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Gott gibt, was wir brauchen

Raus aus der Verwaltung der Großpfarrei, rein in die Mission - mit der Spiritualität der Gemeinschaft Emmanuel. Ein Erfahrungsbericht aus dem Bistum Münster.
Pfarrer Martin Sinnhuber
Foto: privat | Martin Sinnhuber

Pfarrer Martin Sinnhuber berichtet vom Neuaufbau der Emmanuel-Gemeinschaft in Münster.

Auch wenn mein Name auf eine eher alpenländische Herkunft hindeutet, komme ich doch aus der norddeutschen Diaspora. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der zwei Konfessionen präsent waren und auch gelebt wurden. Von klein auf habe ich katholische und evangelische Gottesdienste und Traditionen kennengelernt. Meinem protestantischen Vater bin ich bis heute dankbar, dass er mir viel von Gott vermittelt hat.

Drückende Verwaltungsarbeit 

Seit fast 25 Jahren bin ich nun Priester im Bistum Münster und gehöre zur Gemeinschaft Emmanuel, einer internationalen Gemeinschaft, die 1972 in Frankreich entstanden ist. Einen Großteil dieser Zeit habe ich als Kaplan und Pfarrer in kleineren oder größeren Pfarreien gearbeitet; habe Kinder getauft, Paare getraut, Menschen beerdigt. Die eigentliche Seelsorge hat mir immer viel Freude gemacht. Menschliche Lebenssituationen von der Geburt bis zum Tod in ihrer ganzen Diversität miterleben und begleiten zu dürfen.

Doch schon in meiner Zeit als Pfarrer hat mich die Frage beschäftigt, wie es möglich ist, in die kirchlichen Strukturen eine missionarische Dynamik zu bringen. Als Pfarrer einer Großpfarrei in Münster hat die Verwaltungsarbeit immer mehr Raum eingenommen in meinem Dienst. Es gab etwa 150 Festangestellte, 7 Kindergärten, gut 40 Gebäude, die der Pfarrei gehörten. All das musste bearbeitet werden. Zu der Zeit gab es noch keine Verwaltungsreferenten, die heute einen Großteil der organisatorischen Arbeit bewältigen. Damals hieß das: Als leitender Pfarrer war ich der Letztverantwortliche.

Ein neuer Aufbruch

Irgendwann hatte ich den Eindruck, dass meine ursprüngliche Berufung als Seelsorger und als Verkünder der frohen Botschaft erdrückt würde. So fingen Gespräche mit meinem Bischof an. Immer wieder, mehrere Jahre lang. Nach fast 6 Jahren hat er sich bereit gezeigt, mich für ein neues Abenteuer freizugeben. Das Bistum Münster hat sich auf die Fahnen geschrieben, in der Umbruchsituation der Kirche auch neue Wege zu wagen, um andere Formen der Gemeindebildung auszuprobieren. So konnte ich im Jahr 2018 den Schritt machen und den Sicherheit gebenden Rahmen der Pfarrei verlassen. Das war und ist für mich ein Schritt ins Ungewisse, aber gleichzeitig die Gelegenheit, das treue Mitgehen Gottes zu erfahren.

Die Pfarreien in Münster erreichen durchschnittlich etwa fünf bis zehn Prozent der katholisch Getauften. Viele Menschen, die auf der Suche sind, tun sich schwer, im manchmal etwas starren Pfarrleben anzudocken. So entstand die Idee, etwas Neues zu wagen: eine neue Form von Gemeinde, die nicht durch ein bestimmtes Territorium definiert ist, oder sich um ein Krankenhaus oder den Unicampus bildet, sondern die aus der Spiritualität der Gemeinschaft Emmanuel aufgebaut wird. In der die lebendige Beziehung zu Jesus Christus die verbindende Mitte ist. Wo Anbetung und Lobpreis auch im normalen Sonntagsgottesdienst Platz haben. Wo wir uns gemeinsam, aus dieser Erfahrung heraus den Menschen zuwenden in ihren materiellen oder anderen Nöten. Und wo wir neue Orte suchen, Menschen mit dem Evangelium in Berührung zu bringen. So ist das „Emmanuel House Münster“ entstanden.

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Aufbau der Gemeinde

Am Anfang hatten wir gar nichts: kein Haus, keine Kirche, keine Gemeindemitglieder. Wir waren ein kleines Team von sechs Personen. Ein Ehepaar, zwei ledige Frauen, ein junger Mann und ich als Priester. Von Anfang an war es uns wichtig, die Leitung für dieses Projekt gemeinsam zu tragen. So verstehen wir in unserer Gemeinschaft die gegenseitige Ergänzung von gemeinsamem Priestertum aller Getauften und dem Dienstpriestertum. Wir sind durch die Stadt gegangen mit offenem Blick und haben gebetet. Schritt für Schritt hat Gott uns gezeigt, wo wir beginnen können. In einer der Innenstadtkirchen hat man uns sehr gastfreundlich aufgenommen. Als wir dort Station gemacht und gebetet haben, kam ein junger Mann, den wir nicht kannten. Er hat uns bereitwillig alle Räumlichkeiten gezeigt. Für uns war das ein Hinweis, dass man uns hier im wahrsten Sinne des Wortes die Türen öffnet.

In dieser Kirche sind wir bis heute zu Gast und freuen uns, dass wir sie nutzen dürfen und der Kontakt zu der Pfarrgemeinde, der sie gehört, sehr unkompliziert und offen ist. So haben wir im Herbst 2019 ganz bescheiden begonnen mit einem wöchentlichen Gebetsabend, jeden Donnerstagabend, dem sogenannten „Emmanuel Meeting“. Seit einem Jahr feiern wir zusätzlich an jedem Sonntagabend die Eucharistie. Um diese beiden wöchentlichen Sammlungspunkte herum gibt es Alphakurse, Hauskreise, Angebote für Paare und verschiedene Formate, mit denen wir bewusst an nicht kirchliche Orte gehen. Das Schöne ist, dass wir sehr frei sind in dem, was wir tun. Langsam bildet sich eine Gemeinde. Zwischen 40 und 100 Personen kommen regelmäßig und sind bereit, sich verbindlich im Gemeindeaufbau einzubringen. Die beiden Jahre der Corona-Krise haben dazu geführt, dass wir unsere Internetpräsenz viel stärker ausgebaut haben, mit Livestreams und vielen Beiträgen auf unserem Youtube-Kanal, Musikvideos und Impulsen, die viele Klicks bekommen. Das hilft uns, auch über Münster hinaus bekannt zu werden.

In Herausforderungen Gott vertrauen

Manchmal erleben wir, dass wir mit einem gewissen Argwohn beäugt werden. Das ist vielleicht normal, wenn man sich in ein etwas unnormales Abenteuer stürzt. Was für uns zählt, ist immer wieder die Erfahrung der Treue Gottes zu machen. Die erleben wir oft ganz konkret, zum Beispiel im Bereich der Finanzen. Wir haben nicht, wie eine normale Pfarrei, einen Jahreshaushalt aus Kirchensteuermitteln, sondern sind weitgehend auf Spenden angewiesen. Meine Stelle als Priester wird dankenswerterweise vom Bischöfe übernommen. Für alle weiteren Ausgaben brauchen wir Unterstützung. Wir haben einen weiteren Vollzeitmitarbeiter, der sich komplett aus Spenden finanziert. Manchmal haben wir nicht genug Geld. Dann sind wir herausgefordert, in dem Vertrauen weiterzugehen, dass Gott uns geben wird, was wir brauchen, um diese Mission zu leben. Und bisher ist es immer so gekommen! Vor einigen Monaten habe ich nach einer Beerdigung eine große Einzelspende bekommen, weil der Witwer dankbar war und uns etwas Gutes tun wollte. Mit dieser Summe konnten wir erstmal wieder ein Stück weitergehen.

Diese Treue Gottes zu erleben, ist etwas Wunderbares. Mich hat sie vor zwei Jahren inspiriert zu dem Lied „Unbeirrbar treu“, das auch auf unserem Youtube-Kanal zu hören ist. Gott breitet seine Flügel über uns aus, wie ein Adler über seinen Jungen. Der wirft sie nämlich auch aus dem sicheren Nest, damit sie das Fliegen lernen. Aber er ist immer in Sichtweite, um sie zu ergreifen, wenn sie abzustürzen drohen.

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