Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Syriens Minderheiten sind in Gefahr

Die Christen müssen mit Unterdrückung und Racheakten seitens der neuen Machthaber rechnen.
Neuordnung in Syrien
Foto: IMAGO/Maria Nyrkova (www.imago-images.de) | Was manche Politiker und Medien derzeit auf die syrische Wirklichkeit projizieren, ist naiver als die Weltpolitik erlaubt. Syrien ist weiterhin ein zerrissenes Land

Irgendwie ist das Chaos in Syrien für die Innenminister mancher EU-Mitgliedstaaten allzu praktisch. Wenn Migranten aus Syrien in den Straßen deutscher und österreichischer Städte vor Freude über den Sturz von Assad tanzten, so scheint es für Asyl ja keine weiteren Gründe mehr zu geben. Zumal die neuen Machthaber sich gar so konstruktiv äußern: Offenbar geht es den freundlichen Herren mit ihren wohlgepflegten Bärten um Sicherheit und Stabilität, um Frieden und Freiheit. Herzallerliebst!

Lesen Sie auch:

Was manche Politiker und Medien derzeit auf die syrische Wirklichkeit projizieren, ist naiver als die Weltpolitik erlaubt. Syrien ist weiterhin ein zerrissenes Land, in dem die HTS die wesentliche Nord-Süd-Achse kontrolliert, aber keineswegs das ganze Land. Das System von Assad ist kollabiert, aber eine neue Machtbalance zwischen den unterschiedlichen bewaffneten Gruppen ist längst noch nicht gefunden. Und dann wären da noch die militärisch betriebenen Interessen der benachbarten Mächte, immerhin ist Syrien weiterhin ein Kampfgebiet für die Armeen Israels und der Türkei.

Zuerst kommt die Konsolidierung der Macht

Gewiss, die HTS will jetzt zunächst einmal eine Konsolidierung – aber nicht der Demokratie oder der Bürgergesellschaft, sondern ihrer Macht. Was dann passiert, lässt sich heute nur an Indizien ablesen. Schon jetzt werden Frauen ohne Kopftuch auf offener Straße angepöbelt, und die Kirchen rätseln, wie sie das Weihnachtsfest begehen können. Die Schrecken der säkularen Assad-Tyrannei sind vorüber, die Schrecken einer neuen islamistischen Diktatur lassen sich bereits ahnen.

Für zwei traditionelle Minderheiten Syriens ist die Zukunft besonders ungewiss und besorgniserregend: für die Kurden, die von der Türkei pauschal zu PKK-Terroristen erklärt und entsprechend bekämpft werden, die aber auch den sunnitisch-arabischen Milizen nicht trauen können. Und für die Christen, die als alteingesessene Minderheit ihren Glauben unter der Doppelherrschaft von Hafis al-Assad und seinem Sohn Bashar ein halbes Jahrhundert lang erstaunlich frei leben konnten. Doch gerade deshalb galten sie den radikalen Sunniten seit jeher als Stützen und Profiteure des Assad-Regimes. Nun müssen sie mit Unterdrückung und Racheakten rechnen.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen

Themen & Autoren
Stephan Baier Assad-Regime Christen Hafiz al-Assad Minderheiten Säkularisation

Weitere Artikel

Berichte über ein mutmaßliches „Blasphemie-Geschäft“ und drohende Vertreibungen zeigen, wie verletzlich Pakistans christliche Minderheit bleibt.
18.03.2026, 10 Uhr
Meldung
Archäologische Funde am Arabischen Golf zeigen, dass christliche Gemeinden nicht sofort nach der Geburt des Islams verschwanden.
08.03.2026, 16 Uhr
Bodo Bost
Die März-Massaker an der Mittelmeerküste richteten sich gegen die Alawiten. Aber auch Kurden, Drusen und Christen haben Anlass zu Wachsamkeit und Sorge.
13.04.2025, 15 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Stabwechsel in der Berliner Nuntiatur: Der Vatikan schickt mit Erzbischof Hubertus Matheus Maria van Megen einen erfahrenen Diplomaten nach Deutschland.
16.04.2026, 19 Uhr
Hartmut Sommer
Wenn Leo XIV. die Vorgabe von 120 Papstwählern einhält, könnte er bis zum Jahresende ein halbes Dutzend Kardinäle ernennen. Welche Akzente wird er setzen?
16.04.2026, 13 Uhr
Giulio Nova
Papst Leo XIV. wird in Bamenda in Kamerun mit großer Dankbarkeit empfangen und würdigt eine Kirche und Gesellschaft, die trotz großen Leids Wege der Versöhnung geht.
16.04.2026, 16 Uhr
Meldung
In der Heimat seines Ordensvaters Augustinus ermutigte Papst Leo XIV. zur Bekehrung.
16.04.2026, 05 Uhr
Regina Einig