Die Basilika der Muttergottes von Marienthal im Elsass

Im elsässischen Wallfahrtsort Marienthal bei Haguenau werden gleich zwei Marienstatuen verehrt.Durch seine wechselhafte Geschichte ist das Heiligtum ein Symbol der Einheit und Versöhnung. Von Barbara Wenz

Die freudenreiche Gottesmutter am linken Seitenaltar. Gegenüber erinnert eine Pieta an ihre Leiden. Foto: Barbara Wenz
Die freudenreiche Gottesmutter am linken Seitenaltar. Gegenüber erinnert eine Pieta an ihre Leiden. Foto: Barbara Wenz

Im elsässischen Wallfahrtsort Marienthal bei Haguenau werden gleich zwei Marienstatuen verehrt. Durch seine wechselhafte Geschichte ist das Heiligtum ein Symbol der Einheit und Versöhnung Von Barbara Wenz

Die Wissensseite Wikipedia listet unter dem Suchbegriff „Kloster Marienthal“ über zwei Dutzend Ergebnisse auf. Der Wallfahrtsort Marienthal mit zugehörigem Kloster, um den es hier geht, liegt vor den Toren Haguenaus im nördlichen Elsass und gilt als die älteste und bekannteste Marienwallfahrt des Elsass, für Lothringen, für das benachbarte Baden und die Pfalz. Anders als bei anderen Orten gab es hier keine Erscheinung und auch kein Gnadenbild, das auf wundersame Weise aufgefunden worden ist. Vielmehr gibt es eine Verbindung zu Friedrich II. von Hohenstaufen, der die Kaiserpfalz von Haguenau seine Lieblingspfalz nannte und sich ausgesprochen gerne dort aufhielt. Nach dem Tod des großen Kaisers am 13. Dezember 1250 in Italien war die kaiserliche Burg verwaist, wenige Jahre später das Haus Hohenstaufen erloschen. Wir wissen nicht, ob das Schicksal seines Dienstherren und seiner Erben Konrad und Konradin den Ritter Albert von Haguenau, der auf der Burg stationiert war, in seiner Entscheidung beeinflusst hat, sich von der Welt abzuwenden. Nachdem er vorher schon auf dem Landgut seiner Mutter am Rothbächel eine Kapelle zur Ehren der Muttergottes hatte errichten lassen, verließ er im Jahre 1257 endgültig die Mauern Haguenaus und schloss mit seinen Geschwistern die Vereinbarung, dass sie auf das umliegende Land, ihren Erbteil, für die Klostergründung gegen eine Geldzahlung verzichteten. Mit dieser Urkunde beginnt offiziell die Gründungsgeschichte des Klosters Marienthal. Albert von Haguenau schließt sich dem Orden der Wilhelmiten an, und die Wilhelmiter werden das Kloster und die Wallfahrt auch bis ins Jahr 1617 betreuen. Dieser heute erloschene, streng asketische Orden beruft sich in seinen Anfängen auf Wilhelm von Malavalle, der in einer Einsiedelei bei Siena lebte und im Jahre 1157 verstarb. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab es in der Toskana bereits sechzehn wilhelmitische Klöster, zwölf in Deutschland und Böhmen sowie sechs weitere in Frankreich und in den Niederlanden. Die wilhelmitische Lebensform zeichnete sich insbesondere durch strenges Fasten, Schweigen und Unbeschuhtheit aus, später unterstellten sie sich der Benediktinerregel; der letzte Ordensbruder verstarb im Jahre 1879.

Wunder und Wallfahrtsblüte, Kriege und Krisen

Die Wilhelmiten also hatten in der Anfangszeit Marienthals das Heiligtum in ihrer Obhut und der rege Zulauf an Pilgern verwundert nicht, wenn man weiß, dass im Elsass bereits seit der Merowingerzeit die Marienverehrung in hoher Blüte stand, vor allem in Strasbourg und Weißenburg. Immerhin war es auch ein Gottfried von Haguenau gewesen, der in den über 4 000 Versen, aus denen seine Mariencantilenen bestehen, den Lobpreis der heiligen Jungfrau besang und zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Bemühungen seines Bischofs unterstützte, das Fest der Empfängnis Mariens in der Diözese Strasbourg zu etablieren.

Bereits im Jahre 1402, also kaum 150 Jahre nach Gründung, genauer gesagt mit Datum vom 14. Mai, stellt Papst Bonifaz IX. eine Ablassbulle für Marienthal aus und rückt den eigentlich eher unbekannten Ort auf eine Stufe mit der berühmten älteren Wallfahrt nach Einsiedeln in der Schweiz. Aus dem selben Jahrhundert stammen auch die beiden Statuen, die noch heute das Ziel der Pilger sind: Die Freudenreiche Muttergottes mit dem Jesuskind auf dem Arm in der linken Seitenkapelle und die überaus bemerkenswerte Schmerzhafte Muttergottes mit der Leiche Jesu, deren Antlitz von einem mystischen Lächeln übergossen ist als vorausweisendes Zeichen der österlichen Freude.

Der Wunder ereigneten sich viele, davon zeugen die Votivtafeln in deutscher und französischer Sprache. Der Bericht eines Chronisten bezeugt „tote Kinder, die wieder zum Leben kamen, von Verlorenen, die wiedergefunden wurden, Besessenen, die Befreiung gefunden haben, Gefangenen, die von ihrem Band befreit wurden“. Die Geschichte Marienthals ist voller wunderbarer Ereignisse, Heilungen von Lahmheit, Gicht, Stummheit, Wassersucht, ja sogar von einer Rettung auf hoher See.

Schließlich leidet auch Marienthal wie die ganze Region unter blutigen Kriegen, grausamen Auseinandersetzungen, den Verheerungen von Reformation und Französischer Revolution. Im Jahre 1538 zum Beispiel tritt der letzte Prior zu den Protestanten über, verheiratet sich und verkauft Marienthal an die Stadt Haguenau.

Ab 1617 führt die Societas Jesu das neue Regiment und die Wallfahrt blüht wieder auf: Am Pfingstmontag des Jahres 1650 halten über 2 000 Pilger eine Prozession zu Ehren der Muttergottes ab. Zu dem Zeitpunkt, an dem der Jesuitenorden qua Edikt Ludwigs XV. im Jahre 1762 aufgelöst wird, ist Marienthal der meist besuchte Wallfahrtsort des ganzen Elsass – noch vor dem in weit spektakulärerer landschaftlicher Lage liegenden Odilienberg. Mehr noch, die bescheidene Anlage, zu der Tausende aus den Vogesen, aus der Pfalz, dem Badischen und dem Oberelsass pilgern, wird zum Herzensheiligtum der königlichen Familie und erhält aus Versailles großzügige Zuwendungen wie kostbare Lampen, wertvolle Altargarnituren und Krönchen für die beiden Marienstatuen.

Die Königin Frankreichs ist zu diesem Zeitpunkt eine Polin, die Prinzessin Maria Leczinska, eine Tochter des nach Weißenburg im Elsass geflohenen abgesetzten polnischen Königs Stanislaus, den August von Sachsen vertrieben hatte. Sie verbringt Silvester und Neujahrstag 1720 mit einer ganzen Gesellschaft in Marienthal, und es ist an einem Ostertag fünf Jahre später, dass sie einen vorahnungsvollen Traum hat, dem kurz darauf tatsächlich der Eheantrag Ludwigs XV. folgt. Hier werden Andachten für den Thronfolger gehalten, hierher zieht es Maria immer wieder.

Doch aller Glanz vergeht zum Ende des Jahrhunderts mit der Französischen Revolution, der Hinrichtung Ludwigs XVI. und der Einführung von Robespierres Kult um die „Göttin Vernunft“ und des „Höchsten Wesen“. Wieder werden die Gnadenbilder in ein Versteck gebracht, Soldaten der Revolutionstruppen hausen in Marienthal und entweihen die Kirche.

Das 19. Jahrhundert entdeckt das Christentum und seine Werte neu, dabei wird es ein ausgesprochen marianisches Jahrhundert. In den Jahren 1847 bis 1852 weilt der damals berühmte Journalist Louis Veuillot zu Besuch bei einem Freund im Elsass. Von Marienthal war er besonders beeindruckt und er notiert: „Wir sahen in Marienthal eine arme Alte, welche zu der Muttergottes gekommen war wegen ihres in Afrika als Soldat dienenden Sohnes, von dem sie keine Nachricht hatte. Getröstet kehrte sie heim, nachdem sie für ihr Kind ein gutes Leben oder einen guten Tod erfleht hatte; mehr als zwanzig Meilen hatte sie barfuß zurückgelegt, ohne von etwas anderem zu leben als ihrem Mut und der Wohltätigkeit der Mitmenschen. In den Schoß der Schmerzensmutter hatte sie ihren Kummer niedergelegt, und nun brachte sie in ihrem Herzen allen Trost zurück, den eine Mutter empfinden kann, welcher ihr Sohn fehlt. Hätten die ganze Aufklärung und alle demokratischen Einrichtungen der Welt dieser Frau mehr geben können? Die Philosophen hätten ihr höchsten noch ihr Herz wegnehmen ... können.“

Wenige Jahre nach der Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Mariens wird in Marienthal der Grundstein für einen Kirchenneubau gelegt, der am 12. September 1866 durch Kardinal Mathieu, dem Erzbischof von Besançon, in Anwesenheit von rund 20 000 Pilgern geweiht wird.

Mahnung zum Frieden im Herzen Europas

Auf den Glanz folgen neue Verheerungen: durch den deutsch-französischen Krieg und die nachfolgenden beiden Weltkriege. Zwischen den beiden Weltkriegen besuchen immerhin etwa 50 000 bis 60 000 Pilger pro Jahr das Heiligtum bei Haguenau, das am 19. Juni 1940 von deutschen Truppen besetzt wurde. Wie es schon gute Tradition war, hatte man die Freudenreiche Madonna in Sicherheit gebracht, während die Schmerzensreiche vor Ort belassen wurde, um mit den Menschen auszuharren. In den letzten Kriegstagen wurden Beichtkapelle und Basilika von Geschossen getroffen, danach kamen die US-amerikanischen Besatzer – bereits am 9. Dezember 1944, einen Tag nach dem Hochfest der Unbefleckten Empfängnis. Marienthal wurde wieder französisch und konnte vor allem im marianischen Jahr 1953/1954 erneut gigantische Pilgermengen anziehen.

Heute betreuen Nonnen der Herz-Jesu-Benediktinerinnen und Priester das Wallfahrtsheiligtum der Barmherzigkeit, das sich als ein Ort der Einheit und Versöhnung im Herzen Europas versteht. Um dies besonders herauszustellen findet sich in der Basilika auch eine Ikone mit den Patronen Europas: Benedikt von Nursia, Kyrill und Method, Katharina von Siena, Brigitta von Schweden und Edith Stein.

Jeden Sonntag wird um 14 Uhr, an Werktagen um 14.30 Uhr der Rosenkranz gebetet, eucharistische Anbetung findet sonntags ab 15.30 Uhr und werktags ab 15 Uhr statt. An den festlichen Wallfahrtstagen feiert man in der Basilika um 9.30 Uhr und 11 Uhr die Heilige Messe. Für Pilger besteht die Möglichkeit, im Gästehaus der Anlage ein Mittagessen einzunehmen, einen Kaffee zu trinken und ein Stück Kuchen dazu zu genießen. Auf Anfrage gibt es deutschsprachige Führungen und deutschsprachige geistliche Begleitung für Gruppen.

Weitere Informationen finden Sie unter www.basiliquemarienthal.fr