Hildesheim

"Mut zum Dienen"

Bischof Heiner Wilmer von Hildesheim über die Herausforderungen von Theologie und Gesellschaft - und über seine Inspirationsquellen im französischen Katholizismus.

Hildesheims Bischof Heiner Wilmer
"Uns allen täte eine gewisse Zurückhaltung und Demut gut", meint der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer im Gespräch mit der "Tagespost". Foto: Stefano dal Pozzolo (KNA)

Exzellenz, viele Planungen drehen sich derzeit um die Frage, wie die Kirche verlorengegangene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen kann. Woran erkennt man heute glaubwürdige Katholiken?

Zum glaubwürdigen Katholiken gehört für mich fundamental das Beten und die persönliche Beziehung zum Dreifaltigen Gott. Dazu hat Jesus selbst gesagt: Wenn ihr betet, zieht Euch zurück. Euer Vater im Himmel wird es sehen. Wer die Haltung Jesu hält, ist für mich ein glaubwürdiger Christ.

Glaubwürdige Christen suchen die Menschen vor allem unter Priestern und Ordensleuten. Das Bistum Hildesheim hat derzeit neun Seminaristen; Sie haben kürzlich mit Blick auf die Priesterausbildung vor „theologischer Inzucht“ (Pater Charles Lohr SJ) gewarnt. Wie kommen wir da heraus?

Pater Charles Lohr sprach sich damals für intellektuelle Weite aus. Er vertrat die Auffassung, dass deutschsprachige Theologen nicht nur deutschsprachige Theologen lesen sollen. In der akademischen Theologie ist es wichtig, dass wir den französischen, spanischen, italienischen und polnischen Sprachraum im Auge behalten. Ich halte es für ganz wesentlich, dass mehr theologische Literatur ins Deutsche übersetzt wird. Zum akademischen Kanon der Zukunft sollten bei uns auch die Standardwerke aus anderen Sprachen gehören. Gerade in der Ausbildung sollten wir die unterschiedlichen Spektren und Lager anschauen – und auch lesen.

"Wir brauchen eine gute geistliche
Begleitung. Begleitung ist für mich
ein Schlüssel der Verkündigung"

Und woran liegt Ihnen in der praktischen Ausbildung?

Entscheidend ist für mich, dass Priester, Diakone, Pastoralassistenten und Gemeindereferenten zumindest Teile ihrer Ausbildung gemeinsam absolvieren, weil sie später gemeinsam in Gemeinden und geistlichen Zentren tätig sind. Ein zweiter Punkt ist für mich, dass wir in der Ausbildung unbedingt Erfahrungsansätze brauchen. Die akademische Ausbildung allein reicht nicht; wir brauchen eine gute geistliche Begleitung. Begleitung ist für mich ein Schlüssel der Verkündigung. In diesem Zusammenhang erscheint mir das Bild der Emmausjünger sehr passend.

Was lesen Sie darin?

Das Bild spricht für unsere Zeit, weil diese Menschen viele Fragen haben. Sie reden auch über Glaubenszweifel, am Ende brennt aber ihr Herz. Daraus ergibt sich für unsere Ausbildung die Frage, wie es uns gelingt, Erfahrungsansätze mit Jesus und auch mit armen Menschen zu machen. Jesus war nicht neutral. Er hatte Lieblinge: die Gescheiterten, die zerbrochenen Herzen. Ich würde mir auch wünschen, dass alle angehenden Theologen eine Zeitlang ins Ausland gehen und in einer fremden Sprache und Kultur am Rand der Gesellschaft leben. Solche unauslöschlichen Prägemale sind eine Art geistliche Salbung.

Stichwort Weltkirche: Könnten Sie sich vorstellen, junge Gemeinschaften aus dem Ausland in Ihrem Bistum aufzunehmen?

Ich kann mir für unser großes Bistum grundsätzlich viel vorstellen, zumal es ja überwiegend aus Migranten besteht. Es gehört zum Reichtum unserer Kirche, die Vielfalt zu leben und auch vor Ort zu haben.

"An Frankreich faszinieren mich
drei Dinge: die Spiritualität,
die Gastfreundschaft und
das Umweltbewusstsein"

Sie gelten als frankophil. Was fasziniert Sie an der Kirche in Frankreich?

An Frankreich faszinieren mich drei Dinge: Die Spiritualität, die Gastfreundschaft und das Umweltbewusstsein – auch aus Verantwortung der kommenden Generation gegenüber. Der alttestamentliche Auftrag Gottes an den Menschen, sich die Erde untertan zu machen, heißt für mich, dass wir die Erde nicht ausbeuten dürfen, sondern Gott eine Antwort zu geben haben. Das heißt Verantwortung übernehmen.

Unter jungen französischen Katholiken ist die ganzheitliche Ökologie ein wichtiges Thema und bewirkt auch gesellschaftspolitisches Engagement. In Deutschland gibt es das nicht in vergleichbarer Weise. Was fehlt der Kirche in Deutschland zu solchen Initiativen?

Einer der fundamentalen Unterschiede zwischen der deutschen und der französischen Kultur liegt darin, dass die Franzosen mehr Lust zu Experimenten haben und vielleicht auch kreativer sind. Wir Deutschen sind gute Organisatoren, während sich die Franzosen einfach auf den Weg machen.

",Laudato si' halte ich nicht für einen,
sondern für den Schlüsseltext
der neueren Papstgeschichte überhaupt"

Papst Franziskus hat die ganzheitliche Ökologie in seiner Enzyklika „Laudato si“ aufgegriffen. Wie lesen Sie das Dokument?

„Laudato si“ halte ich nicht für einen, sondern für den Schlüsseltext der neueren Papstgeschichte überhaupt. Kein Text eines Heiligen Vaters ist in den letzten vierzig Jahren außerhalb der Kirche so stark rezipiert und wertgeschätzt worden wie „Laudato si“. Offenbar hat Papst Franziskus einen Ton getroffen, der die Welt in Schwingung bringt und viele Menschen beflügelt und begeistert – auch im Sinne des Heiligen Geistes. Es geht bei „Laudato si“ auch um den Schutz des Lebens und Entkolonialisierung. Mich persönlich fasziniert, wie im Text über Mystik gesprochen wird.

Dennoch ist „Laudato si“ auch kritisch angefragt worden, etwa von Wissenschaftlern, die die These vom menschengemachten Klimawandel ablehnen: Mit welcher Autorität und Kompetenz äußert sich der Papst zu naturwissenschaftlichen Fragen. Tun wir uns als Kirche mit solchen Einlassungen einen Gefallen?

Grundsätzlich gilt: Immer, wenn sich die Kirche einmischt in die Belange der Menschen, erhält sie nicht nur Zustimmung. Unser Glaube ist durch den Reichtum des trinitarischen Gottes und dessen innergöttliche Kommunikation geprägt. Die Dynamik des Unterschiedlichen gehört also zu uns. Die theologische Überzeugung des Nikolaus von Kues, dass wir in Gott Einheit und Vielfalt leben, hat für uns heute unveränderte Aktualität. Ich bin immer dann skeptisch, wenn Lösungen einfach sind. Es ist gut, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, auch wenn wir als Kirche nicht die Patentlösung haben.

"Wir sollen auf das Wirken Gottes und
seine Gnade achten und nicht nur
auf das, was wir selbst machen"

Doch die Kirche ist gerade in Deutschland in sich gespalten. Schon im Vorfeld des Synodalen Wegs enden viele Gespräche.

Papst Franziskus hat recht, wenn er in seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland sagt, wir sollen auf dem Synodalen Weg weitergehen, aber weder in Pelagianismus noch in Gnostizismus verfallen. Wir sollen auf das Wirken Gottes und seine Gnade achten und nicht nur auf das, was wir selbst machen. Die Gefahr ist, dass wir zu sehr auf unsere eigene Natur vertrauen. Uns allen täte eine gewisse Zurückhaltung und Demut gut. Wir brauchen Mut zum Dienen. Letztlich geht es darum, katholisch zu sein.

Zu Ihrer Äußerung, der Missbrauch von Macht stecke in der DNA der Kirche, sagten Sie rückblickend, Sie wollten die Kirche damit nicht schlechtreden. Warum schneiden Sie das Thema Machtmissbrauch öffentlich an?

Wir haben über einen langen Zeitraum das Kirchenbild der perfekten Gesellschaft gepflegt, der societas perfecta. Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich auf Texte der frühen Kirche besonnen und hat den Bogen zu Jesus Christus wieder gespannt und bringt die Auseinandersetzung von den ersten Jüngern, der Urgemeinde und den ersten Kirchenvätern in zwei Bildern herüber: der Kirche als das pilgernde Volk Gottes und der Kirche als Leib Christi. Diese Bilder relativieren die Vorstellung von der societas perfecta. Ich wollte damit sagen, dass das Zweite Vaticanum uns warnt vor einer Überhöhung der Sakralität. Natürlich sind wir als Kirche auch heilig von Gott her. Aber wir sind ja auch zerbrechlich und versündigen uns auch. Wir können sowohl als Einzelne als auch als Institution schuldig werden. Sonst wäre die Kirche ja nur abstrakt.

"Man kann die Schuld des
Missbrauchsskandals nicht vergemeinschaften.
Es sind immer Einzelne, die Missbrauch begehen"

Stichwort Schuld: Woraus schließen Sie, dass auch die Institution schuldig werden kann? Sünden begehen kann doch nur der einzelne Mensch. Die ganz große Mehrheit der Priester hat sich in puncto Missbrauch nichts zuschulden kommen lassen.

Natürlich kann man die Schuld des Missbrauchsskandals nicht vergemeinschaften. Es sind immer Einzelne, die Missbrauch begehen. Doch die Frage ist: In welchem Rahmen ist das geschehen? Und wie hat die Institution reagiert? Das ist alles sehr komplex. Ich will Dinge nicht zu sehr vereinfachen. Es ist falsch zu sagen: Es liegt nur am System. Genauso falsch ist es, zu sagen: Es waren nur Einzelne, das System hat nichts damit zu tun.

Vorwürfe wegen angeblicher Übergriffe des verstorbenen Hildesheimer Bischofs Heinrich Maria Janssen haben viel Aufsehen erregt. Nach wie vor verteidigen viele Diözesane ihn. Was macht Sie sicher, dass Ihrem Vorgänger kein Unrecht geschieht?

Bischof Janssen wird in unserem Bistum nach wie vor sehr verehrt. Er war fast dreißig Jahre lang im Amt und ist vielen als der Flüchtlingsbischof in Erinnerung. Er hat vielen Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten in seinem Bistum eine neue Heimat geschaffen. Was die Vorwürfe betrifft: Schon ehe ich Bischof wurde, gab es Anschuldigungen – und nach meiner Bischofsweihe kamen weitere hinzu. Denen gehen wir nach. Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend urteilen, aber ich muss die Anschuldigungen absolut ernst nehmen. Deshalb habe ich unabhängige Sachverständige mit der Untersuchung beauftragt.