Berlin

Gesundheitssystem im Stresstest

So will die Bundesrepublik der Corona-Krise trotzen – Das deutsche Gesundheitssystem steht vor der größten Belastungsprobe der Nachkriegsgeschichte.
Coronavirus und Intensivpflege
Foto: Jonas Güttler (dpa) | Ein Blick auf eine Intensivstation in diesen Tagen: das Prosper Hospital Recklinghausen Intensivstation.

Deutschland spielt auf Zeit. Das allerdings derzeit sehr entschlossen und zügig. Die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote, auf die sich die Bundesregierung am vergangenen Wochenende mit den Ministerpräsidenten der Länder verständigt hat, soll den bei Epidemien üblichen expotentiellen Anstieg der Neuinfektionen verlangsamen. Der wichtigste Grund: Je flacher die Kurve der Neuinfektionen mit dem Erreger SARS-CoV-2 gerät, desto mehr Zeit bleibt dem Gesundheitssystem, um in den Kliniken und Krankenhäusern die Kapazitäten hochzufahren. Um das Gesundheitswesen dabei zu unterstützen, soll das Parlament in Sondersitzungen am Mittwoch (Bundestag) und am Freitag (Bundesrat) zwei von der Bundesregierung vorgelegte Gesetzentwürfe beschließen, die schon am Samstag in Kraft treten könnten.

Reaktionsfähigkeit auf Epidemien soll verbessert werden

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Dabei soll das „Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ die Reaktionsfähigkeit auf Epidemien verbessern helfen. Mit dem „COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz“ will die Bundesregierung zudem die wirtschaftlichen Folgen für die Krankenhäuser und Vertragsärzte aufgefangen und Anreize für den Ausbau der intensivmedizinischen Kapazitäten schaffen. Die wichtigsten Regelungen sind: Krankenhäuser, die elektive Leistungen verschieben, sollen – befristet bis zum 30. September – demnach pro freies Bett eine Pauschale von 560 Euro erhalten.

Für jedes zusätzlich aufgestellte Intensivbett, das über ein Beatmungsgerät verfügt, sollen die Krankenhäuser 50.000 Euro erhalten. Auch diese Regelung gilt bis Ende September. Zur Refinanzierung der medizinischen Schutzausrüstung für Ärzte und Pflegepersonal sollen die Krankenhäuser 50 Euro pro Patient in Rechnung stellen können. Auch diese Regelung gilt befristet, vorerst für den Zeitraum vom 1. April bis zum 30. Juni.

Laut dem Statistischen Bundesamt verfügen die 1.942 deutschen Krankhäuser über rund 497.200 Betten, darunter mehr als 28.000 Intensivbetten. Damit kommen auf 100.000 Einwohner rund 34 Intensivbetten. Ob die von Bund und Ländern verfolgte Strategie am Ende aufgeht, kann heute noch niemand sagen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) gibt es in Deutschland bislang 27.436 labordiagnostisch bestätigte COVID-19-Fälle (Stand: 24. März). Rund 2.809 (Stand 23. März) von ihnen sind inzwischen wieder von der Infektion mit SARS-CoV-2 genesen. Dem gegenüber gibt es bundesweit bislang 114 Todesfälle zu beklagen.

Verwirrung aufrund unterschiedlich hoher Fallzahlen

Im bundesweiten Vergleich breitet sich das Virus unterschiedlich schnell aus. So kommen in Hamburg (Stand 24. März) auf 100.000 Einwohner derzeit 57 labordiagnostisch bestätigte Fälle, in Bayern 44, in Baden-Württemberg 48 und in Nordrhein-Westfalen 35. Deutlich langsamer verbreitet sich das Virus bislang in den neuen Bundesländern. In Sachsen-Anhalt kommen auf 100.000 Einwohner nur 10 labordiagnostisch bestätigte Fälle, in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind es jeweils zwölf, in Thüringen 15.

Das deutsche Infektionsschutzgesetz verpflichtet die rund 400 Gesundheitsämter mindestens einmal täglich die pseudonymisierten Daten bestätigter COVID-19-Fälle an die Bundesländer zu melden. Die wiederum übermitteln die Daten elektronisch an das RKI. Für die tägliche Unterrichtung der Öffentlichkeit verwendet das RKI seit Mitte März dabei den Stand von jeweils null Uhr.

Dass dennoch unterschiedliche Zahlen in den Medien kursieren, die höher sind, als die vom RKI gemeldet werden, sorgt bei nicht wenigen Menschen für Verwirrung. Grund dafür ist, dass einige Medien Daten verwenden, die von Johns Hopkins Universität in Baltimore (JHU) veröffentlicht werden. Deren Forscher suchen im Internet nach öffentlich zugänglichen Quellen und werten dabei auch die eigenständigen Meldungen der Landkreise aus. Da viele Infektionen jedoch symptomfrei verlaufen und die Betroffenen genesen ohne überhaupt zu wissen, dass sie infiziert wurden, liegen sowohl die tatsächliche Zahl der Infektionen, als auch die Zahl der Genesenen deutlich höher als von RKI und JHU gemeldet.

Infizierte und Kontaktpersonen frühzeitig identifizieren

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Wichtig zu wissen, ist aber auch: Letztlich meldet auch die JHU keine anderen Zahlen als das RKI, sondern ist diesem nur zeitlich etwas voraus. Solange die Kurve der Neuinfektionen ansteigt, wird die JHU daher stets höhere Zahlen als das RKI vermelden. Sobald der Höhepunkt der Epidemie jedoch überschritten ist, wird es genau umgekehrt sein. Dann werden die von JHU veröffentlichten Zahlen der Neuinfektionen schneller sinken, als die des RKI.

Um die Zahl der Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 möglichst gering zu halten, ist das RKI nach wie vor bemüht, Infizierte und deren Kontaktpersonen möglichst frühzeitig zu identifizieren und in Quarantäne abzusondern. Um dieses Ziel noch besser zu erreichen, hat das RKI kürzlich eine Ausschreibung gestartet. Vor allem Medizin-Studierende sollen die Gesundheitsämter vor Ort bei der Kontakt-Nachverfolgung unterstützen. Wie der Präsident des RKI, Lothar Wieler, am Montag auf einer Pressekonferenz in Berlin erklärte, sei der Aufruf „sehr erfolgreich“ gewesen. Es gebe es eine Vielzahl an Bewerbern.
Überhaupt sind die Aufstockung des Personals in Medizin und Pflege sowie dessen Schutz bislang wohl die beiden größten Herausforderungen in der aktuellen Krise. Denn was nützten zusätzliche Betten und Beatmungsplätze, wenn am Ende die Ärzte und Pfleger fehlen, um die Patienten adäquat zu versorgen?

Das durchökonomisierte und nach Ansicht einiger Experten auch kaputtgesparte Gesundheitssystem steht jedenfalls vor seiner größten Belastungsprobe der Nachkriegsgeschichte.

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