Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Nächste Front: Belarus

Der Diktator aus Minsk scheint Putins verzerrte Weltsicht pathologisch zu spiegeln. Die Souveränität von Belarus hat Lukaschenko dem Kremlchef längst devot zu Füßen gelegt.
Treffen in Sotschi
Foto: IMAGO/Ramil Sitdikov (www.imago-images.de) | Ergebnisse der Begegnung der Diktatoren von Russland und Belarus am Montag in Sotschi können erhebliche Sorgen im Westen auslösen.

Das Treffen der Diktatoren von Russland und Belarus am Montag in Sotschi sollte den Westen aus drei Gründen nachdenklich stimmen: Weil Belarus im Februar zwar als Aufmarschgebiet für die russische Armee diente, jedoch bislang nicht selbst in den Krieg gegen die Ukraine eintrat. Jetzt aber zieht die belarussische Armee umfangreiche Truppen an der Grenze zusammen, was verdächtig an die russischen „Manöver“ unmittelbar vor der Invasion vom 24. Februar erinnert. Der Ukraine, die aktuell im Donbass schwer leidet und mit Mariupol ein Symbol ihres Widerstands verlor, droht damit eine Ausweitung des Krieges und eine weitere militärische Front.

Lesen Sie auch:

Völlig abgetaucht

Zweitens sollte das Treffen in Sotschi die Alarmglocken zum Schrillen bringen, weil die Statements von Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko zeigen, dass beide ganz in ihrer ideologischen Parallelwelt abgetaucht sind. Gewiss, Diktatoren-Statements vor laufender Kamera sind stets gezielte Propaganda und mit dem tatsächlichen Denken des Redners selten deckungsgleich. Doch die Lobeshymnen beider auf die russische Wirtschaft, die die westlichen Sanktionen locker weggesteckt habe, ja jetzt geradezu erblühe, ist so abwegig, dass sie sich rationalen Kategorien entziehen. Lukaschenko, der Putins Lob auf den russischen Wirtschaftsaufschwung rhetorisch noch überbot, scheint die verzerrte Wirklichkeits-Wahrnehmung Putins geradezu pathologisch zu spiegeln.

Unsere Regierung

Drittens gibt es Anlass zur Sorge, weil beide Diktatoren von „unserer Union“ und vom „Wirtschaftsblock unserer Regierung“ sprachen. Die belarussische Eigenstaatlichkeit scheint Putin zu ignorieren und Lukaschenko aufgegeben zu haben. Seit seiner Mogel-Wahl 2020, die kein westliches Land anerkannte, hängt der belarussische Tyrann ganz von der Unterstützung des großen Bruders in Moskau ab. Wider alle westlichen Proteste und die lange anhaltenden, brutal niedergeschlagenen Massendemonstrationen im eigenen Land hielt Putins Hilfe Lukaschenko an der Macht. Dafür scheint Minsk nun zur Kasse gebeten zu werden. Vieles deutet darauf hin, dass Putin im Krieg gegen die Ukraine jetzt die belarussische Karte ausspielt.
 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Alexander Lukaschenko Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Podcasts befeuern die Debatte zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine – und kommen zu informativen wie abstrusen Schlussfolgerungen.
30.05.2026, 11 Uhr
Marc Stegherr
Die Visa-Einschränkungen der EU für russische Staatsbürger treffen die Falschen und stärken den Kreml. Stattdessen bräuchte es etwas anderes.
13.12.2025, 07 Uhr
Daria Boll-Palievskaya

Kirche

Der Konflikt um die Neugestaltung des Altarraums der Basilika Weingarten geht in die nächste Runde: Neu aufgetauchte Unterlagen könnten die bisherigen Planungen infrage stellen.
23.10.2026, 14 Uhr
Meldung
Der Nationaldirektor scheidet nach nur wenigen Wochen aus gesundheitlichen Gründen aus. Die Arbeit für die Hilfsprojekte laufe dennoch ungehindert weiter.
22.10.2026, 14 Uhr
Meldung
Einer der 26 Passionisten, die im Spanischen Bürgerkriegt starben, ist der selige Justiniano Cuesta Redondo. Wegen eines Sprachfehlers wäre er zuvor fast kein Priester geworden.
23.10.2026, 05 Uhr
Claudia Kock