Sasses Woche in Berlin

Letzte Generation: Absturz nach dem Höhenflug

Mit ihrer Blockade des Berliner Flughafens haben die extremen Klimaaktivisten von der „Letzten Generation“ wieder einmal ihr wahres Gesicht gezeigt. Die Empörung ist groß, kippt nun auch die Stimmung insgesamt?
Flughafen BER
Foto: Christoph Soeder (dpa) | Nichts ging mehr in Berlin. Klimakleber brachten Flugverkehr zum Erliegen. Vielleicht wird man einmal sagen, dass dadurch die Stimmung gekippt ist.

Wenn ein Flughafen ein Pechvogel sein könnte, der Berliner wäre es. Erst wurde der BER jahrelang nicht fertig und kostete zu viel Geld – der Flughafen ist das Symbol für alles das, was in der Hauptstadt schief läuft. Jetzt ist er schon seit einigen Monaten in Betrieb und schien erst einmal aus den Schlagzeilen raus zu sein. Doch nun kommen die selbsternannten Klimaaktivisten von der „Letzten Generation“, besetzen das Rollfeld und legen so am Donnerstag für einige Zeit den Flugbetrieb lahm. Diesmal kann das Flughafen-Management wirklich nichts dafür. Trotzdem hat aber auch dieser BER-Vorfall das Zeug dazu, uns noch länger im Gedächtnis zu bleiben.

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Stimmung kippt

Vielleicht wird man einmal sagen, dass genau in diesem Moment die Stimmung gekippt ist. Die Ablehnung der Aktion geht durch die ganze Gesellschaft und reicht von der sozialdemokratischen Bundesinnenministerin bis hin zu den vielen wütenden Stimmen in den sozialen Medien. Spannend wird nun sein, ob diese ziemlich flächendenkende Ablehnung der Extremisten auch Auswirkungen darauf hat, wie künftig das Thema „Klimawandel“ insgesamt in der Öffentlichkeit gesehen wird. Nachdem die Klimabewegung, natürlich in erster Linie ihr nicht-extremistischer Teil, seit den ersten „Friday for Future“-Demos auf einer vor allem von vielen Medien getragenen Welle der Sympathie getragen wurde und sich kaum kritischen Stimmen stellen musste, könnte es damit nun vorbei sei. Haben die Klimaaktivisten überreizt?

 

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Absturz der Bewegung

Ein erster Schritt wäre ja schon, wenn man einmal genauer hinschauen würde, welche programmatischen Ziele von der Klima-Bewegung vertreten werden. Denn zumindest bei den Extremisten von der „Letzten Generation“ geht es nicht nur um Klimaschutz, sondern vielmehr um die Überwindung unseres marktwirtschaftlichen Systems. Dass dazu offenbar auch eine Missachtung des Rechtsstaates gehört, hat die BER-Aktion nur bestätigt. 

Aber es wäre auch zu bedauern, wenn die öffentliche Stimmung nun in das vollkommene Gegenteil umkippt. Bei aller Kritik an den Aktionen der Klimaextremisten, das Problem Klimawandel bleibt. Sollte hier die Sensibilität in der Gesellschaft nun deutlich runtergefahren werden, dann darf sich das die „Letzte Generation“ auf ihre Fahnen schreiben. Sie sorgte nach dem großen Höhenflug für den Absturz der Bewegung. 
Über eine andere Perspektive auf den Klimawandel dachten am Dienstagabend zwei ältere Herren im Berliner Hotel Albrechtshof nach (die „Letzte Generation“ würde wohl von „alten weißen Männern“ sprechen): Ein Christdemokrat und ein Sozialdemokrat, Friedrich Merz und Sigmar Gabriel.

Pragmatischer Ansatz 

Anlass war eigentlich eine neue Merz-Biographie, die Gabriel vorstellte. Doch schon bald ging es auch um die Zukunft und damit um das Klima. Gabriel betonte, dass das „Wohlstandsversprechen“, das in Deutschland bestehe, nicht aufgegeben werden dürfe. Es sei schon oft das Gespenst der Deindustrialisierung beschworen worden. Aber jetzt könne diese Gefahr tatsächlich real werden. „Wenn jeden Tag die Feuerwehr gerufen wird, es aber ein Fehlalarm ist, kommt sie vielleicht nicht mehr, wenn es wirklich brennt“, so der Sozialdemokrat. Und schrieb damit seinen Parteifreunden deutlich ins Stammbuch: Vergesst euer Stammklientel nicht, für das immer noch das Motto gilt: Meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich. Mit einer extremistischen Klimawandel-Politik, die die Axt an die Wurzeln des Wohlstandes legt, funktioniert das nicht.

Und auch Friedrich Merz betonte die Bedeutung eines pragmatischen Ansatzes: Es müsse der Schwerpunkt darauf gelegt werden, neue Technologien zu entwickeln, die die Klima-Frage lösen.  In Deutschland kreise ihm die Debatte zu sehr um Vermeidungsstrategien. 

Gabriel wie Merz ließen dabei durchblicken, dass sie vor allem in den Grünen einen problematischen Faktor sehen. Beide motivierten sich gegenseitig darin, dafür zu sorgen, dass sowohl die schwarze wie die rote Volkspartei sich nicht zu sehr der Öko-Partei anpassen sollten. 
Stehen die Zeichen auf Schwarz-Rot? Gabriel ist in Rente und Merz erst einmal nur Oppositionsführer. Aber wer weiß. 

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