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Kirche und AfD: Die Rettung liegt im Protokoll

AfD-Abgeordnete sollen nicht mehr zum Michaelsempfang der DBK eingeladen werden. Menschlich nachvollziehbar, aber auch professionell?
Anti-AfD-Demonstration in Krefeld
Foto: IMAGO/Horst Schnase (www.imago-images.de) | Die Kirche darf die Brücke zu den einzelnen Personen, und zwar unabhängig von Empfängen oder öffentlichen Terminen, nicht abbrechen lassen. Im Bild: Anti-AfD-Demonstration in Krefeld.

Es ist die jährliche große Begegnung zwischen Kirche und dem politischen Berlin: der Michaelsempfang ausgerichtet von der Bischofskonferenz und deren Katholischem Büro in der Hauptstadt. Künftig sollen zu diesem Event, so der Leiter des Büros, Prälat Karl Jüsten, vor einigen Tagen, Abgeordnete der AfD nicht mehr eingeladen werden. Hintergrund dafür sei die gemeinsame Erklärung der Bischöfe zur AfD, in der diese der Partei attestiert haben, in weiten Teilen durch einen völkischen Nationalismus geprägt zu sein. 

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Jeder, der ab und an Gastgeber ist, wird nachvollziehen können, dass man notorische Rumpöbler à la Stephan Brandner, einer der rüpelhaftesten AfD-Abgeordneten im Parlament, nicht gerne am heimischen kalten Buffet stehen hat. Nur: Aus der Vergangenheit ist nichts davon bekannt, dass sich beim Michaelsempfang anwesende Parlamentarier der Partei in irgendeiner Weise ungebührlich benommen hätten.

Der Michaelsempfang ist keine Privat-Party

Und: Der Michaelsempfang ist auch keine Privat-Party, wo Sympathie darüber entscheidet, wer auf der Einladungsliste steht. Sondern hier geht es darum, dass die Vertreter der Kirche Kontakte in die Politik knüpfen können. Etwas unfeiner ausgedrückt: um Lobbyismus. Und ob ein Lobbyist, der von vornherein bestimmte Kommunikationsfäden von sich aus kappt, tatsächlich ein guter Netzwerker ist, das scheint doch fraglich.

Es würde sich anbieten, sich auf die rein protokollarische Perspektive zu beschränken. Die AfD-Abgeordneten sind rechtmäßig gewählt und damit Vertreter des deutschen Volkes. Ob einem das nun passt oder nicht. Natürlich heißt dies nicht, diesen Abgeordneten nach dem Munde zu reden. Ganz im Gegenteil: Höfliche Distanz gepaart mit der klaren Formulierung der eigenen Interessen und Positionen – das wäre übrigens allen Parteien und ihren Vertretern gegenüber die professionelle Haltung.

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

In der Politik geht es nun einmal immer um Interessen. Und wenn auch bei solchen Empfängen viel gelacht und rumgekichert wird, sagt das, zumindest wenn Profis am Werk sind, nichts über tatsächliche Sympathie aus. Und das ist auch gut so. Man kann aber so einen Empfang auch wie eine Art Familientreffen zwischen kirchlichem Apparat und nahestehenden politischen Gruppen verstehen. Vielleicht ist dies tatsächlich die Perspektive, die hinter dieser Entscheidung steht. Kann man so machen. Aber ist das eine hilfreiche Strategie angesichts der kommenden Szenarien, die denkbar sind?

Welche Idee Andreas Rödder ins Spiel bringt

Andreas Rödder, Geschichts-Professor und ehemaliger Chef der Grundsatzprogrammkommission der CDU, hat mit Blick auf die kommenden ostdeutschen Wahlen, vor allem die in Thüringen, eine Idee ins Spiel gebracht, die quer zu der angestammten bundesrepublikanischen Erfahrung steht: Die Union sollte zu Minderheitsregierungen bereit sein. Dies hieße dann aber, bei allen Abstimmungen muss immer wieder neu eine Mehrheit zusammengesucht werden. In so einer Konstellation würde dem einzelnen Parlamentarier, und zwar unabhängig von seiner Fraktionszugehörigkeit, eine größere Bedeutung zukommen. 

Die einzelne Abgeordneten-Persönlichkeit würde wichtiger. Und das wiederum ist eigentlich eine Kommunikationschance für die Kirche. Zumal sie bei allem Fokus auf das politische Netzwerken bei solchen Beziehungen auch nicht die Seelsorge vergessen darf. Sie darf die Brücke zu diesen einzelnen Personen, und zwar unabhängig von Empfängen oder öffentlichen Terminen, nicht abbrechen lassen. Jeder Kommunikationskanal, der besteht, ist wertvoller, als einer der unnötig stillgelegt wird. In Krisenszenarien, von denen wir jetzt vielleicht noch gar nichts wissen, könnten sie entscheidend sein.

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