Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

In Berlin geht es nicht nur um Berlin

Sollte Rot-Grün-Rot nicht wieder aufgelegt werden, wäre das auch eine Schwächung der selbsternannten „progressiven“ Kräfte.
Wahlen in Berlin
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Sollte es Kai Wegner gelingen, entweder die SPD oder – was wahrscheinlicher ist – die Grünen aus der Linksfront herauszubrechen, es wäre ein politisches Meisterstück.

Da spricht genau der Richtige: Klaus Lederer, Kultursenator, Bürgermeister und linker Frontmann der Berliner Linkspartei erklärte gestern in einem Fernsehinterview, ein „progressives“ Bündnis sei immer noch möglich. Darunter versteht er die Wiederauflage von Rot-Grün-Rot.

Die Wortwahl Lederers ist bezeichnend, spricht aus ihr doch all die Hybris und ideologische Verbohrtheit des linken Lagers in Berlin. „Mit uns zieht die neue Zeit“, heißt es in einem bekannten Lied der Arbeiterbewegung. Wie diese „neue Zeit“ aussieht, kann man in Berlin seit gut zwei Jahrzehnten erleben. Die Wähler hatten nun wohl endgültig genug. Vor allem die Krawalle der Silvesternacht werden für viele das Tüpfelchen auf dem i gewesen sein. 

Konsequent auf "Law and Order" gesetzt

CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner hat die Chance erkannt und konsequent im Wahlkampf auf „Law and Order“ gesetzt. Man fühlte sich fast schon wieder ein bisschen an die Lummer-CDU aus alten Frontstadtzeiten erinnert. Anders als die Legion gescheiterter Spitzenkandidaten der Union vor ihm hat Wegner es geschafft, bodenständig rüberzukommen, er war auch kein Promi, der eingeflogen werden musste. Wegner ist ein echter Berliner. 

Lesen Sie auch:

Trotzdem: SPD, Grüne und Linke hätten zusammen eine Mehrheit. Wenn Klaus Lederer so lauthals den ideologischen Kern des Linksbündnisses beschwört, kann das zwei Gründe haben. Entweder spricht hier das Selbstvertrauen in die ideologische Treue der Bündnisgenossen bei Sozialdemokraten und Grünen. Oder aber Lederer wollte den eigenen „historischen Auftrag“ beschwören, die Stadt dürfe nicht der bösen Reaktion überlassen werden.

Ob so etwas zieht? Bei der Funktionärsbasis von Grünen wie SPD vielleicht schon. Beide Parteien sind in der Hauptstadt besonders links ausgerichtet. Ob aber auch die Wähler beider Parteien mit der Wiederauflage der Linkskoalition glücklich wären? Da sind Zweifel angebracht. 

Attraktivität progressiver Bündnis könnte verfliegen

Franziska Giffey, die pragmatischer ist als ihre Partei, könnte inhaltlich wahrscheinlich mit einer Großen Koalition leben. Aber sie will Regierende Bürgermeisterin bleiben. Das geht nur in der alten Konstellation. Aber auch das ist noch nicht klar. Die SPD ist nur um wenige Stimmen stärker als die Grünen. Der Landeswahlleiter will nochmal neu auszählen lassen, um auf Nummer sicher zu gehen. Da könnten am Ende die Grünen in dem Dreierbündnis die Nase vorn haben. 

Sollte es Kai Wegner gelingen, entweder die SPD oder – was wahrscheinlicher ist – die Grünen aus der Linksfront herauszubrechen, es wäre ein politisches Meisterstück. Und es hätte auch Folgen für Deutschland insgesamt: Die Attraktivität solcher „progressiven“ Bündnisse wäre erst einmal verflogen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Franziska Giffey Kai Wegner Klaus Lederer SPD

Weitere Artikel

Die drohende Linksmehrheit nach der Septemberwahl könnte die CDU dazu zwingen, zum Zentrum eines Bürgerblocks zu werden. Ein Modell für das ganze Land?
06.03.2026, 18 Uhr
Sebastian Sasse

Kirche

In Obertshausen erinnert neuerdings eine Statue an den Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz und an den spanischen Wallfahrtsort Caravaca de la Cruz.
14.08.2026, 09 Uhr
Oliver Gierens
Tod in der Arena oder lebendig begraben im Bergbau? Im dritten Jahrhundert wurden auch Päpste zu Märtyrern. Der 13. August ist der Gedenktag des heiligen Papstes Pontianus.
12.08.2026, 21 Uhr
Claudia Kock
Wer und was in deutschen Bistümern willkommen ist, zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit der traditionellen lateinischen Messe und der Priesterbruderschaft St. Pius X.
11.08.2026, 20 Uhr
Jakob Naser
Dass die katholische Kirche angesichts der Krise in Ceuta als Stimme der Vernunft wahrgenommen wird, liegt vor allem an Erzbischof Rocha. Er appelliert an den gesunden Menschenverstand.
11.08.2026, 11 Uhr
Regina Einig
Die Laienpredigt ist vom Vatikan nicht erlaubt. Wenn er davon erfahre, dass nicht geweihte Menschen predigten, werde er aber nicht disziplinarisch eingreifen, so der Mainzer Bischof.
11.08.2026, 06 Uhr
Meldung