Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich

„Nicht nur der Verstand, sondern auch die Seele wird berührt“

Ein Wanderer zwischen Vergangenheit und Moderne: Der Maler Caspar David Friedrich ist ohne das Christentum undenkbar.
Caspar David Friedrich  - Mondaufgang Am Meer 2
Foto: Artepics via www.imago-images.de (http://www.imago-images.de/) | Alles hat bei Caspar David Friedrich seine Bedeutung - weil nach Meinung Friedrichs nur derjenige Maler ein wahrer Künstler ist, der genau das malt, was er in seinem Inneren sieht. Im Bild: Mondaufgang Am Meer 2.

Zum 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich (1774-1840) erleben nicht nur die Kunstfreunde in Deutschland ein ganzjähriges Ausstellungsfestival: Zum Jubiläum des großen romantischen Malers sind ein halbes Dutzend Sonderexpositionen zu sehen. Der Buchmarkt reagiert zudem mit zahlreichen neuen Sachbüchern, die teilweise sogar die Bestsellerlisten erobern, wie „Zauber der Stille“ von Florian Illies beweist. Und Friedrichs Kunst hat nicht nur ideellen, sondern auch hohen materiellen Wert: So kam ein originales Skizzenbuch von ihm im Berliner Auktionshaus Grisebach unter den Hammer und wurde für über 1,8 Millionen Euro versteigert. Dabei wurde Caspar David Friedrich erst Anfang des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt, weil seine Kunst nach seinem Tod vielen als zu düster und weltfremd galt. Heute ist Friedrich wegen seiner Naturgemälde nicht nur ein Malerstar der Romantik, sondern auch so etwas wie der Maler der Deutschen.

Ausstellungen von Hamburg über Berlin bis New York

Zwar wird Caspar David Friedrichs Geburtstag eigentlich erst am 5. September gefeiert, aber schon ein Jahr zuvor im Herbst 2023 gab es bereits in der Schweiz die erste Friedrich-Ausstellung anlässlich seines runden Geburtstags. Im letzten Dezember folgte dann die Hamburger Kunsthalle mit ihrer Jubiläumsausstellung „Caspar David Friedrich: Kunst für eine neue Zeit“, die noch bis zum 1. April läuft. Sie bietet nach Aussage des Museums „die umfangreichste Werkschau des bedeutendsten Künstlers der deutschen Romantik seit vielen Jahren“ und konnte bereits rund 160.000 Besucher anlocken. Ab dem 19. April wird die Alte Nationalgalerie in Berlin mit „Unendliche Landschaften“ folgen, aber auch Sonderausstellungen in Greifswald, Dresden und später sogar in New York sind in Vorbereitung.

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„Das Geheimnis von Friedrichs Werken besteht darin, dass seine Bilder Gedanken und Gefühlsräume anbieten. Man nimmt mit ihnen Kontakt auf und kann sein eigenes Ich bei der Betrachtung einbringen, so dass nicht nur der Verstand, sondern auch die Seele berührt wird“, sagt beispielsweise die Kunsthistorikerin Birgit Verwiebe von der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel in Berlin im Gespräch mit der „Tagespost“. Als Kuratorin bereitet sie gerade mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Caspar-David-Friedrich-Ausstellung für die Hauptstadt vor – und schon als Schülerin sah sie in der damaligen DDR in Dresden die Jubiläums-Ausstellung zum 200. Geburtstag von Friedrich. Er gehört bis heute zu ihren Lieblingskünstlern.

Für Verwiebe ist klar, dass der romantische Maler Caspar David Friedrich ohne Religion, die Theologie und das Christentum undenkbar ist. „Von Friedrich weiß man, dass er sehr religiös war und die Bibel sicher gut gekannt hat. Wahrscheinlich hätte er gar nicht überlebt ohne seine Religiosität, denn er musste sehr viele Schicksalsschläge ertragen“, weiß die Kunsthistorikerin. Denn: „Ganz früh verliert er seine Mutter, da ist er gerade sieben Jahre alt. Dann stirbt sein Bruder vor seinen Augen - der ihn beim Ertrinken im Eis rettete. Es ist eine Katastrophe für den jungen Caspar.“ Viele weitere Schicksalsschläge sollen folgen, „bis dahin, dass es ihm nie vergönnt war, wirklich großen Erfolg zu haben und er von seiner Arbeit gut leben konnte.“ 

Die Endlichkeit des Seins erfassen

In der Alten Nationalgalerie, wo man Friedrich dauerhaft im 3. Obergeschoß einen der größten Säle gewidmet hat, kann die berühmte „Abtei im Eichwald“ betrachtet werden. Es ist ein düsteres Bild: Die Bäume tragen keine Blätter mehr, es ist bereits Nacht. Friedrich ist selbst viel durch die Natur gewandert, hat die Umgebung Greifswalds bestens gekannt und dabei die Ruine der Klosterkirche Eldena kennengelernt und vielfach gezeichnet. Birgit Verwiebe erklärt: „Das Thema des Bildes ist eigentlich die Frage, was nach dem Tod kommt - und letztendlich die Frage nach der Endlichkeit des Seins“. Sie ist sich sicher: Caspar David Friedrich schaute „auf das Verhältnis der menschlichen Existenz gegenüber dem Kosmos - Sie können auch sagen gegenüber dem Göttlichen“. In diesem Bild sieht man eine Gruppe von Mönchen, die einen Sarg in die Klosterruine tragen. Beim letzten Geleit werden sie an einem Altar mit Christus am Kreuz vorbeikommen. Auf dem Altar brennen Kerzen. Friedrich schuf zu diesem Gemälde ein Pendant: den berühmten „Mönch am Meer“, der in der Alten Nationalgalerie links von der „Abtei im Eichwald“ hängt. Zwei Jahre soll er daran gearbeitet haben. Beide Bilder waren 1810 auf der Berliner Akademieausstellung zu sehen und wurden verkauft. „Und wer hat sie gekauft? Das war damals der preußische König, Friedrich Wilhelm III. auf Wunsch seines Sohnes des Kronprinzen, des späteren König Friedrich Wilhelm IV.“, weiß die Kunsthistorikerin Verwiebe. 

"Mönch am Meer"
Foto: Wikicommons | "Mönch am Meer": Der einsame, von hinten gemalte, ein wenig verloren wirkende Mönch ist mit seinen philosophisch-theologischen Fragen auf der Suche nach dem Anfang und dem Ende des Lebens.

Beim „Mönch am Meer“ handelt es sich um eine Tagesansicht. Unten sieht man das dunkle schwarze Meer, darüber düstere Wolken am Horizont. Aber oben im Bild reißen die Wolken auf und man erkennt den strahlend, blauen Himmel. Der einsame, von hinten gemalte, ein wenig verloren wirkende Mönch ist mit seinen philosophisch-theologischen Fragen auf der Suche nach dem Anfang und dem Ende des Lebens. „Es geht um Sehnsucht: Die unerfüllten nicht aussprechbaren Dinge im Leben des Menschen“, sagt Birgit Verwiebe, während sie auf das Gemälde blickt. „Oben haben wir die Hoffnung, durch den hellen Himmel. Auch wenn es um den Tod geht, ist bei Friedrich die Hoffnung immer präsent.“ 

Das trifft ebenso auf das großformatige Blatt „Kreuz im Gebirge“ aus dem Berliner Kupferstichkabinett zu. Die Sepia-Tinte-Zeichnung auf Papier ist eine Vorarbeit für den berühmten „Tetschener Altar“ – ein Gemälde, was heute in Dresden hängt. Anna Pfäfflin ist Kuratorin für die Kunst des 19. Jahrhunderts am Kupferstichkabinett in Berlin. Sie erklärt und beschreibt die großformatige Zeichnung von 1806: „Wir sehen eine Kulisse mit einem großen Fels. Darauf stehen Tannen sowie ein Kreuz mit dem Christuskörper. In der Ausdeutung des Protestanten Friedrich steht der Fels für den Glauben, das Tannengrün für die Hoffnung. Das Kreuz wendet sich von uns ab, wird aber von einer Sonne, die nicht sichtbar ist, angestrahlt. Es ist vielleicht eine göttliche Sonne. Wir sehen nur diesen göttlichen Schein in diesem von uns abgewandten Christus.“

Das persönliche Gotteserlebnis im Blick

Alles hat bei Caspar David Friedrich seine Bedeutung - weil nach Meinung Friedrichs nur derjenige Maler ein wahrer Künstler ist, der genau das malt, was er in seinem Inneren sieht. Schon zu Lebzeiten polarisierte der Künstler: „Es gab große Bewunderer, die sagten, dass Friedrichs Bilder großartige Zukunftskunst seien“, wie Anna Pfäfflin erklärt. Andere Kunstkritiker hingegen waren kritischer und fragten: „Kann ein solches Landschaftsbild ein Altarbild sein? Darf die Landschaftskunst auf die Altäre kriechen?“ Für die Kunsthistorikerin Pfäfflin ist es aber genau das, was die Kunst von Caspar David Friedrich ausmacht: „Er malt keine Veduten mehr. Wir finden nicht den genauen Ort, von dem aus er das gezeichnet hat, sondern es ist auch sein innerer Blick, der im Bild umgesetzt wird.“

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Anna Pfäfflin deutet die Botschaften des Malers in seinen Bildern explizit theologisch und konfessionell: „Ich denke, es ist immer auch der protestantische Versuch, den Betrachter zurückzubinden auf sein eigenes Gotteserlebnis und ihn zum Nachdenken anzuregen damit er zu einer Erkenntnis oder zu einer Form von Gebet kommt. Landschaft wird zur Schöpfung und bietet eine Möglichkeit für die Gotteserfahrung“.
Und Anna Pfäfflin hat auch Erklärungen dafür, warum der Maler und seine Kunst gerade heute wieder so gefragt ist - gerade bei jungen Menschen -unabhängig vom runden 250. Geburtstag: „Einerseits könnte man meinen, Caspar David Friedrichs Kunst ist elitär - das ist Hochkunst, das hat mit uns gar nichts mehr zu tun. Aber er ist sehr heutig, weil er ein absoluter Individualist war und eine innige Beziehung, zu jedem Blättchen, zu jedem Steinchen und zur großen Natur hatte. Dieses Inhalieren von Welt, dieses Wahrnehmen, spricht auch die sogenannte Letzte Generation an.“ Kein Wunder also, dass ihre Vertreter vor einiger Zeit in der Hamburger Kunsthalle ausgerechnet über Friedrichs Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ ein Transparent klebten, wo der Wanderer nun aber vor einem Flammenmeer stand.  

Individualist und Gottessucher in schwierigen Zeiten

Die Frage, was heutige Ausstellungsbesucher an Caspar David Friedrichs Werken so sehr anspricht, dass sie zu Tausenden in die diesjährigen Sonderausstellungen strömen, scheint an der Identifikation mit seinen Themen zu liegen. Das hat auch Birgit Verwiebe in der Alten Nationalgalerie feststellt: „Ob das nicht mit Blick auf die aktuellen Geschehnisse in der Welt an diesen schwierigen Zeiten liegt?  Friedrichs Bilder sprechen viele emotional an. Man muss nicht erst ein Buch gelesen haben, um seine Motive zu verstehen“. 

Dieses Schweifenlassen der Gedanken fesselt offensichtlich das Publikum: „Es wird kein Fertiggericht vorgesetzt, sondern jeder darf sich selbst miteinbringen und kommt zum Nachdenken.“ Der „Mondaufgang am Meer“ sei so ein Bild, sagt Birgit Verwiebe „da identifizieren sich Betrachter mit diesen Rückenfiguren. Sie beginnen zu träumen. Und ich glaube, das mögen die Menschen.“

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