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Humanae vitae ist heute sogar aktueller, als zur Zeit ihrer Veröffentlichung

Am vergangenen Wochenende fand in Rom der Kongress „Humanae vitae, die Kühnheit einer Enzyklika über Sexualität und Fortpflanzung“ statt, der vom Internationalen Jérôme-Lejeune-Lehrstuhl für Bioethik veranstaltet wurde. 
Enzyklika "Humanae vitae": Botschaft über Liebe, Sexualität, Ehe und Familie
Foto: IMAGO/Jake Jakab (www.imago-images.de) | Die Bedeutung der Enzyklika "Humanae vitae" geht so viel tiefer als die meisten denken.

Nach Kongressende sprach „Die Tagespost“ mit Professorin Elena Postigo, Akademischer Direktorin des Internationalen Jérôme-Lejeune-Lehrstuhls für Bioethik an der Jérôme-Lejeune-Stiftung Spanien, sowie mit Professorin María Lacalle Noriega, Vizerektorin der Universität Francisco de Vitoria UFV Madrid und Direktorin des Zentrums für Familienforschung an der UFV, über ihre Erfahrungen auf dem Kongress sowie über künftige Herausforderungen.

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Wie kann der Kongress dazu beitragen, die Wahrnehmung der Enzyklika Humanae vitae in der öffentlichen Meinung zu verändern, die zumindest in Deutschland viele Menschen immer noch auf die Enzyklika reduzieren, die „die Pille“ verbot?

Elena Postigo: Die Enzyklika auf ein „Nein zur Pille“ zu reduzieren, ist nicht nur in Deutschland sehr verbreitet. Diese Vereinfachung zeigt jedoch, dass die tiefe Bedeutung von Humanae vitae nicht verstanden wird. Deshalb empfehle ich zunächst einmal, die Enzyklika unvoreingenommen zu lesen. Das war die Zielsetzung des Kongresses, an dem 350 Menschen jeden Alters und Hintergrunds und aus aller Welt teilgenommen haben, und auf dem 30 Referenten aus 10 verschiedenen Ländern gesprochen haben. Im Gegensatz zu dem, was man meinen könnte, ist das Echo in den Medien bislang sehr positiv gewesen.

María Lacalle: Ich würde sogar sagen, dass die Enzyklika Humanae vitae eine „große Unbekannte“ ist. Denn wahrgenommen wird sie tatsächlich gemeinhin als das päpstliche Schreiben, das ein „ungerechtfertigtes Verbot“ der Empfängnisverhütung enthält. Der Kongress hat dazu beigetragen, die Enzyklika bekannt zu machen und die Schönheit ihrer Vorschläge über die Liebe zwischen Mann und Frau sowie über die Größe der menschlichen Sexualität und der Fortpflanzung in der Ehe aufzuzeigen. 

Und wie leistete es der Kongress konkret?

Postigo: Auf dem Kongress gab es sehr hochkarätige Beiträge in theoretischer, theologischer und intellektueller Hinsicht. Sie haben verschiedene Aspekte der Enzyklika analysiert, und aufgezeigt, dass sie viel mehr ist als nur ein Verbot. Sie betonten deren theologischen und prophetischen Sinn, ihre unveränderliche Gültigkeit und ihre Aktualität, so etwa der Beitrag von Kardinal Ladaria, dem Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre. Er verdeutlichte die anthropologische Sicht der menschlichen Natur und des ehelichen Aktes, seine ursprüngliche und letzte Bedeutung; die moralischen Aspekte der Enzyklika, ohne in Moralismus oder Biologismus zu verfallen, sowie die Rolle des Gewissens und der Freiheit, die nicht völlig autonom sind, und ihre Anpassung an die Wahrheit der menschlichen Natur. 

Lacalle: Mich beeindruckt insbesondere der prophetische Charakter der Enzyklika: Paul VI. warnte in Humanae vitae davor, gegen die Natur vorzugehen, sexuelle Vereinigung und Fruchtbarkeit, Liebe und Freiheit, den Körper und die Person voneinander zu trennen. Gegenüber einem anthropologischen Reduktionismus und Ideologien, die in unseren Tagen so viel Verwirrung und Leid stiften, schlägt Humanae vitae in den Worten Kardinal Ladarias „eine ganzheitliche Anthropologie, eine Anthropologie [vor], die fähig ist, die Freiheit mit der Natur zu vereinen“, die uns helfen kann, eine voll und ganz menschliche Sexualität zu leben.

"Denn in der Zwischenzeit haben wir die Folgen
der Verzerrung von Liebe und Sexualität
sowie vom mangelnden Verständnis des menschlichen Leibes erfahren."

Bleibt Humanae vitae also nach den Erfahrungen des Kongresses noch aktuell?

Postigo: Ja, die vorgetragenen Erfahrungen und Zeugnisse waren beeindruckend, und haben viele Menschen berührt. Sie verdeutlichen, dass die Enzyklika aufgrund des Säkularisierungsprozesses in den vergangenen Jahrzehnten heute sogar noch notwendiger ist, als vor 50 Jahren. Humanae vitae spricht nicht nur über verantwortungsvolle Elternschaft, sondern auch über das menschliche Leben. Sie wendet sich an Ärzte und Gesundheitsfachleute, an Familien und an die ganze Kirche. Es gibt eine tiefgreifende Lesart der Enzyklika, die oft vernachlässigt wird.

Lacalle: Auch ich würde behaupten, dass sie heute noch aktueller ist, als zur Zeit ihrer Veröffentlichung. Denn in der Zwischenzeit haben wir die Folgen der Verzerrung von Liebe und Sexualität sowie vom mangelnden Verständnis des menschlichen Leibes erfahren. Der Kongress hat unter Beweis gestellt, dass viele Ehepaare, die nach den Vorschlägen von Humanae vitae leben, die Wahrheit der menschlichen Liebe erfahren, und dass die Erfahrung der ehelichen Keuschheit sie nicht nur glücklich gemacht, sondern sie auch Gott näher gebracht hat.   

Wo sehen Sie die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Enzyklika in Ihrem Arbeitsbereich?

Lacalle: Wir stehen nun vor der großen Herausforderung, die Enzyklika bekannt zu machen, nicht nur den Katholiken, sondern allen Menschen, die nach einem erfüllten Leben trachten. Wir müssen in der Lage sein, der Welt, insbesondere den jungen Menschen, die Schönheit der katholischen Botschaft über Liebe, Sexualität, Ehe und Familie zu vermitteln. Die Lehre von Humanae vitae besteht nicht nur in einer moralischen Aufforderung. Sie ist ein ganz und gar menschlicher Vorschlag. Den müssen wir auch den Angehörigen der Gesundheitsberufe, den Seelsorgern und Erziehern verdeutlichen. Die Herausforderung besteht darin, die Botschaft der Enzyklika zu verkünden, sie den Männern und Frauen des 21. Jahrhunderts bekannt und verständlich zu machen. Als Universitätsprofessorin fühle ich mich zu dieser Aufgabe berufen, denn wir in den katholischen Universitäten müssen dafür sorgen, dass unsere Studenten nicht nur fachliche und berufliche Fähigkeiten erwerben, sondern dass sie sich die tiefgründigen Fragen über ihre Existenz stellen.

 

 

Postigo: In meinem Beitrag habe ich einige angesprochen: Erstens jungen Menschen ihre Schönheit, Aktualität und Notwendigkeit zu zeigen. Vielleicht müssen wir dazu neue Wege finden, etwa den Weg der Schönheit, die via pulchritudinis; zweitens, den Begriff der menschlichen Natur wiederzugewinnen, ohne in einen Biologismus – der sie auf die Einhaltung des natürlichen Rhythmus reduziert – oder Moralismus – die Einhaltung eines Verbots – zu verfallen. Es geht darum zu verstehen, dass die menschliche Natur einen Sinn und eine Orientierung verbirgt, die ihr gegeben wurden, die sie sich aber nicht selbst gegeben hat, dass die Leugnung dieses Sinns zu einem Missverständnis des Sinns der Enzyklika führt. 

In der gesamten Moderne und Postmoderne wurde die Natur entweder auf die Materie oder auf die Kultur reduziert. Infolgedessen kam es zu einer Dekonstruktion der Entstehungsprozesse des menschlichen Lebens. Ich denke dabei an bioethische Herausforderungen, etwa den Drei-Eltern-Embryo, den durch synthetische Biologie erzeugten Embryo, die Leihmutterschaft, die künstliche Gebärmutter oder eine mögliche zukünftige, heute noch nicht realisierbare Ektogenese, um nur einige zu nennen. Die Achtung der Würde jedes menschlichen Wesens von der Empfängnis an und die Achtung der natürlichen Wege zur Erzeugung des menschlichen Wesens sind grundlegend. Es ist notwendig, die Rolle der Familie, des Mannes und der Frau, als Ort und Weg der Entstehung menschlichen Lebens wiederzuentdecken. Das menschliche Leben kann nicht ohne seine Verbindung zur Transzendenz verstanden werden, und die Bioethik muss dies berücksichtigen.

Davon sprach beispielsweise Benedikt XVI. vor der Generalversammlung der Päpstlichen Akademie für das Leben am 13. Februar 2010: „Der wichtigste und entscheidende Bereich der kulturellen Auseinandersetzung zwischen dem Absolutheitsanspruch der Technik und der moralischen Verantwortung des Menschen ist heute die Bioethik, wo auf radikale Weise die Möglichkeit einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung selbst auf dem Spiel steht. Es handelt sich um einen äußerst heiklen und entscheidenden Bereich, in dem mit dramatischer Kraft die fundamentale Frage auftaucht, ob sich der Mensch selbst hervorgebracht hat, oder ob er von Gott abhängt.“ 

Bei dieser grundlegenden Frage steht alles auf dem Spiel: Entweder sind wir geistige, von einem anderen geistigen Wesen geschaffene Wesen, oder wir sind immanenten Wesen, die sich selbst erschaffen. Diese beiden Perspektiven bestimmen auch den Sinn und die Zukunft der Bioethik.

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