Kommentar um "5 vor 12"

Putin muss kapitulieren oder gestürzt werden

Der Potentat im Kreml ruiniert zwei Länder: die Ukraine und Russland. Zudem hat er sein Land und dessen Armee vor den Augen der Welt blamiert.
Ukraine-Krieg - Cherson
Foto: Yevhenii Zavhorodnii (AP) | Eine Frau lehnt sich an den ukrainischen Abgeordneten und Offizier Roman Kostenko, während sie die Rückeroberung von Cherson in der Ukraine feiern.

Verstummt sind die einst lauten Stimmen im Westen, die – teils ehrlich wohlmeinend, teils heuchlerisch – der ukrainischen Führung eine rasche Kapitulation empfahlen, um weiteres Leid und Blutvergießen zu vermeiden. Sie müssten jetzt mit derselben Begründung der russischen Führung die sofortige Kapitulation nahelegen. Wladimir Putin kann den Krieg, den er am 24. Februar mutwillig begann, nicht mehr gewinnen.

Der Schaden für Russland wird immer größer

Mit jedem Tag, den der Kreml zögert und seinen sinnlos gewordenen Krieg weiterführt, wird der Schaden für Russland und die Blamage seiner Armee nur größer. Niemand hat dem Prestige der einst ebenso gerühmten wie gefürchteten russischen Armee mehr geschadet als der Potentat im Kreml. Russlands Truppen sind nicht nur strategisch schlecht geführt und taktisch unfähig, sondern in der Breite desaströs ausgestattet, korrupt und von schlechter Moral. Die Armeeführung setzt auf die Kampfkraft von amnestierten Kriminellen, Wagner-Söldnern und tschetschenischen Islamisten, weil sie offenbar selbst nicht auf die regulären Truppenteile vertraut.

Lesen Sie auch:

Mit der Befreiung von Cherson wurde vor aller Welt bewiesen, dass Wladimir Putin unfähig ist, jene eroberten Gebiete zu sichern, die er vollmundig zu ewigen Bestandteilen der Russischen Föderation erhob. Seiner eigenen Ideologie und Propaganda zufolge stehen mit den jüngsten Rückeroberungen jetzt ukrainische Soldaten auf russischem Staatsgebiet. Wer trägt – weiter der Staatspropaganda Moskaus folgend – nun die Verantwortung dafür, dass diese „Invasion“ nicht zu verhindern war?

Eine Spur der Verwüstung

Gleichwohl sind die ukrainischen Siege auf dem Schlachtfeld kein Anlass für Jubel: Überall zeigt sich eine Spur hemmungsloser Plünderung und brutaler Verwüstung. Putins Truppen haben in den besetzten (nach russischer Propaganda: befreiten) Gebieten systematisch vergewaltigt, gefoltert und deportiert. Langsam wird vorstellbar, welcher tagtäglicher Horror sich in den noch immer besetzten ukrainischen Gebieten zuträgt. Dazu kommt, dass die russische Armee die systematische Zerstörung ukrainischer Infrastruktur trotz ihres militärischen Versagens weiter fortsetzt. Ein Winter des Grauens steht der Ukraine bevor.

Ein rasches Ende des Schreckens in der Ukraine, aber auch des Niedergangs Russlands wird es nur geben, wenn das „System Putin“ implodiert oder zerfällt. Solange der menschenverachtende Ex-KGB-Agent an den russischen Schalthebeln der Macht sitzt, werden die Leiden der Ukrainer und der moralische wie ökonomische Verfall Russlands nicht zu stoppen sein.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Russlands Krieg gegen die Ukraine Russische Regierung Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Kiew fürchtet den Wintereinbruch mehr als die Kampfkraft der russischen Armee. Putin droht weiter mit dem Einsatz von Atomwaffen.
05.10.2022, 19 Uhr
Stephan Baier
Die Ukraine steht vor einem harten Winter. Zwei kontroverse Meinungen, wie es nun weitergehen soll.
24.11.2022, 07 Uhr
Markus Günther Stephan Baier

Kirche

Der hohe Wert von Wahrheit und Freiheit – Nächste Folge der losen Serie über die „Köpfe des Konzils“: Bischof Karol Wojtylas Akzentsetzung beim Zweiten Vatikanum.
29.11.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Papst Franziskus erinnert die Bischöfe an ihre Pflicht, für die Lehre einzustehen. Das zeigt: Seine „Basta-Kommunikation“ wirkt.
29.11.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Ein Fazit, das der Görlitzer Bischof Ipolt aus den Gesprächen in Rom zieht ist, dass man auf dem Synodalen Weg nicht weiter machen kann wie bisher.
28.11.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt