Spiritualität

Von der Keimzelle zum Erfolgsmodell

Es ist Zeit für eine Wiederentdeckung der Hauskirche.
Glückliche Familie in der Natur
Foto: AdobeStock/Robert Kneschke | Die christliche Familie ist der Ort der Erstverkündigung des Glaubens an die Kinder.

Die Hauskirche ist so alt wie die Kirche selbst. Hauskirchen waren der Anfang der Kirche, wie die Heilige Schrift mehrfach bezeugt: „Tag für Tag lehrten die Apostel unermüdlich im Tempel und in den Häusern und verkündeten das Evangelium von Jesus, dem Christus“ (Apg 5, 42). Es ist lohnenswert, die neutestamentlichen Briefe auf die Hauskirche hin zu lesen. In den Hauskirchen wurde gebetet, gelehrt, Zeugnis und Katechese gegeben. Über Jahrhunderte waren gläubig gewordene Hausgemeinschaften der selbstverständliche Ort des Glaubens und der Lehre. Mit Kaiser Konstantin 312 wurden Basiliken errichtet, der Kult öffentlich gefeiert und die „Hauskirchen“ gerieten in Vergessenheit.

Hauskirche zwischen Vergessen und Erinnern 

In dem Buch „Die Familie als häusliches Heiligtum“ schildert Bischof Rudolf Graber eine Episode, die eine klare Vorstellung von der Bedeutung der Hauskirche vermittelt. Der Bischof erzählt, wie die Kirche in Japan während der 200 Jahre dauernden Abwesenheit von Priestern dank der Familien als Hauskirchen überlebt hat. Welch eine Überraschung für die Priester, die Ende des 19. Jahrhunderts wieder ins Land durften, hier einen intakten Glauben vorfanden, der in den Familien zwei Jahrhunderte lang weitergegeben worden war. Die Hauskirche ist Katakombe in Zeiten der Verfolgung, wie in Zeiten der Säkularisierung, aktuell auch in Pandemien. Ohne äußere Strukturen, ohne Kirchengebäude, ohne Priester und Ordensleute – nur in den Häusern! 

Modern und zugleich zeitlos

Die Kirche verdankt ihr Überleben der alten Institution Hauskirche. Das Zweite Vatikanum hat sie wieder ins Bewusstsein gebracht. Die „Hauskirche“ oder oder das „Häusliche Heiligtum“ wurde als für die „Zukunft der Kirche entscheidend“ hervorgehoben. Das Apostolische Schreiben Familiaris Consortio 1981 vom Hl. Johannes Paul II. ist eine der Grundlagen: Die Hauskirche wird in Zeiten der Neuevangelisierung als die große Hoffnung entdeckt und als Theologie der Hauskirche entfaltet.  

Das Kompendium des Katechismus der Katholischen Kirche erklärt, dass die christliche Familie Hauskirche genannt wird, weil sie „die gemeinschaftliche und familiäre Natur der Kirche als Familie Gottes ausdrückt und verwirklicht“ und „Ort der Erstverkündigung des Glaubens an die Kinder“ ist. Fundament ist das Ehesakrament mit seinen mehrfachen Wirkungen: Mann und Frau werden gleichsam zu Priestern für „ihre“ Hauskirche geweiht. Was immer die christliche Familie tut, ob Arbeit, Erholung, Erziehung, das gesamte Leben macht die christliche Familie zur Schule des Glaubens, der Liebe und des Lebens. Freilich, ein besonderer Vollzug ist und bleibt das gemeinsame Gebet und die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation. Dazu gehören auch Traditionen und christliche Bräuche. Sie sind die Art und Weise, wie der Glaube gefeiert und der Alltag durchdrungen wird. Sinnerfüllte Bräuche sind die Seele des Volkes. Das ganze Liturgische Jahr, auch Kirchenjahr genannt, hat Bräuche und Riten in der Hauskirche.

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Alte und neue Missverständnisse

Achtung, Vereinfachungen oder umgekehrt Verkomplizierungen können zu Missverständnissen führen. Die Familie ist kein kleines Kloster. Sie hat ihre eigene, gesunde Spiritualität, sie soll gebildet, bodenständig und froh katholisch sein. Hauskirche ist die Familie nicht bloß von Advent bis Ostern, sondern das ganze Jahr und zwar nicht nur, wenn sie gemeinsam betet. Eltern sind Lehrer, Priester, Hirten, weil die Ehe ein Dauersakrament ist. Sie spielen nicht Rollen, aus denen sie ein- und aussteigen. Die Hauskirche ist weder Ersatz noch Konkurrenz zur Ortskirche. Sie kann nicht tun, was nur die Kirche kann, etwa Sakramente spenden.

Hauskirche - Ideal oder Wirklichkeit?

Manche Vorurteile über die Hauskirche halten sich hartnäckig: Die Hauskirche sei bloß ein Ideal für eine Elite, zu hoch der Anspruch, pure Belastung. Viele verwechseln Ideal mit idealer Familie. Ja, menschlich gesprochen sind wir weit überfordert. Die Kirche hat ein hohes Ideal von Ehe und Familie. Die auf die sakramentale Ehe gegründete Familie ist als universale Idee Gottes gültig für alle Kulturen. Gottes Plan für die Familie kann weder geändert noch neu erfunden werden. Der große Menschenkenner Johannes Paul II. spricht vom stufenweisen Wachstum und täglicher Bekehrung. Der Plan Gottes für Ehe und Familie lässt sich nicht zu Menschengesetzen reduzieren. Wir strecken uns aus nach dem Plan Gottes, ziehen das Ideal nicht herunter, sondern lassen uns hinaufziehen wie zu einem Stern, dann haben wir die richtige Richtung, nach vorne und nach oben!  

Literaturhinweise:

Maria Prügl, Familien feiern das Kirchenjahr. Verlag ehefamiliebuch, 2016
ISBN 9783902336057, EUR 18,50

Maria Prügl, Die Kirche erwacht in den Häusern. Verlag ehefamiliebuch, 2007, ISBN 9783902336958, EUR 5,80

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