Wort. Mit hysterischer Rhetorik überschüttete Freisler die Angeklagten. Einmal fragte er Alexander: „Was haben Sie denn an der Front getan?“ Schmorell: „Ich habe mich um die Verwundeten gekümmert.“ Freisler: „Ja, und wenn die Russen kamen, haben Sie nicht auf die Russen geschossen?“ – „Genau so wenig wie ich auf Deutsche schieße, schieße ich auf Russen!“ Ein Sturzbach von Schimpfworten ergoss sich über Schmorell: „Seht euch diesen Verräter an! Das will ein deutscher Wachtmeister sein! Er fällt dem Vaterland in den Rücken!“

Beichte vor der Hinrichtung bei orthodoxem Priester

Der Prozess, der von morgens 9 Uhr bis abends gegen 22.00 Uhr dauerte, endete erwartungsgemäß für alle drei Angeklagten mit dem Urteil: „Tod durch das Fallbeil“. Schmorell lehnte es persönlich ab, ein Gnadengesuch einzureichen. Am Morgen seiner Hinrichtung, den 13. Juli 1943, schrieb Alexander an seine Familie: „Nach dem Willen Gottes soll ich heute mein irdisches Leben abschließen, um in ein anderes einzugehen, das niemals enden wird und in dem wir uns alle wieder treffen werden. Dies Wiedersehen sei euer Trost und eure Hoffnung. Für euch ist dieser Schlag leider schwerer als für mich, denn ich gehe hinüber in dem Bewusstsein, meiner tiefen Überzeugung und der Wahrheit gedient zu haben. Dies alles lässt mich mit ruhigem Gewissen der nahen Todesstunde entgegensehen.“

Unmittelbar vor seiner Hinrichtung empfing Alexander nach der Beichte aus der Hand des orthodoxen Priesters Alexander Lowtschy die Kommunion. Die Hinrichtung fand um fünf Uhr abends statt. Alexander Schmorells sterbliche Überreste wurden auf dem Friedhof am Perlacher Forst (im Grab Nr. 76-1-26) beigesetzt. In unmittelbarer Nähe errichtete die russisch-orthodoxe Kirche im Ausland vor einigen Jahren eine Kathedrale, die den heiligen „Neumärtyrern“ geweiht ist. Am 4. Februar 2012 schließlich wurde Alexander Schmorell in München von der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland durch Erzbischof Mark feierlich heiliggesprochen. Dieser Akt entspricht in etwa einer Seligsprechung in der römisch-katholischen Kirche, der Kult des Märtyrers ist daher noch auf Deutschland beschränkt. Doch es gibt bereits Bestrebungen, vor allem auch in Holland und den USA, die Verehrung des Heiligen, als Vorbild für die Jugend, auf die gesamte russisch-orthodoxe Kirche auszuweiten.

Doch schon jetzt singen die Gläubigen in der Liturgie: „Heiliger Märtyrer Alexander, bete nun zu Christus Gott, dass Er erlöse uns von allem Übel, damit versammelt wir in Liebe dein Gedenken feiern und deines Mutes Beispiel folgen und gottlosen Mächten und Feinden trotzen.“ Der Gedenktag des hl. Alexander von München, wie er auch genannt wird, ist der 13. Juli.

Der Autor ist Professor am Instiut für Katholische Theologie der Universität Kassel.

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