Vatikanstadt

Raymond de Souza: „Für Franziskus ist die Messe die Botschaft“

Bei „Traditionis custodes“ gehe es überhaupt nicht um den Ritus sondern um das katholische Leben in Zeiten des Internets, meint der kanadische Priester Raymond J. De Souza im Magazin „First Things“. Das Motto: „Die Messe ist die Botschaft“.
Papst Franziskus
Foto: Evandro Inetti (ZUMA Wire) | Papst Franziskus scheine zu meinen, „dass es bei dem Besuch der außerordentlichen Form nicht darum gehe, die Messe zu besuchen, sondern darum, ein Urteil über das II. Vatikanum zum Ausdruck zu bringen", so De Souza.

In Abwandlung eines berühmten Zitats und inzwischen vergriffenen Buchtitels über die Ära des Internets, verfasst vom Medienwissenschaftler Marshall McLuhan, weist der Priester und Autor zahlreicher Sachbücher, Raymond De Souza, in dem amerikanischen Magazin „First Things“ auf den Einfluss hin, den die neuen Medien auf die Entstehung des Motu proprio „Traditionis custodes“ ausgeübt hätten.

De Souza erinnert daran, dass das Zweite Vatikanum und die darauffolgenden Reformen des römischen Ritus etwa ebenso alt wie Marshall McLuhans berühmte Weisheit „Das Medium ist die Botschaft“ seien. Der Medientheoretiker McLuhan war „katholischer Konvertit, und absolut kein lauer“, merkt De Souza an. Er sei täglich zur heiligen Messe gegangen, und sein Fazit in Bezug auf die Auswirkungen der Massenmedien habe er aus seinem Studium der Überlieferung und der Natur des Gottesdienstes abgeleitet: „McLuhan glaubte, dass der Buchdruck ebenso sehr ein Faktor für die Reformation als auch die Theologie und die Politik war, und dass die Erfindung des Mikrofons eine Schlüsselrolle beim Übergang vom Latein zu den Landessprachen bei der Zelebration der heiligen Messe spielte“.

Kann die "Alte Messe" spaltend sein?

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McLuhan sei daher hilfreich, um über den „festen Entschluss“ von Papst Franziskus in „Traditionis custodes“ nachzudenken, „alle vom heiligen Johannes-Paul II. und von Benedikt XVI. erlassenen Bestimmungen zur Feier der ‚Außerordentlichen Form des Römischen Ritus‘ unverzüglich zu widerrufen“, so De Souza. Die Entscheidung von Papst Franziskus, diesen „kirchlichen Hammer (was normalerweise nicht sein bevorzugter pastoraler Ansatz ist) fallen zu lassen“, folge aus seiner Meinung, dass Katholiken, die die alte Messe besuchten, die Spaltung förderten und die Lehre des Zweiten Vatikanum ablehnten. In Bezug auf den ersten Punkt habe der Papst recht. Im Hinblick auf den zweiten hänge dies jedoch davon ab, woher er seine Informationen herhabe.

Katholiken, die die "alte Messe" besuchten, könnten tatsächlich spaltend sein. De Souza selbst ging in seiner Kindheit auf eine katholische Grundschule, in der es eine ganze Reihe von ukrainischen Katholiken gab, die zur örtlichen ukrainisch-griechisch-katholischen Pfarrei mit ihrer byzantinischen Liturgie gingen: „Wir sahen sie nie bei der Messe in unserer Pfarrkirche auf der anderen Straßenseite. Wir waren also gespalten. Nicht verfeindet, aber gespalten“, also örtlich getrennt.

Eine Spaltung, eine örtliche Trennung, komme in den Gemeinden, so De Souza weiter, ständig vor: „Wer die frühe Sonntagsmesse ohne Musik bevorzugt, begegnet nie denjenigen, die am Sonntagabend zum Lobpreis-Chor kommen. Und das ist nichts Neues; in den alten vorkonziliaren Tagen wählten die Pfarrangehörigen zwischen der Stillen Messe und dem Hoch- oder Levitenamt“.

Auch liberale Praktiken können spaltend sein

Daher könne Papst Franziskus sich nicht darüber aufregen, dass Riten – oder sogar Zelebrationsstile – spalteten. "Das ist normales katholisches Leben. Als Jesuit wird er in seiner eigenen Gemeinschaft wohl gewaltige Unterschiede bei der liturgischen Zelebration erlebt haben.“ Vermutlich habe er seine Mitbrüder im Sinn gehabt, als er beklagte, dass die „ordentliche Form“ allzu oft mit Verschrobenheiten gefeiert würde, die leicht zu Missbräuchen ausarten könnten. Liberale Praktiken könnten laut De Souza freilich „spaltend sein, weshalb manche Katholiken niemals in eine Pfarrei von Jesuiten gehen würden“. 

Doch der Heilige Vater sei überhaupt nicht über Riten besorgt. Er verfügte in „Traditionis custodes“, dass „die vom heiligen Paul VI. und vom heiligen Johannes-Paul II. promulgierten liturgischen Bücher entsprechend den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils die einzige Ausdrucksform der lex orandi des Römischen Ritus sind“. 

Doch das, so konstatiert De Souza, „stimmt nicht unter der Voraussetzung, dass die außerordentliche Form weiterhin gültig und erlaubt ist. Es wäre extrem seltsam zu behaupten, die außerordentliche Form sei keine Ausdrucksform des Römischen Ritus. In der Lateinischen Kirche gibt es weitere Riten, wie etwa die von verschiedenen Ordensgemeinschaften, die Formen des Römischen Ritus sind. Im Jahr 2015 hat Papst Franziskus selbst das Book of Divine Worship zugelassen, das Missale, das von Pfarreien ehemaliger Anglikaner verwendet wird, die jetzt katholisch sind. Dies ist kein anderer ‚Ritus‘, sondern eine unterschiedliche ‚Form‘ des Römischen Ritus, wie etwa die außerordentliche und die ordentliche Form“.

Welche Rolle die Umfrage an den weltweiten Episkopat spielt

Aber wenn es bei „Traditionis custodes“ nicht um Riten und deren liturgischen, theologischen und ekklesiologischen Charakter gehe, worum geht es dann?, fragt De Souza. In einem an die Bischöfe der Welt gerichteten Begleitschreiben konzentriere sich Papst Franziskus darauf, was diejenigen, die die außerordentliche Form besuchen, über das Zweite Vatikanum dächten: „Der Heilige Vater meint, dass sie ‚oftmals von einer Ablehnung nicht nur der liturgischen Reform, sondern des Zweiten Vatikanischen Konzils selbst gekennzeichnet seien – unter Inanspruchnahme von unbegründeten und unerträglichen Behauptungen, dass es die Tradition und die ,wahre Kirche« verraten habe‘“. Doch die außerordentliche Form, die ja tagtäglich auf dem II. Vatikanum gefeiert wurde, „kann nicht per se eine Zurückweisung des II. Vatikanum sein. Woher könnte der Heilige Vater also eine derartige Idee herhaben?“

De Souza vermutet, dass dahinter die Umfrage an den weltweiten Episkopat über die außerordentliche Form stehen könnte, auch wenn deren Ergebnisse geheim seien. Es könne aber auch aus dem Umfeld des Papstes kommen, wie etwa von seinem Biografen Austen Ivereigh, der mächtig verärgert über die „Auferlegung“ des außerordentlichen Ritus auf seine ehemalige Pfarrgemeinde gewesen sei. Doch die „wahrscheinlichste Quelle“, so meint De Souza, seien die „vielen Anti-Vatikanum II-Debatten seitens des katholischen Internet, die die außerordentliche Form fördern“. Ivereigh selbst habe in diese Richtung gewiesen, als er über eine „stetige antipäpstliche Dauerberieselung auf ihren Blogs und Webseiten“ twitterte.

Daher scheine Papst Franziskus, so De Souza weiter, zu meinen, „dass es bei dem Besuch der außerordentlichen Form nicht darum gehe, die Messe zu besuchen, sondern darum, ein Urteil über das II. Vatikanum zum Ausdruck zu bringen. Das Medium der Messe ist die Botschaft“.

Die Bedeutung, die „Traditionis custodes“ der Internetwelt zuweise, mache das Motu proprio zu einem „Novum“. Es sei damit „der erste päpstliche liturgische Eingriff, der als Reaktion auf ein online-Phänomen abgefasst wurde. Es wird nicht der letzte sein, da das Internet die Art und Weise umgestaltet hat, wie wir kommunizieren und wie wir denken. Es hat jetzt die päpstliche Herrschaft auf die Liturgie umgestaltet, und infolgedessen auch den Gottesdienst der Kirche. Die alte Messe wurde durch die neue Technologie schlechtgemacht. McLuhan wäre nicht überrascht“.  DT/ks

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