Alltag in der Ostukraine

Katholischer Bischof von Charkiw: „Auf plötzlichen Tod vorbereitet“

Wie viele Einwohner sei er darauf gefasst, dass jeder Tag sein letzter sein könnte, so Bischof Pawlo Honcharuk. Die müde Psyche beginne, das Gefühl der Gefahr zu unterdrücken.
Raketenangriff in Charkiw
Foto: IMAGO/Vyacheslav Madiyevskyy (www.imago-images.de) | Auch ihn drohe das täglich erfahrene Leid bisweilen zu überwältigen, so Bischof Honcharuk: „Das Böse ist so groß und zynisch. Kriege lassen sich sehr leicht auslösen, aber wie kann man sie wieder beenden?“

Der römisch-katholische Bischof von Charkiw, Pawlo Honcharuk, ist angesichts der permanenten Gefahr in seiner Heimatstadt im Osten der Ukraine „auf einen plötzlichen Tod vorbereitet“. Im Gespräch mit dem internationalen päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ erklärte er, er sei wie viele Einwohner darauf gefasst, dass jeder Tag sein letzter sein könnte. „Ich weiß, dass ich das Geschoss nicht hören werde, das mich trifft. Wenn ich also eine Explosion höre, heißt das, dass ich noch lebe. Wir sind auf einen plötzlichen Tod vorbereitet.“

Abgestumpft gegenüber den Gefahren

Angesichts der seit über fünf Monaten andauernden Kämpfe seien viele Menschen abgestumpft gegenüber den ständigen Gefahren, so Honcharuk: Zu Beginn des Krieges hätten die Menschen bei Luftangriffen die Schutzräume nicht verlassen, viele seien sogar dauerhaft dort geblieben. Jetzt nehme er jedoch wahr, „dass viele Menschen mutiger geworden sind. Die müde Psyche beginnt, das Gefühl der Gefahr zu unterdrücken“.

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Charkiw befinde sich sehr nah an der Front, so Honcharuk: „Zwanzig Kilometer, um genau zu sein. Es gibt Angriffe am Vormittag, am Nachmittag und in der Nacht.“ Erst vor wenigen Tagen seien keinen Kilometer von seinem Aufenthaltsort entfernt Bomben eingeschlagen.

Auch ihn drohe das täglich erfahrene Leid bisweilen zu überwältigen, so der Bischof weiter: „Das Böse ist so groß und zynisch. Kriege lassen sich sehr leicht auslösen, aber wie kann man sie wieder beenden?“ In Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, lebten vor Beginn des russischen Angriffskrieges etwa 1,7 Millionen Menschen, heute seien nach Angaben des Bischofs noch 700.000. Schätzungsweise seien 15 Prozent der Wohngebäude und der Infrastruktur zerstört, so Honcharuk.

Normalität so lange wie möglich aufrechterhalten

Den Alltag angesichts der permanenten Bedrohung beschrieb der Bischof als ambivalent: Einerseits herrsche ein Gefühl der Hilflosigkeit, andererseits versuchten die Einwohner, die Normalität so lange wie möglich aufrecht zu erhalten: „Die Unternehmen, die in der Lage dazu sind, führen ihren Betrieb fort.“ Auch Krankenhäuser, städtische Versorgungsunternehmen sowie Schulen und Universitäten arbeiteten weiter. Man könne an einigen Automaten noch Geld abheben. Zudem seien Polizei und Feuerwehr „vollständig funktionstüchtig“: Häufig seien 24 Stunden nach einem Angriff auf ein Haus oder eine Straße bereits alle Trümmerteile beseitigt.

Die Arbeit und den Zusammenhalt der Bevölkerung sieht Honcharuk als „Zeichen der Nähe Gottes“. Auch Priester, Ordensleute und ehrenamtliche Helfer seien unermüdlich tätig: „Unsere Kirche lebt und ist aktiv. Sie steht den Menschen zur Seite, den Alten und den Kindern, genauso wie sie den Soldaten hilft, die unser Heimatland verteidigen.“  DT/mlu

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