Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um „5 vor 12“

Jahr Eins ohne Assad: Syriens Christen leben in Angst

Seit einem Jahr herrscht Terrorführer Al-Sharaa in Syrien. Kampfnamen und Kampfanzug hat er abgelegt, doch seine alten Kombattanten bedrohen heute die religiösen Minderheiten.
Außenpolitikkorrespondent Stephan Baier, verwüstete Mar-Elias-Kirche in Damaskus
Foto: DT / IMAGO / Anadolu Agency | Menetekel unter neuer Herrschaft? Der Anschlag auf die Mar-Elias-Kirche in Damaskus zeigte im Juni 2025 die Verletzlichkeit der syrischen Christen.

Ein Jahr nach dem Sturz von Bashar al-Assad leben Syriens Christen in Angst. Und das aus gutem Grund: Die Gewaltexzesse sunnitischer Terroristen gegen Alawiten, Kurden und Drusen haben bewiesen, dass das neue Regime die Minderheiten weder schützen kann noch will. Zunächst hat der im sogenannten Arabischen Frühling 2011 angezettelte Regionalkrieg um Syrien, der nie wirklich ein „Bürgerkrieg“ war, das traditionsreiche Land verwüstet, und nun setzt das seit 8. Dezember 2024 herrschende Regime von „Übergangspräsident“ Ahmed al-Sharaa das Zerstörungswerk fort.

Lesen Sie auch:

Nicht nur sunnitische Syrer tanzten vor einem Jahr voll Freude in den Straßen – auch in den Straßen Deutschlands und Österreichs. Die westliche Diplomatie, die Medienwelt und selbst kirchliche Kreise arbeiteten sich an den Verbrechen der Assad-Diktatur ab, priesen „Syriens Stunde Null“ und räumten dem Terrorführer Al-Sharaa alle Möglichkeiten zu einem Neustart der Beziehungen ein. Al-Sharaa legte seinen Kampfnamen ebenso ab wie den Kampfanzug, übte sich in diplomatischer Rhetorik und versprach jedem, was er so hören wollte. Der Westen (USA, EU und Großbritannien) strich den erfolgreichen Putschisten und seine Terrorbande von allen Terrorlisten. Donald Trump überschüttete den neuen Diktator Syriens beim Empfang im Weißen Haus mit Komplimenten.

Sunnitische Rachegefühle

Tatsächlich hätte Syrien nach Jahrzehnten der Diktatur und todbringender westlicher Sanktionen, nach Jahren erbitterten Krieges und mörderischer Zerstörung einen Neustart dringend nötig. Die Aufhebung des Sanktionsregimes und internationale Unterstützung sind längst keine politische, sondern allein eine humanitäre Frage. Es ist allerdings mehr als zweifelhaft, dass die neuen Herrscher Syriens ihre Geisteshaltung und ihre Ziele geändert haben. Für die letzten Christen Syriens ist das jedoch die Überlebensfrage, denn wenn der Staat die fragilen Minderheiten nicht schützt, ist der Tod die Alternative zur Emigration.

Das Regime von Vater und Sohn Assad hatte den Christen unterschiedlicher Konfession Überlebensräume geöffnet. Gewiss nicht aus Liebe, sondern aus Berechnung: Da der Assad-Clan der alawitischen Minderheit Syriens angehört, musste er nur die sunnitische Mehrheit fürchten. Alle Minderheiten schienen da überaus nützliche Partner. Und so konnte sich das seit den Tagen der Apostel vitale christliche Leben in Syrien stärker, selbstbewusster und sichtbarer entfalten als in anderen arabischen Ländern (abgesehen vom Libanon). Auch das macht die Christen heute zu einem Ziel sunnitischer Rachegefühle.

Der Westen muss darum seine Unterstützung für das Al-Sharaa-Regime an den unbedingten Schutz der ethnischen und religiösen Minderheiten knüpfen. Andernfalls gibt es für Alawiten und Drusen kaum, für Christen aber gar keine Möglichkeit, in Syrien zu überleben.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Apostel Bürgerkriege Christen Donald Trump Minderheiten

Weitere Artikel

In dem vom Bürgerkrieg geplagten Land erlebt man eine schleichende Islamisierung und eine Einschüchterung der Minderheiten, schreibt der Orient-Experte Stefan Maier.
08.10.2025, 20 Uhr
Stefan Maier
Berichte über ein mutmaßliches „Blasphemie-Geschäft“ und drohende Vertreibungen zeigen, wie verletzlich Pakistans christliche Minderheit bleibt.
18.03.2026, 10 Uhr
Meldung
Das christlichste Land der arabischen Welt gerät erneut in die Gefahr, zwischen Israel und der schiitischen Hisbollah-Miliz zerrieben zu werden.
03.03.2026, 11 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Die traditionelle Wallfahrt wächst – und sie ist jung: Der Altersdurchschnitt liegt bei 24 Jahren. Erstmalig gibt es in diesem Jahr eine vereinfachte Route.
23.04.2026, 18 Uhr
Meldung
Der Regensburger Weihbischof Josef Graf äußert sich besorgt über den Mentalitätswandel in der Gesellschaft.
23.04.2026, 14 Uhr
Regina Einig
Die Kirche ist um Gottes Willen stets widerborstig und ein Stein des Anstoßes. Ob es den Mächtigen dieser Welt nun gefällt oder nicht.
23.04.2026, 15 Uhr
Stephan Baier
Am Gute-Hirte-Sonntag betet die Kirche um geistliche Berufungen. Zeit, an das Heil der Seelen zu denken.
23.04.2026, 11 Uhr
Regina Einig