Montreal/ Vatikan

„Gott lieben ist der Endzweck“

Der Glaube ist viel mehr als nur eine Option: Am Samstag erhält Charles Taylor den Joseph-Ratzinger-Preis.

Charles Taylor
Der Säkularismus tritt als ein den Glauben „ausgrenzenden Humanismus“ auf, so der Philosoph Charles Taylor. Foto: Lëa-Kim Châteauneuf

Der Joseph-Ratzinger-Preis wird am 9. November im Vatikan an den kanadischen Philosophen Charles Margrave Taylor verliehen sowie an den Theologen aus Burkina Faso, Paul Béré. Taylor wird damit für seine umfangreichen Studien zur Religionsphilosophie und säkularen Gesellschaft sowie für seine Untersuchungen zur Moralphilosophie und zum Multikulturalismus geehrt. Der mit 50 000 Euro dotierte Preis wird aus dem Fonds der vatikanischen Stiftung Fondazione Vaticana Joseph Ratzinger – Benedetto XVI. durch den Erlös der Werke des emeritierten Papstes gespeist sowie aus Spenden – die Preisträger werden mit ihm abgesprochen.

Große Resonanz hatte Taylor international durch sein 2009 erschienenes Buch „Ein säkulares Zeitalter“, einer Analyse der verhängnisvollen Quellen der Neuzeit und des Verlustes der religiösen Ordnung. Das neue Menschenbild stelle den Individualismus in den Vordergrund und führe in den Atomismus der Einzelnen, der die Gesellschaft und letztlich die Demokratie bedrohe. Oder mit den Worten Taylors: „In unseren ,säkularen‘ Gesellschaften kann man sich uneingeschränkt politisch betätigen, ohne je Gott zu begegnen, also ohne an einen Punkt zu gelangen, an dem sich die ausschlaggebende Bedeutung des Gottes Abrahams für dieses ganze Unterfangen eindringlich und unverkennbar bemerkbar macht. Die wenigen heute verbliebenen Momente rituellen Verhaltens oder des Gebets stellen kaum noch eine solche Begegnung dar, während dies in früheren Jahrhunderten des Christentums unumgänglich gewesen wäre.“

Die politische Gesellschaft werde heute so betrachtet, dass ihr gleichermaßen religiöse wie nicht-religiöse Menschen angehören. Zu den Vorreitern dieser Entwicklung gehören für Taylor die Vereinigten Staaten, die als eine der ersten Gesellschaften die Trennung zwischen Kirche und Staat durchgeführt hätten, aber statistisch unter den westlichen Gesellschaften mit religiöser Praxis vorne liegen.

Säkulares Denken hält den Glauben für nur eine Option

In einer säkularen Gesellschaft ist für Taylor der Glaube nur eine Option, „und in einem gewissen Sinne eine umkämpfte Option“, während sie das im Islam nicht sei. Taylor interessiert primär der Wandel von einer Zeit, in der „es praktisch unmöglich war, nicht an Gott zu glauben“, zu einer Gesellschaft, „in der dieser Glaube auch für besonders religiöse Menschen nur eine menschliche Möglichkeit neben anderen ist“. Als ein Höhepunkt dieser Auffassung ist die Postmoderne zu sehen, in der nach Taylor nicht einmal mehr die „romantische Vorstellung von Trost und Gefühl“ existiert, sondern die „Unheilbarkeit des Bruchs, das Fehlen eines Zentrums und die immerwährende Abwesenheit der Fülle“. Die Fülle des Seins sei hier allenfalls ein Traum.

Für Taylor ist es eine Selbstverständlichkeit, dass der Glaube um 1500 und der von heute verschieden ist. Nur werde das in der Regel so ausgegeben, dass der Rahmen von früher „naiv“ war und der heutige „reflektiert“ ist. Auf die Voraussetzungen der Reflektiertheit werde aber nicht mehr geachtet. Das ist für Taylor im eigentlichen Sinne säkular. Während es früher um verschiedene Lesarten des Christentums ging, geht es heute darum, dass wir die Welt verlassen haben, in der die „Fülle“ außerhalb oder jenseits unseres Daseins liegt. Auf diesem Schauplatz werden die heutigen Kämpfe geführt, obwohl für jeden in jeder Gesellschaft die Grundfragen dieselben sind: Was macht ein erfülltes Leben aus und wodurch wird es lebenswert? „Gott lieben und anbeten ist der Endzweck“, ist Taylors einfache und klare Antwort auf solche Fragen.

„Eine säkulare Epoche ist eine,
in der der Niedergang aller über das
menschliche Gedeihen hinausgehenden
Ziele denkbar wird“
Charles Taylor

Warum ist diese Frage des bloß Menschlichen und des darüber hinausgehenden für Taylor so wichtig? „Nun“, schreibt er, „ich möchte die These vertreten, dass das Aufkommen des neuzeitlichen Säkularismus, so wie ich ihn verstehe, mit der Entwicklung der Gesellschaft zusammenfällt, in der ein völlig selbstgenügsamer Humanismus zum ersten Mal in der Geschichte zu einer in vielen Kreisen wählbaren Option wird.“ Humanismus akzeptiere weder dasjenige, was über den Menschen hinausliege, noch irgendeine Instanz des Jenseits. Taylor spricht dann auch weiter von einem „ausgrenzenden Humanismus“, der mit dem Auftreten des Säkularismus zusammenfalle. Und noch einmal Taylor: „Eine säkulare Epoche ist eine, in der der Niedergang aller über das menschliche Gedeihen hinausgehenden Ziele denkbar wird, besser gesagt: Dieser Niedergang gehört für sehr viele Menschen zum Bereich vorstellbaren Lebens.“ Der „ausgrenzende Humanismus“ definiert sich geradezu gegenüber der Religion – auch wenn es wie bei „Mallarmé, Heidegger, Camus, Celan, Beckett“ Religiöses bei gleichzeitiger Ablehnung der Religion gebe. Es gibt keine Korrespondenzen mehr wie bei Shakespeare, wo die Nacht, in der Duncan ermordet wird, unruhig ist und es dunkel bleibt, obwohl der Tag hätte anbrechen müssen.

Taylors großes Thema ist die Ordnung des Sinns, und will ein Dichter diese darstellen, muss er sie heute selbst glaubhaft machen, ohne auf einen allgemein verständlichen Kanon zurückgreifen zu können: Es herrscht totale Immanenz. Der einzige Ausweg ist: „Die Reform verlangt, jeder müsse ein echter, hundertprozentiger Christ sein.“

Bei Taylor geht es immer um den Einzelnen

Der 1931 in Montréal in einem katholischen Elternhaus geborene Charles Taylor ist emeritierter Professor für Philosophie an der McGill Universität in Montreal, wo er auch studiert hat. Mit seiner 1975 erschienenen beinahe 800-seitigen Studie „Hegel“ hat er sich einen Namen auch in der Hegel-Forschung gemacht – das Buch wird noch immer regelmäßig zitiert. Hegel gilt als der Philosoph, der die Moderne auf den Begriff gebracht und sie somit erstmals geistig durchdrungen hat – für Taylor daher von besonderer Wichtigkeit für das Verständnis auch der Gegenwart. Dass er dabei nicht den üblichen Forschungsweg einschlägt, sagt er schon im ersten Satz: „Dies ist ein neuer Versuch, Hegel zu interpretieren.“

Letztlich geht es bei Taylor immer um den Menschen, um den Einzelnen. Das machte er auch schon vor Jahren im Streitgespräch mit Jürgen Habermas klar, als es um die Religion ging. Während Habermas nur das als religiöse Erfahrung gelten lassen wollte, was verallgemeinerbar ist, setzte Taylor das ganz persönliche Offenbarungserlebnis dagegen, das plötzliche Ergriffensein vom Glauben etwa. Auch das Verhältnis des Einzelnen zum Staat hat Taylor immer wieder thematisiert. Der moralische Pluralismus sei ein Problem für die Demokratie. So werden unvereinbare Wertsysteme und Vorstellungen vom Guten vermischt. Er befürwortet den Laizismus und verwirft die Säkularisierung. Laizisierung lasse sich als „jener Prozess beschreiben, in dem der Staat seine Unabhängigkeit von der Religion behauptet, während zur Säkularisierung gehört, dass der Einfluss der Religion auf soziale Praktiken und die individuelle Lebensführung zurückgedrängt wird.“ („Laizität und Gewissensfreiheit“, 2011) Laizisierung sieht Taylor als politisches Phänomen, Säkularisierung als soziologisches.

So gehört Charles Taylor zu den wenigen Philosophen, die um eine katholische Moderne ringen, ja der sie für möglich hält.