Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Nach Hamas-Angriff

Israel wirft Kirchenvertretern Parteinahme für die Palästinenser vor

„Unfair, voreingenommen und einseitig“: Vertreter christlicher Kirchen im Heiligen Land sorgen mit Appellen für Verstimmung auf Seiten Israels.
Kardinal Pierbattista Pizzaballa im Vatikan
Foto: IMAGO/Giuseppe Lami (www.imago-images.de) | Bot sich als Austausch gegen Geiseln der Hamas an: der Lateinische Patriarch von Jerusalem, der jüngst zum Kardinal erhobene Jerusalemer Erzbischof Pierbattista Pizzaballa.

Während gut eine Woche nach dem Ausbruch des Krieges im Nahen Osten die Solidaritätsbekundungen hochrangiger westlicher Politiker mit dem von der radikalislamischen Hamas angegriffenen Staat Israel weiter ungebrochen sind, sorgen  führende Vertreter christlicher Kirchen im Heiligen Land für Verstimmung auf israelischer Seite. Sowohl Israels Botschafter beim Heiligen Stuhl, Raphael Schutz, wie auch der israelische Außenminister Eli Cohen werfen den Geistlichen vor, sich in dem gewaltsamen Konflikt einseitig auf die Seite der Palästinenser zu stellen.

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Den Anlass der Kritik bilden zwei seit Kriegsausbruch veröffentlichte, schriftliche Stellungnahmen der Patriarchen und Kirchenoberhäupter von Jerusalem – ein Zusammenschluss von katholischen, orthodoxen, anglikanischen und protestantischen Geistlichen. Am vergangenen Wochenende schrieben die Kirchenvertreter angesichts der „eskalierenden humanitären Krise“ im Gazastreifen, man werde Zeuge einer „neuen Spirale der Gewalt, die mit nichts zu rechtfertigende Angriffe gegen alle Zivilisten mit sich bringe“. Die Spannungen „steigen weiter, und immer mehr unschuldige, schutzbedürftige Menschen zahlen letztendlich den Preis, wie das dramatische Ausmaß von Tod und Zerstörung in Gaza deutlich zeigt“.

Kritik an Israels Vorgehen im Gazastreifen

Der Aufruf der israelischen Regierung an mehr als eine Millionen Menschen, darunter alle Angehörigen der christlichen Gemeinden, den Norden des Gazastreifens zu verlassen und binnen eines Tages in den Süden umzusiedeln, werde eine „bereits jetzt desaströse humanitäre Katastrophe“ nur verschärfen. Der gesamten Bevölkerung des Gazastreifens werde die Versorgung mit Strom, Wasser, Nahrungsmitteln und Medikamenten vorenthalten, so die Patriarchen und Kirchenoberhäupter von Jerusalem. Daher forderten sie Israel auf, „mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft zu erlauben, dass humanitäre Hilfslieferungen in den Gazastreifen gelangen, sodass die Tausende unschuldiger Zivilisten medizinische Behandlung und eine grundlegende Versorgung erhalten können“. Alle Parteien seien aufgerufen, den Krieg zu beenden, um unschuldige Leben zu retten. 

Bereits unmittelbar nach den Terrorangriffen der Hamas auf Israel am 7. Oktober hatten die Vertreter christlicher Kirchen im Heiligen Land ihre Solidarität mit den Menschen in der Region ausgedrückt, die „die zerstörerischen Konsequenzen des andauernden Konflikts“ ertragen müssten. Zudem forderten sie „ein Ende aller gewaltsamen militärischen Aktivitäten“, die sowohl palästinensischen wie auch israelischen Zivilisten schadeten. Weder auf Israels Recht zur Selbstverteidigung gingen die Geistlichen in ihrer Erklärung ein, noch nannten sie die Hamas als Urheber des Terrors beim Namen.

Israels Vatikan-Botschafter Schutz sprach daraufhin von „linguistischen Zweideutigkeiten und Begriffen“, die auf eine „falsche Symmetrie“ anspielten. „Parallelen anzudeuten, wo keine existieren, stellt keinen diplomatischen Pragmatismus dar, es ist einfach falsch.“ Nach der zweiten Stellungnahme der Geistlichen, die an Israels humanitäre Verantwortung im Gazastreifen erinnerte, jedoch nicht explizit den islamistischen Terror erwähnte, reagierte Schutz mit einer Reihe von Posts auf dem Kurzmitteilungsdienst X (vormals Twitter).

Terrororganisation Hamas nicht beim Namen genannt

Darin nannte er die Wortmeldung der Patriarchen und Kirchenoberhäupter „unfair, voreingenommen und einseitig“. Von einer „Spirale der Gewalt“ zu sprechen sei an sich schon ein Ausdruck falscher Symmetrie, betonte Schutz und kritisierte die Geistlichen dafür, die Hamas und den „Islamischen Dschihad in Palästina“ (PIJ) nicht beim Namen zu nennen. „Die einzige Kriegspartei, die die Patriarchen namentlich mit einer konkreten Forderung hervorheben, ist Israel, die Partei, die vor einer Woche brutal angegriffen wurde“, schrieb Israels Botschafter beim Heiligen Stuhl. „Was für eine Schande, vor allem wenn es von Dienern Gottes kommt.“

Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, der jüngst zum Kardinal erhobene Jerusalemer Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, äußerte sich jüngst selbst zu der Stellungnahme der christlichen Kirchen und der von israelischer Seite geäußerten Kritik. In einer Online-Pressekonferenz erklärte er am Montag: „Auch ich bin irritiert. Aus Respekt vor den anderen Kirchen möchte ich dem nichts hinzufügen.“ Gleichzeitig betonte er: „Die Hamas hat barbarische Akte in Israel angerichtet.“

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Zudem bot sich Pizzaballa, der wohl einflussreichste Vertreter der Katholische Kirche im Heiligen Land, als Austausch gegen Geiseln der Hamas an. Auf die entsprechende Frage einer Journalistin erklärte er wörtlich: „Wenn so Kinder freikommen und nach Hause kehren können, wäre das kein Problem.“ Von seiner Seite aus sei die Bereitschaft da. Pizzaballa zufolge stelle eine Rückkehr der Geiseln einen Weg aus der derzeitigen dramatischen Lage dar. Andernfalls sei es schwierig die israelische Bodenoffensive im Gazastreifen aufzuhalten, die in den kommenden Tagen erwartet wird. Bei ihrem Angriff Anfang Oktober hatten die Islamisten etwa 150 Geiseln aus Israel entführt. Auch Papst Franziskus forderte bereits deren Freilassung.

Klare Positionierung vom Vatikan gefordert

Die Kritik von israelischer Seite an der Positionierung in der derzeitigen Kriegslage beschränkte sich indes nicht nur auf die Vertreter der christlichen Kirchen im Heiligen Land. Auch den Vatikan forderte Israel auf, die Terrorangriffe der Hamas eindeutig zu verurteilen. Einem Sprecher des israelischen Außenministeriums zufolge teilte der israelische Außenminister Eli Cohen seinem vatikanischen Amtskollegen Paul Gallagher mit, dass sein Land vom Vatikan eine „klare und unzweideutige Verurteilung der mörderischen Terrorakte der Hamas-Terroristen“ erwarte, „die Frauen, Kinder und alte Menschen allein deshalb umgebracht haben, weil sie Juden und Israelis waren“.

Über die Plattform X informierte der Sprecher des Außenministeriums am Sonntag, Cohen habe Gallagher erklärt, dass es nicht hinnehmbar sei, „dass eine Stellungnahme herausgegeben wird, die vor allem Sorge um die Zivilbevölkerung in Gaza enthält, während Israel 1.300 Menschen zu Grabe trägt, die ermordet wurden“ Unbegründete Vergleiche seien fehl am Platz, so Cohen. „Die Hamas, eine schlimmere Terrororganisation als der IS, ist nach Israel eingedrungen in der Absicht, unschuldigen Zivilisten Schaden zuzufügen“, während Israel eine Demokratie sei, die versuche, ihre Bürger vor der Hamas zu schützen.

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