Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um „5 vor 12“

Putin lässt den Russen keine Wahl

Der russische Autokrat sieht die Bürger seines Landes als homogenen Volkskörper, der im Gleichklang mit dem Führer zu handeln und zu denken hat. 
Außenpolitikkorrespondent Stephan Baier, Wladimir Putin
Foto: DT / IMAGO / ZUMA Press | Der Führer befiehlt, das Volk hat zu folgen: kritische Parteien sind bei den Dumawahlen nicht zugelassen.

Wenn die Bürger der Russischen Föderation Mitte September ihr Parlament, die Staatsduma, wählen, haben sie keine Möglichkeit, ein Zeichen gegen Wladimir Putins Krieg zu setzen. Die Kreml-Regie hat nämlich rechtzeitig dafür gesorgt, dass keine Partei zur Wahl zugelassen wird, die Putins sogenannte „militärische Spezialoperation“ auch nur sanft hinterfragt oder kritisiert.

Lesen Sie auch:

Doch deren Folgen sind dank ukrainischer Widerborstigkeit längst als echter Krieg in Russland angekommen. Die Menschen, deren Söhne oder Väter massenhaft auf dem fremden Schlachtfeld verheizt werden, die stundenlang an Tankstellen warten oder unter Stromausfällen leiden, können ebenso wenig gegen Putins Kriegskurs votieren wie die Oligarchen, die bereits Milliarden verloren haben und nicht mehr an ihre westlichen Luxusgüter kommen.

Zunächst hatte der Kreml wenigstens die westlich orientierte Kleinpartei „Jabloko“ (auf Deutsch: Apfel) zugelassen, die in den 1990er Jahren populär war, aber seit 2003 nicht mehr in der Duma vertreten ist. Doch selbst dieses kleine demokratische Feigenblatt hat die Putin-Autokratie nun verworfen. In einem stundenlangen Gerichtsspektakel hat Russlands Höchstgericht „Jabloko“ von der Parlamentswahl ausgeschlossen. Offiziell wegen undurchsichtiger Finanzierung und des Verdachts, Unterstützung aus dem Westen zu erhalten. Tatsächlich aber, weil Putin den Kritikern seines Kriegskurses keinerlei Stimme im Wahlkampf oder im Parlament zugestehen will – nicht einmal die leise Stimme von „Jabloko“.

Putin sieht Demokratie als westliche Dekadenz

Der russische Autokrat sieht – in schlechter faschistischer Tradition – die Bürger seines Reiches als homogenen Volkskörper, der ganz im Gleichklang mit seinem Führer zu handeln und zu denken hat. Die Illusion der nationalen Einigkeit ist ihm längst wichtiger als der Anschein demokratischer Verfahren. Dass die Duma-Wahl damit für alle Welt erkennbar weder fair noch frei, sondern eine reine Farce sein wird, stört Putin nicht im Geringsten.

Der Mann, der schon bisher politische Konkurrenten – wie Boris Nemzow oder Alexej Nawalny – geradezu demonstrativ ermorden ließ, ist bekennender Sowjetnostalgiker und hält echte Demokratie für eine westliche Dekadenzerscheinung. Umso bedenklicher ist, dass es im Westen immer noch Politiker, Parteien und Publizisten gibt, die Putin verharmlosen und verteidigen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Alexej Nawalny Demokratie Russische Regierung Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Bei den Duma-Wahlen wird die Staatspartei „Einiges Russland“ siegen, die Konkurrenz wurde fast völlig ausgeschaltet. Trotzdem hat das „elektorale Prozedere“ für das System Putin eine Bedeutung.
19.09.2026, 07 Uhr
Daria Boll-Palievskaya
Selenskyj ist ein Held, aber kein Heiliger und die Ukraine ist nicht perfekt. Trotzdem geht der Vorschlag, jetzt Wahlen abzuhalten, in die Irre.
26.08.2026, 16 Uhr
Stephan Baier
Die Visa-Einschränkungen der EU für russische Staatsbürger treffen die Falschen und stärken den Kreml. Stattdessen bräuchte es etwas anderes.
13.12.2025, 07 Uhr
Daria Boll-Palievskaya

Kirche

Die Kirche in Frankreich erlebt einen Taufboom. Eine synodale Versammlung fragt nach den Gründen. Doch jetzt kommt erst mal der Papst und wird begeistert empfangen.
25.09.2026, 05 Uhr
Guido Horst
Bruder Augustin fährt mit jungen Menschen nach Paris, zum Papst. Mit der „Tagespost“ spricht er über Neutaufen, die marianische Dimension der Papstreise, Berufung und Robert Schuman.
25.09.2026, 08 Uhr
Elisabeth Hüffer