Christliche Gastfreundschaft

„FamilyHomes“: Raum für Gott

Wie weit christliche Gastfreundschaft zu gehen bereit ist, zeigt die junge Organisation „FamilyHomes“ aus Süddeutschland.
Family Homes
Foto: FamilyHomes | Familien von „FamilyHomes“ und „Make room for Christ“ bei ihrem Jahrestreffen im Juli.

In den eigenen vier Wänden einen Raum für Gott einrichten, sein Haus für Gäste öffnen und eigene Talente für andere fruchtbar machen, so lautet das Rezept von „FamilyHomes“. In dem jungen Netzwerk finden sich Familien zusammen, die ihr Apostolat auf besondere Weise leben: Ihr Charisma ist christliche Gastfreundschaft. Das Projekt entwickle die urchristliche Idee der Hauskirche weiter, schrieb der Augsburger Bischof Bertram Meier „FamilyHomes“ in seinem Grußwort von Juni 2020 ins Stammbuch. „Wir unterscheiden uns ganz klar von einer Art christlichem Airbnb“, erklärt auch Gründerin Melanie Oetting im Gespräch mit dieser Zeitung. „Es geht uns darum, Raum für Gott in unseren Herzen und Häusern zu schaffen. Dadurch wollen wir auch anderen helfen, Gott zu finden und in ihren Herzen Raum für Ihn zu schaffen.“

Raum für Gott durch einen Raum im Haus

Der erforderliche Einsatz ist nicht unbedeutend, denn konkret heißt das für jede teilnehmende Familie, in ihrem Haus ein Zimmer einzurichten, das für Gott und das Gebet reserviert ist. „Der Raum ist weder Abstellkammer noch Arbeitszimmer, sondern dient ganz und gar der Gottesbegegnung“, erklärt die Mutter von vier Kindern. Außerdem richtet die Familie ein Gästezimmer inklusive Bad und manchmal auch Küche ein. Über die Website familyhomes.services können Gäste sich über die verschiedenen FamilyHomes informieren und gegen einen individuellen Unkostenbeitrag um einen Aufenthalt anfragen.

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Gemeinsam mit dem Geschwisternetzwerk „Make room for Christ“ bilden zwölf Familien und Einzelpersonen den festen Kern der jungen Organisation. „Make room for Christ“ bildet eine Art Vorstufe zu „FamilyHomes“ für Familien und Einzelpersonen, die einen eigenen Gebetsraum einrichten, aber nicht die Räumlichkeiten für ein zusätzliches Gästezimmer haben. „Der Gebetsraum ist ein großes Geschenk für die Bewohner eines Hauses und die Menschen, die dort ein- und ausgehen. Ein Gebetsraum verändert das Leben“, erzählt Melanie Oetting, die den schönsten Raum ihres Hauses für Gott reserviert hat.

Aus einer Krise geboren

In dem sonnigen Zimmer hängt ein großes Kruzifix an der Wand, daneben eine Marienikone. Auf der Fensterbank stehen frische Blumen. Die Gebetsräume sind so individuell wie die teilnehmenden Familien, wie die Fotogalerie von „Make room for Christ“ zeigt. In vielen Gebetsräumen gibt es neben einem Kreuz auch Heiligenbilder, eine Bibel, Gebetbücher und Sitzgelegenheiten. „All das, was man als Familie in diesem Raum durchlebt, durchbetet, durchkämpft, daran können die Gäste anknüpfen. Ein Raum, in dem gebetet wird, ist wie ein bereiteter Boden. Hier kommen auch andere Menschen leicht ins Gebet.“ Deswegen, so insistiert Oetting, sei der Kern der Sache, dass die Familie in ihrem Gebetsraum regelmäßig bete.

Die siebenundvierzigjährige, gelernte Krankenschwester erzählt, wie sie die Idee zu „FamilyHomes“ im Gebet empfangen hat, als sie eine Ehekrise durchlebte. Während eines Aufenthalts im Gebetshaus Augsburg habe sie in ihrem Herzen gehört, dass ihr Haus ein Haus des Gebetes werden solle. Damals verstand sie nicht, wie genau das aussehen sollte, „aber der Same war gelegt, still und leise“. Die Idee reifte im Gebet weiter und schließlich richtete sie in ihrem Haus neben einem Gebetsraum auch ein Gästezimmer mit zusätzlichem Bad und Küche ein.

Gott in der Stille erleben

Ende 2018 war ihr FamilyHome fertig. In der Zwischenzeit hatte sie bereits begonnen, ihrem Umfeld von ihrem Projekt zu berichten, das dem Vorhaben zum Teil skeptisch gegenüberstand. „Doch es hat funktioniert. Ich habe um die ersten Gäste gebetet und sie kamen dann auch“, erinnert sich Oetting.

Aktuell ist Regine bei Melanie Oetting zu Besuch, bereits zum vierten Mal. Melanie ist katholisch, Regine evangelisch-freikirchlich. Seit Beginn ist „FamilyHomes“ ökumenisch ausgerichtet, was Oetting als großes Geschenk wahrnimmt: „Wir brennen gemeinsam für Jesus Christus!“ Ihr aktueller Gast Regine ist zuerst über einen Artikel in der Zeitschrift „Anders leben“ vom SCM Verlag auf „FamilyHomes“ aufmerksam geworden. „Ich habe eine Auszeit gesucht, wollte in die Stille kommen und Gott neu erleben“, vertraut Regine der „Tagespost“ an.

"Jeder Gast begegnet dem Herrn"

Ihr erster Besuch war eine einschneidende spirituelle Erfahrung: „Ich habe mich hier angenommen gefühlt und durfte sein, wie ich bin. Ich habe es unheimlich genossen, einfach im Gebetsraum zu sein, ohne dass irgendwelche Ansprüche an mich gestellt wurden. Gott konnte in dieser Zeit an meinem Herzen arbeiten.“ Heute gehört Regine zu den Stammgästen des Münchner FamilyHomes. „Mit den Gästen entwickelt sich eine Beziehung und eine gemeinsame Geschichte“, freut sich Oetting. Jedes der FamilyHomes hat sein besonderes Talent, das es in den Dienst der Gäste stellt. „Mein Haus ist sehr gesprächslastig“, erklärt Oetting. „Ich bete viel mit den Menschen. Sie öffnen sich mir, ich öffne mich ihnen.“

Ein Programm für die Besucher sei dabei aber nicht vorgegeben. Die Gäste gestalten ihren Aufenthalt selbst, erhalten von ihren Gastgebern lediglich Angebote wie gemeinsame Mahlzeiten oder Unternehmungen. Auf der Internetseite können sich Interessenten über die Talente der einzelnen Häuser informieren. Bei Regensburg gibt es beispielsweise einen Biobauernhof mit Hochlandrindern. Dort können Gäste die Natur genießen und sich auf dem Hof betätigen, wenn sie das wünschen. „Das Faszinierende ist: Jeder Gast begegnet dem Herrn“, fasst Oetting die gesammelten Erfahrungen der Familienhäuser zusammen.

Der Dienst betrifft die ganze Familie

Die alleinerziehende Mutter nimmt durchschnittlich zwei Gäste pro Monat auf. Glasklar ist ihr aber, dass ihre erste Berufung ihre Familie ist. „Es ist wichtig, darauf zu achten, dass die Kinder nicht überfordert werden. Wenn das Projekt für die Familie zu spannungsreich geworden wäre, dann hätte ich das nicht durchziehen können.“ Zwei ihrer vier Kinder sind mittlerweile aus dem Haus. Zu Beginn seien die Kinder skeptisch gewesen, dann habe der liebe Gott als ersten Gast aber gerade einen Jugendlichen geschickt. Das habe die Sache den Kindern zu Beginn nähergebracht.

Wie geht es weiter? Die Vision Oettings ist ein breites Netzwerk. Weitere FamilyHomes sind bereits in Planung. Interessenten werden unter hohem Zeitaufwand geprüft und ausgewählt. „Es ist wichtig, dass wir zusammenpassen und ein paar Grundelemente vorhanden sind, zum Beispiel das Gebet in der Familie.“ Melanie Oetting plant, ihre Stelle als Krankenschwester zum Ende des Jahres zu verlassen. Danach möchte sie sich Vollzeit dem Dienst an „FamilyHomes“ widmen, „im Vertrauen auf die Versorgung Gottes“.

Infos unter: familyhomes.services und makeroomforchrist.org

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