Fulnek in Böhmen, heute im Bezirk Nový Jicín in Tschechien.

Jan Komenský: Buchtipps in Corona-Zeiten

Die Pandemie bringt politisch angeordnete Einschränkungen mit sich. Viele Menschen haben Zeit, wieder mal gute Literatur zu lesen. Sind Sie auch auf der Suche nach Buchtipps in Corona-Zeiten? Versuchen Sie es mit dem Werk des tschechischen Universalgelehrten Jan Komenský. Im Gegensatz zur „Seuchenliteratur“ von Camus und Boccacio bietet der Protestant eine echt christliche Perspektive.

Jan Amos Comenius Komensky 1592 1670 Czech humanist and pedagogue Exiled as a leader of the Mo
Jan Amos Komenský (1592–1670) war ein tschechischer Humanist und Pädagoge. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Amsterdam, daher stammt das Porträt von dem niederländischen Maler Jürgen Ovens. Foto: Imago Images

Im Januar 2020 schien die Welt noch in Ordnung, so ist man versucht, im Rückblick auf die vergangenen 12 Monate zu denken. Doch dem ist nicht so. Schon seit Bestehen der Menschheit gehört die Erfahrung von Not, Elend, Krankheit, Seuche, Isolation, Exil, Kerkerhaft, Krieg und Tod dazu und jeder geht auf seine eigene Art damit um. Puschkin etwa schrieb in der Quarantäne auf seinem elterlichen Gut während der Cholera-Epidemie im Herbst 1830 zwei Kapitel seines Meisterwerkes „Eugen Onegin“ zu Ende. Quasi zig Werste weit entfernt von jeglicher depressiven Verstimmung und Niedergeschlagenheit gelang es ihm sogar, von der Kirchenkanzel herab den Dorfeinwohnern zu bescheinigen, dass dieCholera gerade deshalb so wüte, weil sie versäumt hätten, den Leibzins zu zahlen und sich stattdessen dem Trunke ergeben hätten: Wenn sie so weitermachten, würden sie alle noch ausgepeitscht – Amen!

Labyrinth der Welt vs. Paradies des Herzens

Doch nicht jeder hat die Kutteln eines Dichters vom Schlage Puschkins. Tatsächlich setzt uns ein Leben in steter Sorge um die Gesundheit, die einhergeht mit Existenznöten und Angst und Sorge um die Liebsten, die scheinbare Ausweglosigkeit der Lage, doch mehr zu, als es den Anschein hat. Im TV, Radio und den sozialen Medien ebenfalls Corona auf allen Rohren, Durchhalteparolen in den Zeitungen, Neuinfektionszahlen in niederschmetternder Höhe (inzwischen wieder sinkend), den immer neuen – von vielen mittlerweile als schikanös empfundenen – Reglementierungen, welche selbst die Gesundheitsämter und Ordnungsbehörden vor Ort zu überfordern scheinen, den zermürbenden Wortmeldungen, Ansichten und Meinungen von Offiziellen, Inoffiziellen, Experten, Wohlmeinenden und Besserwissern, dem Nutzen von welchen Maskenmodellen und der Unbrauchbarkeit anderer, von unverhohlen geäußerter Schadenfreude, wenn ein sogenannter Corona-Leugner als positiv gemeldet wird und ob eine solche Person überhaupt medizinische Hilfe in Anspruch nehmen dürfe.

 

Da es bekanntlich nichts Neues unter der Sonne gibt, existiert natürlich auch ein ganzer Kanon von klassischer Seuchen-Literatur – zumeist werden hier Bocaccios Decamerone oder Camus Die Pest genannt. Die Lust am Zeitvertreib in angenehmer Gesellschaft unter Quarantänebedingungen oder die blanke Existenzangst, das alles durchdringende Gefühl der Sinnlosigkeit dominieren diese Werke in ihrer Thematik. Bei „Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens“ von Jan Amos Komenský, auch unter dem Namen Johann Amos Comenius bekannt, ist das ganz anders.

Comenius, geboren im Jahre 1592 in Südostmähren, ist vor allem durch seine großartigen Fähigkeiten als Pädagoge bekannt geworden, sein Orbis sensualium pictus ist das bekannteste Bilderbuch aus dieser Zeit, zugleich ein Lateinlehrbuch und eine Fibel, der Vorläufer des Bildlexikons. Sein Privatleben war geprägt von Schicksalsschlägen und ungünstigen Zeitläuften. Denn Comenius war Protestant und gehörte der Böhmischen Brüdergemeinde an. Bis zur vernichtenden Niederlage der protestantischen böhmischen Stände am Weißen Berg 1620 hatten die böhmischen Brüder unter dem Schutz Rudolfs II. gestanden. Danach setzte eine erbitterte Verfolgung ein, so dass Comenius, der in Fulnek auch eine Lateinschule geleitet hatte, fliehen und untertauchen musste.

„Und nun begann ein Kochen, Sieden, Brühen, Beizen,
Sengen, Kühlen, Brennen, Hacken, Schneiden, Stechen,
Zusammennähen, Verbinden, Salben, Versteifen,
Lockern, Abwaschen, Einreiben ...“

Inzwischen wüteten nicht nur kaiserliche Söldner, sondern auch die Pest im Städtchen Fulnek, in dem sich noch seine Frau und seine beiden Söhne befanden. Den brandschatzenden Söldnern fiel sein gesamtes Hab und Gut, das Haus sowie seine umfangreiche Bibliothek zum Opfer, Frau und Söhne erlagen der Seuche. Comenius selbst fand im Frühjahr 1623 Zuflucht auf dem Landgut eines mährischen Adligen und Glaubensbruders. Dort war er zwar vorerst in Sicherheit, doch hielt ihn die würgende Trauer um die erlittenen Verluste fest im Griff, immer verbunden mit der Angst eines Gejagten – dies war der Zeitpunkt, zu dem er das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens verfasste, eine geistliche Trostschrift in solch überwältigend klarer Prosa, dass Pavel Kohout, Literat und Dissident, gut 350 Jahre später – in einem Vorwort zu einer Neuausgabe – von der schönsten tschechischen Prosa des 17. Jahrhunderts sprechen konnte.

Ganz besonders fallen uns seine stilistisch eleganten Aufzählungen und Wortketten auf. Anlässlich des Besuchs seines Helden bei der Ärztezunft etwa: „Und nun begann ein Kochen, Sieden, Brühen, Beizen, Sengen, Kühlen, Brennen, Hacken, Schneiden, Stechen, Zusammennähen, Verbinden, Salben, Versteifen, Lockern, Abwaschen, Einreiben ...“ Alle sind Teil des Labyrinthes der Welt, welches die Form einer Stadt hat. Die (neugeborenen) Bewohner betreten sie durch ein Tor im Osten. Der Ich-Erzähler, einfach „der Pilger“ genannt, beschließt, sich zunächst gründlich in dem Stadt-Welt-Labyrinth umzusehen, bevor er sich für einen Stand und ein Gewerbe entscheiden will.

Der Blick durch die Brille der Verblendung

Ihm werden sogleich zwei Führer beigegeben, der „Alleswisser“, auch „Überalldabei“ genannt und die „Verblendung“, beides allegorische Figuren. Alleswisser legt ihm einen Zaum an, die Verblendung eine Brille, mit der er nicht richtig sehen kann. Da sie ein wenig schief ist, kann er aber doch noch Teilstücke der Wirklichkeit, wie sie ist, erkennen. Und damit beginnt die Reise, die den ersten Teil des Buches ausmacht und den Pilger über die sechs Hauptstraßen der Stadt führt, die den Ehestand, den Gewerbestand, Gelehrte aller Disziplinen, die Geistlichkeit, die Obrigkeit und den Ritterstand repräsentieren.

Während seine beiden Begleiter ihn unablässig davon zu überzeugen versuchen, wie würdig, sinnvoll und geordnet das weltliche Leben in all seinen Bereichen sich vollzieht, entdeckt der Pilger allerorten nur Aufgeblähtheit, Selbstüberhebung, Streitsucht und Neid, vergebliche Mühen, Unordnung, Wankelmut, Sucht nach modischen Neuerungen um jeden Preis, alle Arten von eitler Narretei und überbordenden Unfugs.

Ganzhingabe an Christus bietet Frieden und Trost

Während der erste Teil diesen Umstand in zahllosen, unterhaltsamen Episoden variantenreich schildert, geht es im zweiten Teil um das Paradies, das der Pilger in seinem eigenen Herzen, konkret in der Begegnung mit Jesus Christus an diesem besonderen Ort, auffindet. Gott selbst ist es, der ihn in sein eigentliches Innerstes gerufen hat, wo es noch ein wenig vernachlässigt wie auf einem Dachboden aussieht, was aber bald ein hübsches Gemach für den Heiland werden soll. Wenn du mit mir dort wohnen willst, spricht der Heiland zu ihm, findest du, was du in der Welt vergeblich suchst, Frieden, Trost, den wahren Ruhm und volle Sättigung. Unser Pilger weiht sich nun mit einem Gebet der Ganzhingabe an Christus, unserem „besten Arzt, besten Führer, Sachwalter und Berater“. Es ist ein Leitfaden, wie ein Leben in der Kirche und mit Gott gelingen kann, der mit einem langen Lobpreis schließt. Mit Comenius' Labyrinth der Welt habe das religiöse Traktat eine neue, suggestive literarische Form erhalten, urteilte einst Pavel Kohout. In den Jahren seit seiner Veröffentlichung hat das Labyrinth ungezählte Menschen in schier ausweglosen Situationen getröstet und ihnen Halt gegeben.

Der Unterschied zu anderen literarischen Werken, die zu Seuchenzeiten entstanden oder davon handeln, wie etwa das Decamerone oder Camus' Pest, liegt darin, dass es von christlicher Zuversicht geprägt ist. Wir sind nicht von dieser Welt, Frieden und die Begegnung mit Gott finden in unseren Herzkammern statt und dies hier ist nicht unsere Heimstatt – nur die Etappe eines Weges: Hinauf in die himmlische Stadt Jerusalem. Daran sollten wir festhalten, auch wenn die säkularisierte Gesellschaft ringsum es vergessen zu haben scheint.

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