Katholikentag

Verhülltes Reiterdenkmal: Geteiltes Echo aus der Politik

Kaiser Wilhelm als Symbol für Nationalismus und Kolonialismus? Die AfD fordert das ZdK auf, „Geschichtsklitterung“ zu unterlassen. Die SPD begrüßt den Schritt dagegen.
Reiterdenkmal Kaiser Wilhelm I.
Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich (www.imago-images.de) | Als Grund für die Verhüllung geben die Veranstalter an, dass Wilhelm I. als Kaiser der Reichsgründung mit einem beginnenden Nationalismus und der Kolonialisierung durch das Deutsche Reich in Verbindung gebracht werde.

Die Entscheidung der Veranstalter des Katholikentags in Stuttgart, das Reiterdenkmal von Kaiser Wilhelm I. auf dem Karlsplatz rot zu verhüllen, stößt bei landespolitischen Vertretern Baden-Württembergs auf ein geteiltes Echo. Landtagsvizepräsident Daniel Born (SPD) begrüßt die Maßnahme: Die Figur könne nicht über Debatten zu Kolonialismus und Nationalismus thronen, erklärte er auf Anfrage der „Tagespost“. „Das ist hoffentlich auch ein Schritt um offen zu diskutieren, welche Ehrungen für Nationalismus von Straßennamen bis Denkmälern wir heute noch im öffentlichen Raum ertragen wollen.“ 

AfD spricht von "ahistorischen Tilgungen"

Als Grund für die Verhüllung geben die Veranstalter an, dass Wilhelm I. als Kaiser der Reichsgründung mit einem beginnenden Nationalismus und der Kolonialisierung durch das Deutsche Reich in Verbindung gebracht werde. Anders sieht das die AfD: Der religionspolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Stuttgarter Landtag, Hans-Jürgen Goßner, fordert das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als Veranstalter des Katholikentags auf, „jede Geschichtsklitterung in Stuttgart zu unterlassen“.

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Weiter heißt es in einer Pressemitteilung „Die Binsenweisheit, dass heutige moralische Maßstäbe nicht an die Bewertung historischer Persönlichkeiten angelegt werden, haben nicht nur Universitätshistoriker vergessen, sondern auch nun Kleriker.“ Zu Aufrufen, „Klimaziele nachzuschärfen oder am F4F-Klimastreik teilzunehmen“, würden sich nun „ahistorische Tilgungen“ gesellen, so Goßner. Ohne Wilhelm I. wäre Baden-Württemberg nicht, was und wie es heute sei. „Das ist absurd und zeigt, dass der Katholizismus inzwischen Woke-ismus genannt werden müsste.“ Kirchen hätten das Wort Gottes zu verkünden und „keine politischen Narrative zu setzen“.

FDP fordert "grundsätzlichere Diskussion"

Die FDP wiederum fordert „eine grundsätzlichere Diskussion zu Gestaltung dieses Monuments“. Der FDP-Landtagsabgeordnete Friedrich Haag, zugleich Mitglied des Kuratoriums der Denkmalstiftung des Landes Baden-Württemberg, weist in einer Presseerklärung darauf hin, dass es sich bei dem Reiterdenkmal im eigentlichen Sinn um ein Kriegsdenkmal handle, das Ende des 19. Jahrhunderts zum Gedenken an den preußisch-deutschen Sieg über Frankreich 1870/71 aufgestellt worden sei: „Mit der deutsch-französischen Freundschaft als einer der Achsen einer friedlichen europäischen Einigung und Zusammenarbeit ist dieses Denkmal eigentlich ein Fremdkörper. Gerade heute müssen wir wieder erleben, dass die Gier nach militärischen Triumphen Menschen in Unglück, Trauer und Elend stürzt.“ 

Haag erinnert daran, dass es Diskussionen zum Abriss dieses Denkmals bereits nach dem Zweiten Weltkrieg durch den damaligen Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett und in den Achtzigerjahren durch die Grünen im Rathaus gegeben habe. „Ein Abriss wäre heute aber das falsche Signal, auch eine Verhüllung ist aus meiner Sicht nicht der richtige Umgang“, so Haag, „denn ein Denkmal kann ein Denkanstoß sein.“ Er fordert stattdessen, eine kreative gestalterische Erweiterung des Denkmals zu schaffen, „um dieses in den Kontext eines friedlichen Europas zu setzen“.

Die in Baden-Württemberg regierenden Parteien, Bündnis 90/Die Grünen und die CDU gaben auf Anfrage der „Tagespost“ keine Stellungnahme ab.  DT/jg

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