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Thomas von Aquino und das helle „Mittelalter“

In der Strahlkraft von Vernunft und Glaube: Thomas von Aquin und das helle „Mittelalter“  
Thomas von Aquin  und das helle „Mittelalter“  
| Das Denken des Thomas ist frei von jener typisch modernen intellektuellen Borniertheit, die nichts gelten lassen will, was über die menschliche Vernunft hinausgeht.

Wenn von der Epoche der Aufklärung die Rede ist, denken die meisten an das 17. und 18. Jahrhundert, an Denker wie Jean-Jacques Rousseau oder Immanuel Kant sowie an das politische Großereignis der Französischen Revolution. Mit der Aufklärung, so ein Gemeinplatz, habe endlich der finale Siegeszug der Ratio begonnen: Das Licht der Vernunft habe endgültig das über 1000 Jahre währende Dunkel des mittelalterlichen Irr- und Aberglaubens verdrängt und zugleich die Idee politischer Freiheit an die Stelle veralteter Vorstellungen von autoritärer Hierarchie gesetzt.

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Wenn man jedoch genauer hinschaut, dann zeigt sich, wie so oft, dass die Dinge ganz anders liegen. Dass die Aufklärung selbst dunkle Flecken hatte, ja sogar von reichlich Unvernunft und Blutrunst geprägt war – man denke an das Septembermassaker von 1792 –, blieb nicht lange verborgen. So erkannte etwa schon Georg Friedrich Wilhelm Hegel Anfang des 19. Jahrhunderts, dass die Aufklärung dringend über sich selbst aufzuklären sei.

Herabwürdigung christlicher Hochkultur

In der Tat ist das angebliche Licht der Aufklärung in vielerlei Hinsicht bloßes Blendwerk. Einer der größten, aber auch erfolgreichsten Täuschungen besteht in der im Anschluss an die Renaissance vollzogenen Abgrenzung zum angeblich unvernünftigen, „dunklen Mittelalter“. Schon die bloße Bezeichnung „Mittelalter“ ist eine ungerechtfertigte Herabwürdigung eines beeindruckenden Jahrtausends christlicher Hochkultur – als handle es sich um eine zu vernachlässigende Übergangszeit zwischen den Glanzperioden der Antike und der Neuzeit.

In Wahrheit leuchtet das „Mittelalter“ sogar heller als andere Epochen, was mit einer einzigartigen Synthese zu tun hat, die damals erreicht worden ist: Das „Mittelalter“ erhält seine geistige Energie und Strahlkraft nämlich von gleich zwei Sonnen, der der Vernunft und der des Glaubens. Exemplarisch zeigt sich diese historisch einmalige Verbindung von Ratio und Fides am Leben und Werk des heiligen Thomas von Aquin – dem wohl bedeutendsten Denker der gesamten Epoche.

Sozialer Affront für die blaublütige Verwandtschaft

Die Quellen sind zwar nicht restlos eindeutig, deuten aber stark darauf hin, dass Thomas zu Beginn des Jahres 1225 im süditalienischen Roccasecca geboren wurde, genauer: auf dem dortigen, zur Grafschaft Aquino gehörenden Schloss der Familie. Vor dem Hintergrund seiner adeligen Herkunft ergibt sich dann auch die besondere Brisanz der Entscheidung des jungen Thomas, den Dominikanern beizutreten. Denn bei diesem Wanderprediger- und Bettelorden handelte es sich um eine damals neue und gerade von den herrschenden weltlichen und kirchlichen Institutionen kritisch beäugte Vereinigung.

Dass aus Thomas ein Kirchenmann wurde, war zwar durchaus vorgesehen. Die Familie hatte ihn als das jüngste Kind, den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend, mit fünf Jahren als Oblate in die Benediktinerabtei von Montecassino gegeben. Allerdings war die spätere Entscheidung des Thomas, als Dominikaner ein Leben in Armut zu führen, statt etwa die mehr oder weniger vorgezeichnete Laufbahn hin zum honorigen Amt eines Abtes einzuschlagen, ein sozialer Affront für die blaublütige Verwandtschaft.

Bettelorden hatten große Strahlkraft

Seine Brüder schreckten nicht einmal davor zurück, Thomas kurz nach seiner Einkleidung in die Ordensgewänder zu entführen und ihn gegen seinen Willen auf Schloss Roccasecca festzusetzen. Aber Thomas ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen – nicht einmal durch eine ihm angeblich von der Familie aufs Zimmer geschickte Dirne, die er – um Keuschheit betend – mit einem brennenden Holzscheit davongejagt haben soll. Die Familie gab schließlich klein bei und der keusche Thomas wurde schließlich Dominikaner.

Die Beliebtheit der Bettelorden und ihre große Strahlkraft auf viele junge Männer der Zeit – Adlige wie Thomas eingeschlossen – zeigt eine ganz andere Form der sozialen Durchlässigkeit, als sie die Moderne typischerweise im Blick hat. Die vermeintlich „rationale“ Sicht, die wir als Erben der Aufklärung auf das soziale Gefüge einnehmen, hat zumeist nur Augen für einen ökonomischen Aufstieg.

Gottergeben aus rationaler Einsicht

Die Vita des Thomas steht hingegen sinnbildlich für ein Leben, das das Glück nicht in materiellen Gütern, sondern in einem möglichst gottgefälligen Leben erkannte. Die Gottergebenheit des Thomas war also gerade nicht Ausdruck einer aus Armut, Not und Unverstand geborenen Weltflucht, sondern umgekehrt: Die Entscheidung für die Armut war die Folge der rationalen Einsicht, dass ein der Erkenntnis und der Liebe Gottes gewidmetes Leben das Höchste ist, was der Mensch erreichen kann.

Thomas' Leben als Gelehrter wäre überdies nicht möglich gewesen ohne eine Institution, von der man heute vergessen zu haben scheint, dass sie eine Gründung des Mittelalters ist: die Universität. Der junge Thomas studierte zunächst in Neapel, wo man zumindest in Sachen Philosophie zur Speerspitze Europas gehörte. Denn hier wurde offen gelehrt, was etwa in Paris aufgrund theologischer Bedenken zumindest offiziell nicht erlaubt war: die Philosophie des Heiden Aristoteles, die dank der Vermittlung arabischer Gelehrter wieder Eingang in das europäische Denken gefunden hatte.

Unterwegs im Auftrag des Herrn

Später nahm dann niemand Geringeres als Albert der Große Thomas unter seine Fittiche. Nach Studium und Assistenzzeit in Paris und Köln wurde dieser schließlich im Frühjahr 1256 Magister an der Universität Paris. Doch Sesshaftigkeit war im Leben des Thomas nicht vorgesehen. Denn die Dominikaner waren nicht nur der Armut, sondern als Wanderprediger auch dazu verpflichtet, im Auftrag Christi und seiner Kirche durch die Welt zu ziehen. So wurde auch Thomas an immer wieder neue Orte entsandt und lehrte als Konventslektor in Orvieto, als Magister in Rom und – noch einmal – in Paris, um schließlich bei seiner letzten Lehrstation an seinen akademischen Ausgangspunkt in Neapel zurückzukehren.

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Neben der beeindruckenden Tatsache, dass Thomas in seinem Leben rund 15 000 Kilometer gewandert sein muss – Reiten war den Brüdern nicht gestattet –, erstaunt vor allem der weitverzweigte europäische Wissenschaftsraum jener Zeit, der sich bei der Beschäftigung mit Thomas' erkennen lässt. Möglich war ein derart in der Wahrheitssuche geeintes Europa freilich nur durch das Christentum, das trotz aller politischen Streitigkeiten zwischen Papst und Kaiser den gemeinsamen kulturellen und geistigen Horizont bildete.

EIn intellektuelles Christentum

Das Leben des Thomas offenbart ein intellektuelles Christentum, das sich weder heidnischem noch jüdischem noch islamischem Denken verweigerte, sondern vielmehr alle Quellen prüfte, um die darin zu findenden Wahrheiten in bester katholischer Manier unter dem gemeinsamen Banner von Glauben und Vernunft zu versammeln. So war, anders als oft behauptet wird, Thomas kein reiner Aristoteliker, auch wenn die Beschäftigung mit Aristoteles das thomanische Werk stark geprägt hat.

Das eigentliche Interesse des Thomas galt nie einem bestimmten weltlichen Denker, sondern der einen Wahrheit in ihren beiden Zwillingsgestalten: der natürlichen Vernunft und der übernatürlichen Offenbarung Gottes, deren Zentrum und Vollendung der menschgewordene Gott Jesus Christus darstellt. Thomas hütete sich aber stets davor, die Harmonie von Vernunft und Glauben einseitig zu erzwingen.

Die Aufgabe der Vernunft

Immer wieder erklingt im Werk des Thomas die Mahnung, Glaubenswahrheiten ja nicht mit bloßen Vernunftargumenten beweisen zu wollen. Dadurch mache man sich nur vor den Ungläubigen lächerlich. Die Aufgabe der Vernunft bestehe im Hinblick auf die geoffenbarten Glaubenswahrheiten vielmehr allein darin, zu zeigen, dass diese Wahrheiten der Vernunft nicht widersprechen.

Das Denken des Thomas ist daher frei von jener typisch modernen intellektuellen Borniertheit, die nichts gelten lassen will, was über die menschliche Vernunft hinausgeht. Thomas, der in seiner Laufbahn so viel Text hervorgebracht hat wie vielleicht kein anderer vor oder nach ihm – er diktierte zeitweise mehreren Sekretären gleichzeitig –, verstummte gegen Ende seines Lebens.

Ab dem Nikolausfest des Jahres 1273 brachte er nichts mehr zu Papier. Seinem besorgten Freund Reginald von Piperno soll er die vielzitierte Auskunft erteilt haben: „Ich kann nicht mehr. Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich gesehen habe.“ Die einzig adäquate Reaktion auf die mystische Begegnung mit dem Unaussprechlichen schien also das Schweigen. Thomas von Aquino starb wenige Monate darauf am 7. März 1274 im Kloster Fossanova im Alter von 49 Jahren.

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