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CONTRA: Einebnung auf niedrigstem Niveau?

Fruchtbare Ökumene setzt voraus, dass Schüler in der eigenen Konfession beheimatet sind. Von Roswitha Fischer
Islam-Unterricht in Hessen
Foto: dpa | Contra: Konfessionsspezifischer Unterricht ermöglicht dagegen inhaltliche Unterscheidung.

Bei allen Neukonzeptionen muss grundsätzlich überlegt werden, welche Aufgabe das in den meisten Bundesländern ordentliche Lehrfach „Religion“ haben soll.

Ist die Zielsetzung des Faches wie in anderen Lehrfächern Wissensvermittlung über die verschiedenen Religionen und Konfessionen, dann sind viele Modelle der Unterrichtsverteilung vorstellbar. Wobei bereits hier zu bedenken ist, ob ein überzeugter Vertreter einer Religion wirklich objektiv über eine andere Glaubensrichtung informieren kann. Es handelt sich dann um ein Unterrichtsfach „Religionskunde“, das heute für viele Kinder sicher eine erste Begegnung mit Religion darstellt.

Wollen wir aber ein Fach „Religionsunterricht“, dann ist das kein Unterrichtsfach wie jedes andere. Dann geht es selbstverständlich auch um Wissensvermittlung, Wissen über die Heilige Schrift, Wissen über die Lehre der Kirche. Hier kommt die Beheimatung der Lehrkraft in einer Konfession zum Tragen. Schülerinnen und Schüler haben ein sehr feines Gespür für die Haltung, die innere Einstellung und persönliche Überzeugung der Lehrkraft und ihren Bezug zu dem von ihr gestalteten Unterrichtsinhalt. Es besteht die Gefahr, bestehende Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht klar anzusprechen und damit den Eindruck zu erwecken, als bestünden sie nicht. Damit verfälscht man den Zugang zur eigenen Konfession und erweckt Gleichgültigkeit statt profiliertes Wissen. Private Glaubensinterpretationen können dadurch eine falsche Gewichtung gegenüber den geltenden Aussagen der Kirche erhalten und sind falsche Wegweiser in Glaubensfragen, die den Kindern im späteren Leben kaum weiterhelfen. Hier wäre die eindeutige und klare Aussage der Kirche zu vermitteln.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Gleichschaltung vielleicht sogar gewünscht ist und durch den konfessionell-kooperativen Religionsunterricht bereits im Grundschulalter unterschwellig erreicht werden soll, was zu einer falsch verstandenen Ökumene führt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Reaktionen auf das Erzbistum Köln, das für seine Kinder und Jugendlichen keine Notwendigkeit eines konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts erkennt.

Es ist eine Irreführung der Kinder, wenn man ihnen den Glauben nicht in der vollen Wahrheit vermittelt, sondern ihnen ein Surrogat vorsetzt, das im Leben nicht tragfähig ist. Gerade junge Menschen streben nach der Wahrheit und verlangen nach einem Unterricht, der auch in Krisenzeiten trägt, und darauf haben sie auch ein Recht.

Die Reaktion der evangelischen Landeskirche auf die Haltung des Erzbistums Köln und seines Kardinals lässt deutlich erkennen, dass es beim Vorhaben „konfessionell-kooperativer Religionsunterricht“ nicht um eine Stärkung des Glaubens geht, sondern um die Aufgabe katholischer Glaubenswahrheiten zugunsten „ökumenischer Billigware“.

Wenn der Religionsunterricht – vor allem in der Grundschule – eine fehlende religiöse Erziehung durch das Elternhaus nachholen muss, dann ist das in einem konfessionell-kooperativen Unterricht nicht möglich und nicht zu leisten.

„Es kann aber nicht der zweite Schritt vor dem

grundlegenden ersten getan werden“

Wenn der Religionsunterricht mehr sein soll als Wissensvermittlung über Religionen, wenn Kinder und Jugendliche in einer Konfession und damit in einer Kirche beheimatet werden sollen, dann ist das mit einem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht nicht zu leisten.

Religionsunterricht spricht nicht nur den Kopf an, sondern hat sehr viel mit Erfahrung, mit Erleben zu tun. Dies erfordert auch eine starke Einbeziehung der Eltern, am besten noch vor Beginn des Religionsunterrichts. In das Grundschulalter fällt zum Beispiel das Sakrament der Erstkommunion. Darüber kann eine Religionslehrkraft zwar alle Kinder der Klasse informieren, erfahren und empfangen können dieses Sakrament aber nur die katholischen Kinder. Beheimatung braucht Erfahrungen, Erlebnisse, die man nicht als Zuschauer erhält, sondern nur durch aktiven Glaubensvollzug und innere Teilnahme.

Sollen Schülerinnen und Schüler in der Schule zu einem guten ökumenischen Miteinander und zu einem interreligiösen Zusammenleben erzogen werden, ist es zwingend notwendig, in der eigenen Religion, in der eigenen Konfession beheimatet zu sein.

Fruchtbarer Dialog ist angewiesen darauf, dass die Einzelnen wissen, wo sie selbst stehen und davon überzeugt sind, was sie vertreten. Nur dann ist gewinnbringender Austausch möglich und es besteht nicht die Gefahr einer Verwischung von Konturen und Besonderheiten und einer Einebnung auf niedrigstem Niveau. Dann sind in der Schule auch konfessionell-kooperative Projekte gewinnbringend für alle möglich, vor allem in den oberen Klassenstufen.

Es kann aber nicht der zweite Schritt vor dem grundlegenden ersten getan werden, auch wenn die Organisation eines konfessionellen Religionsunterrichts angesichts der rückläufigen Teilnehmerzahl alles andere als einfach ist und eine starke Überzeugung und den festen Willen dazu erfordert. Hier sind vor allem Schulleiter und -leiterinnen sowie Stundenplan-Macher mit einer festen Überzeugung gefordert.

Die Autorin ist Bundesvorsitzende des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen.


Hintergrund

Das Erzbistum Berlin geht in Sachen Religionsunterricht zukünftig einen ökumenischen Sonderweg: Mit der Vereinbarung, die am 13. Oktober vom evangelischen Bischof Markus Dröge und Erzbischof Heiner Koch in Berlin unterzeichnet wurde, wollen die Kirchen angesichts der besonderen Herausforderungen des Religionsunterrichts insbesondere in Berlin und Brandenburg einen konfessionell-kooperativen Religionsunterricht in den Schulen anbieten.

Das bisherige Modell des nach der jeweiligen Konfession getrennten Religionsunterrichts solle auf diesem Wege weiterentwickelt werden, teilte das Erzbistum Berlin in einer Pressemitteilung mit. Das Ziel sei die Bildung stabiler Religionsgruppen, ein effektiver Personaleinsatz und nicht zuletzt die Stärkung der religiösen Bildung in der Schule. „Das Neue an diesem gemeinsamen Weg ist, dass evangelischer und katholischer Religionsunterricht nicht nebeneinander stehen“, sagt der Berliner Erzbischof Heiner Koch (Foto: dpa), „sondern unter besonderen Bedingungen in einem Fach kooperieren, wobei sichergestellt ist, dass die Kernthemen in den Perspektiven beider Konfessionen unterrichtet werden.“ Überzeugungen bildeten sich im Dialog mit anderen Überzeugungen, ergänzt Koch. „Der Religionsunterricht in konfessioneller Kooperation leistet dazu einen wesentlichen Beitrag.“

Ähnliche Kooperationen wollen die Bistümer Aachen, Essen, Münster und Paderborn mit den drei evangelischen Landeskirchen von Nordrhein–Westfalen eingehen. Demnach soll ab dem Schuljahr 2018/19 aufgrund der rückläufigen Zahl an christlichen Schülern ein konfessionell-kooperativer Religionsunterricht angeboten werden.

Eine Ausnahme bildet das Erzbistum Köln, welche sich nicht an dem Projekt beteiligt. Dort sei weiterhin mehr als jeder dritte Schüler katholisch, sodass kein Handlungsbedarf für alternative Modelle bestehe, hieß es zur Begründung. Die evangelische Kirche im Rheinland bedauere diesen Entschluss und sei enttäuscht über das Erzbistum.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hatte sich kürzlich in Fragen der Ökumene zu Wort gemeldet und auf die Unterschiede zwischen den Konfessionen und das fehlende Christusbekenntnis hingewiesen.

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