Wenn Geschichte plötzlich Poesie wird

Vor fünfzig Jahren erschütterten Aufstieg und Fall des „Prager Frühlings“ die Welt. Von Ulrich Schacht
Red flag on flagpole waving in wind
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Mit Siebzehn hat man noch Träume, sang die junge Peggy March 1965 und gewann damit den Deutschen Schlagerwettbewerb in Baden-Baden, dessen Ergebnisse per Radio und Fernsehen auch im SED-Staat zu hören und zu sehen waren, über die seit 1961 ebenso hermetisch wie tödlich gesicherte Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten hinweg, die den elektromagnetischen Wellen und Funksignalen dennoch unterlegen war wie einem alle Mauern durchdringenden Geist.

Drei Jahre später war auch ich, ein Lehrling des Bäckerhandwerks in der alten Hansestadt Wismar, siebzehn geworden, aber schon auf dem Absprung in den Dienst einer diakonischen Einrichtung der evangelischen Kirche, dem bald darauf ein Studium der Theologie folgen sollte. Natürlich hatte sich das Träumen der Peggy March expressis verbis auf den „Himmel der Liebe“ bezogen, und natürlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt durchaus schon, was damit gemeint war. Der romantische Schlager jedoch drückte in meinem Falle, aber nicht nur in meinem, vor allem eine Gefühlslage aus, die sich am 9. März 1968, dem Tag, an dem ich siebzehn wurde, auf eine ganz andere Liebe bezog, eine politische, die zwischen März und Mai desselben Jahres immer farbenprächtiger und berauschender aufblühte.

Zugleich aber wurde sie propagandistisch immer bedrohlicher umstellt und belagert – bis die Belagerer sie kein halbes Jahr später, in der Nacht vom 20. zum 21. August, mit brutalster militärischer Gewalt von Truppen aus fünf Staaten des Warschauer Paktes unter Führung der Sowjetunion vernichteten: den „Prager Frühling“. Doch hatte ich dessen letzte Woche noch in der Hauptstadt der Tschechen und Slowaken erleben dürfen: Rauschhafte Tage und Nächte der Freiheit; weder anarchistisch, noch hedonistisch, geschweige denn gewalttätig. Stattdessen erlebte hier der „Mensch in der Revolte“, Camus antitotalitärer philosophischer Held, seine geschichtliche Auferstehung in der unwahrscheinlichsten Version: der Verbindung zwischen Volk und Regierung aus dem Geiste des Verzeihens, der Güte und der Wiederherstellung der Wahrheit durch die freie Rede in Organisationen, Medien und auf öffentlichen Plätzen. Gerade nicht aber in Form nur neuer totalitärer Machenschaften gewalttätiger Natur, wie er zeitgleich im Westen sein Medusenhaupt erhob, in den Aktionen der Achtundsechziger zwischen Paris und West-Berlin, versammelt unter den Konterfeis und Bannern der blutigsten kommunistischen Massenmörder der Weltgeschichte: Lenin, Stalin, Mao Tsetung. In Prag dagegen war man dabei, mit Hilfe einer immer konsequenter gedachten und umgesetzten Reformpolitik in Wirtschaft, Justiz und Gesellschaft sich von diesen Figuren und ihrer entsetzlichen Gedankenwelt und Tatengrausamkeit, Marxismus-Leninismus genannt, radikal zu verabschieden.

Freiheit war plötzlich keine Phrase mehr, sie bewies sich geradezu sinnlich im täglich wachsenden Raum ihrer Entfaltung: nicht ins Uferlose, Chaotische, Zynische, wie von den Belagerern unterstellt, sondern in eine alle Dimensionen des Gesellschaftlichen wie Privaten erfassenden Vertrauensfülle zunehmenden Maßes – dem radikalen Gegenteil jener nihilistischen „Emanzipation ins Leere“ (F. Böckelmann), wie sie die studentischen Protestkohorten auf den Straßen der Hauptstädte Westeuropas, denen die Prager Freiheit in der Mehrheit wesensfremd blieb, inszenierten.

Das gescheiterte Gespräch zwischen Rudi Dutschke und Prager Studenten im Frühjahr 1968 oder Hanns Magnus Enzensbergers schriftlich gegebene Ratschläge, dass Tschechen und Slowaken doch lieber dem kubanischen Revolutionsmodell folgen sollten als einer Sozialdemokratisierung, sind nur die bekanntesten Beispiel für diesen ideologischen Autismus. „Was ist ein Mensch in der Revolte?“, hatte Camus einst konträr dazu gefragt und die Antwort darauf so gegeben: „Ein Mensch, der nein sagt. Aber wenn er ablehnt, verzichtet er doch nicht, er ist auch ein Mensch, der ja sagt aus erster Regung heraus. Ein Sklave, der sein Leben lang Befehle erhielt, findet plötzlich einen neuen unerträglich. Was ist der Inhalt dieses ,Nein‘? Es bedeutet zum Beispiel: ,das dauert schon zu lange‘, ,bis hierher und nicht weiter‘, ,sie gehen zu weit‘ und auch ,es gibt eine Grenze, die sie nicht überschreiten werden‘. ... Die Revolte kommt nicht zustande, ohne das Gefühl, irgendwo und auf irgendeine Weise Recht zu haben.“ In solchen Worten, die einen existenziellen Aufbruchsprozess ins Freie als historisch immerwährende Möglichkeit rekonstruieren, spiegelte sich das Prager Geschehen nicht nur für mich, aber auch ich fand mich in ihm wie ein Geretteter wieder. In solchen Worten kam mein Traum zur Sprache angesichts eines Lebens unter der Diktatur, der jetzt plötzlich wahr wurde, sich materialisierte, sinnliche Gestalt annahm: der Traum der Freiheit, in Böhmen, Mähren, der Slowakei und, zentral, am Ufer der Moldau. Geschichte wird plötzlich Poesie. Und hatte Brecht diesem Fluss nicht ein ebenso berühmtes wie schönes Gedicht gewidmet, das wir nun wie eine Prophetie lasen, das „Lied von der Moldau“: „Am Grunde der Moldau wandern die Steine/ Es liegen drei Kaiser begraben zu Prag/ Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine/ Die Nacht hat zwölf Stunden dann kommt schon der Tag.“ Der Traum, von dem hier die Rede ist und der vor einem halben Jahrhundert die Welt ebenso positiv erschütterte wie sein Ende sie negativ, nannte sich „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.

Er war das Gegenteil der neostalinistischen Fratze, die uns zu dieser Zeit täglich in den gleichgeschalteten Zeitungen mit den Gesichtern von Ulbricht, Honecker, Mielke und Stoph entgegengrinste, von Breschnew, Gomu³ka, Schiwkow, Nowotný und Kádár, unter Schlagzeilen und neben Textmassen, die unentwegt die anmaßende ideologische Litanei ausbreiteten, dass sich in diesen verkniffenen Kleinbürgerporträts nichts Geringeres spiegele als das große Gesetz der Geschichte: das Gesetz des unaufhaltsamen Fortschritts, der Gerechtigkeit, des Humanismus und des Friedens. Das Gegen-Gesicht dazu, das sprichwörtliche Gesicht des „Prager Frühlings“, war das melancholisch-freundliche Antlitz des im Januar 1968, nach längerem inneren Machtkampf, zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei gewählten slowakischen Parteichefs Alexander Dubèek. Dubèek und seinen Mitverschworenen im Parteiapparat ging es zunächst „vor allem darum“, wie sein Freund Zdenìk Mlynáø, damals ZK-Sekretär und Schöpfer des reformorientierten „Aktionsprogramms der KPÈ“, das die übrigen Ostblockführer in höchste Aufregung versetzte, später schrieb, „der Gesellschaft selbst zu ermöglichen, freiwillig einen Weg zu finden, den die überwiegende Mehrheit bejahen würde“.

In dieser scheinbar einfachen neuen Linie, die als eine sich steigernde Prozessdynamik die neostalinistische Parteiorthodoxie in totale Panik versetzte, weil sie ihrer bislang unanfechtbar zur Verfügung stehenden totalen Macht immer schneller den Boden unter den Füßen wegzog, spiegelte sich zugleich das kritische Erkenntnisniveau über die gesellschaftspolitische und ökonomische Verfassung des Landes, wie es sich in den Reden jenes legendären IV. Kongresses des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes bereits ein knappes Jahr zuvor, im Juni 1967, naturgemäß prononcierter abgezeichnet hatte. In Beiträgen so prominenter Autoren und Philosophen wie Milan Kundera, Pavel Kohout, Eduard Goldstücker, Karel Kosík, Ludvík Vaculik oder Vázlav Havel, denen die Geschichte später noch ganz andere Rollen zuweisen sollte, wenn wir nur an Havel denken. Der Philosoph Kosík hatte gefragt: „Wer ist ein entwurzelter Mensch und ein Mensch ohne Grund? Wer Verstand und Gewissen verloren hat, antwortet der tschechische Intellektuelle des 15. Jahrhunderts ... Spätere Zeiten und auch die unsere kennen Verstand und Gewissen nur als voneinander unabhängige Größen, die sich zueinander gleichgültig oder feindlich verhalten. Und für die neue ist sogar jeder Zusammenhang, und umso mehr der grundlegende Zusammenhang zwischen Verstand und Gewissen, etwas sehr Verdächtiges. Aber Verdacht und Verdächtigung sind schlechte Ratgeber, wo es um die Wahrheit und ihre Probleme geht.“ Doch Havel, der Skeptiker, war aes, der ahnte, dass es auf die Fragen seiner Kollegen auch noch ganz andere Antworten als nur die eigenen geben könnte: „Welche Garantie wird hier eigentlich gegeben, dass die Praxis von morgen – wie schon so oft – nicht die schönen Worte von heute bespuckt? ... Es geht darum, ob wir all die hübschen Gedanken über Freiheit, Demokratie, Humanismus, Differenzierung und Fortschritt ... zu einem überzeugenden theoretischen Ausdruck der tatsächlichen Situation machen ... oder ob sie wieder nur eine betörend lügnerische Fassade bleibt.“ Havels Prognose bestätigte sich nach dem 21. August 1968 für zwei lange Jahrzehnte, in denen auch er wiederholt zum politischen Häftling wurde. Dass mit der „samtenen Revolution“ vom November 1989, die ihn vom Gefängnis direkt ins Präsidentenamt brachte, auch das Gesicht des „Prager Frühlings“ wieder auftauchte, das Lächeln des ebenso lange isolierten Alexander Dubèek, und beide, Arm in Arm, von einem Balkon herab den ihnen zujubelnden Menschen auf dem Prager Wenzelsplatz zurückwinkten, hat den berühmten Moment von 1968, als Geschichte zur Poesie wurde, auf einer höheren Stufe wiederholt. Beide Momente zusammen aber erfüllen, was Camus der Revolte als Charakter zuschrieb: Sie sei „keineswegs eine Forderung nach vollständiger Freiheit. Im Gegenteil“, sie mache „der vollständigen Freiheit den Prozess“. Bestreite sie doch „gerade die unbegrenzte Macht, die einem Höheren gestattet, die verbotene Grenze zu verletzen“. Mit dieser Charakteristik ist auch die abgrundtiefe Differenz zwischen dem Geist des „Prager Frühlings“ und seinem samtenen Echo 1989 zum Ungeist der Revolution der Achtundsechziger freigelegt.

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