Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar zu Kirche und Evangelisierung

Doch, Bischof Bätzing, so einfach ist es!

Wenn der Ruf nach Evangelisierung zur Lösung der Kirchenkrise unterkomplex ist, dann hat Jesus wohl sein Handwerk nicht verstanden. Ein Kommentar.
Bätzing und Eterovic
Foto: IMAGO/Annette Zoepf (Zöpf) (www.imago-images.de) | Eine kleine brüderliche Lektion in Sachen Evangelisierung? Der DBK-Vorsitzende Georg Bätzing in regem Austausch mit dem Apostolischen Nuntius Nikola Eterovic.

Wieder einmal muss sich der Apostolische Nuntius vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz schulmeistern lassen. Die Evangelisierung sei kein leichtes Unterfangen, erklärte Bischof Bätzing in der abschließenden Pressekonferenz der Frühjahrsvollversammlung am Donnerstag. Er habe „manchmal den Eindruck, der Nuntius denkt etwas einfach“. Dieser plädierte in seinem Grußwort zur Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz für eine „katechetische Erneuerung“ der Kirche in Deutschland, um dem Mangel an Glaubenskenntnis entgegenzutreten, der zuletzt durch die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zutage getreten ist.

Eterović ist Herablassung gewohnt

Nun ist Nuntius Nikola Eterović es mittlerweile gewohnt, seitens der Akteure des Synodalen Weges mit einer gewissen Herablassung behandelt zu werden. Während des Synodalen Weges gehörte es zum guten Ton, Einwände gegen Reformforderungen als unterkomplex und deren Träger als theologisch minderbemittelt darzustellen. Mit dieser Haltung reagierte das Synodalpräsidium – wenn überhaupt – auf kritische Reaktionen seitens ausländischer Bischofskonferenzen und des Vatikans. Nun haben die Bischöfe gerade dem „gelingenden und wertschätzenden Miteinander“ eine ganze Arbeitshilfe gewidmet. Dazu würde gehören, dass man den Ausländern auch dann mit Respekt zuhört, wenn sie etwas zu sagen haben, was einem nicht gefällt. 

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Aber jenseits der Formfrage: Was genau meint Bischof Bätzing, wenn er dem Nuntius vorwirft, er denke „etwas einfach“? Dass Evangelisierung und Katechese nicht die Lösung für die Kirchenkrise in Deutschland sind? Oder dass beides nicht so einfach umzusetzen ist? Dann dachten auch die letzten Päpste, einschließlich des aktuellen, „etwas einfach“. Bis heute wartet Papst Franziskus darauf, wie er regelmäßig betont, dass die Deutschen endlich seine Anregungen aus dem „Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ von 2019 aufnehmen, in dem es maßgeblich um die Evangelisierung geht. Und auch Jesus dachte wohl „etwas einfach“, als er unverantwortlicherweise seine Apostel wie Schafe unter die Wölfe sandte. Mit dem Erfolg, dass die meisten von ihnen mit ihrem Kopf dafür bezahlten. Nebenbei trugen sie so übrigens auch das Christentum bis ans Ende der Erde.

Was hätten die Christen in der NS-Zeit dazu gesagt?

Immerhin bezeichnet Bischof Bätzing Evangelisierung als den „Grundauftrag der Christen“. Jedoch: „Wir spüren, dass er in unseren gesellschaftlichen Kontexten in besonderen Herausforderungen steht, die einfache Wege gar nicht mehr möglich machen.“ Nun dürfte bereits ein Neuntklässler mit einem Blick ins Geschichtsbuch feststellen können, dass ausnahmslos jede Epoche und jeder gesellschaftliche Kontext seine eigenen „besonderen Herausforderungen“ bietet. Es bedarf einer gewissen Geschichtsvergessenheit, zu meinen, es sei gerade in unserer Epoche so schwierig, das Evangelium zu verkünden, dass es nur über die Leugnung bestimmter Glaubensinhalte geht. Was hätten die Christen in der NS-Zeit dazu gesagt? Oder im Kommunismus? Und heute die Christen in China, in Indien, in islamischen Ländern? Hält es sie davon ab, das Evangelium zu verkünden?

Weiter meint Bischof Bätzing: „Wir müssen darüber nachdenken, wie es uns gelingen kann, das wunderbare Evangelium von der Erlösung durch Jesus Christus den Menschen nahezubringen.“ Mit Verlaub, fragt sich der mündige Christ, was haben denn die Bischöfe bisher gemacht? Das „etwas einfach“ des DBK-Vorsitzenden entpuppt sich als völlige Ratlosigkeit darüber, wie eben jener Grundauftrag der Kirche in die Tat umzusetzen ist. Dabei muss das Rad nicht neu erfunden werden. Jetzt hieße es, mit einer gewissen Prise Demut von denen zu lernen, die in Deutschland und in der Welt bereits sehr wohl erfolgreich evangelisieren – an Beispielen mangelt es nicht. 

Oft heißt es in synodalen Kreisen, erst müsse die Missbrauchskrise mit entsprechenden strukturellen Reformen und lehramtlichen Änderungen gelöst werden, bevor die Kirche wieder „glaubwürdig“ evangelisieren könne. Doch die Kirche ist nicht wegen ihres perfekten Apparats anziehend, ja, noch nicht einmal wegen besonders tugendhafter Amtsträger – wobei die sicherlich nicht schaden. Im Letzten ist das Evangelium selbst die einzige langfristige Lösung auch der Missbrauchskrise. Und da stellt sich die Frage: Glauben wir wirklich, dass das Evangelium das Herz der Menschen, auch der Verbrecher und Vertuscher, berühren und verändern kann? In Umkehr und Buße den einzig gangbaren Weg zu kirchlicher Veränderung zu sehen, dafür braucht es eine gewisse gläubige Einfachheit, die in den Augen der säkularen Welt nach Naivität aussehen kann. Unterkomplex halt. 

Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes

Diesen unverständig-mitleidigen Blick, den sich auch Paulus von den Griechen schon gefallen lassen musste, wollen die obersten Glaubensverkünder heute nicht mehr aushalten, scheint es. Doch genau diese Einfachheit und ein kindliches Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes bräuchte es. „Bitten wir den Heiligen Geist, er möge uns auf diesem synodalen Weg nach dem Beispiel der Urkirche führen, denn ,sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten‘“, schrieb Nuntius Eterović in seinem Grußwort zur DBK-Herbstvollversammlung 2022. Ja, so einfach ist es.

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