Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Sasses Woche in Berlin

Wenn der Regierende Bürgermeister um Streusalz bettelt

Kai Wegner ist ein Musterbeispiel für einen Mangel, unter dem die politische Klasse leidet: politische Führung.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner
Foto: IMAGO / Stefan Zeitz | Wegner, der immerhin im September eine Wahl gewinnen will, wird immer mehr zur Witzfigur. Schon seine Reaktionen auf den Anschlag auf das Stromnetz in Berlin von vermutlich Linksradikalen sorgten weit über die ...

Es ist wahrlich nicht das erste Mal, dass Kai Wegner ins Rutschen gerät. Nun rutscht aber eine gesamte Stadt mit ihm mit. Und das scheint klar: Menschen landen nicht gerne auf dem Hosenboden. Und wenn doch, dann werden sie bei der nächsten Wahl wohl Konsequenzen ziehen.

Lesen Sie auch:

Auf Berlins Straßen geht es nämlich im Moment ziemlich eisig zu. Aber gegen das Glatteis darf kein Salz gestreut werden. Wegen möglicher Umweltbelastung ist es einst in Berlin verboten worden. Aber mittlerweile ist die Hauptstadt so rutschig geworden, dass sich auch der Regierende aufgerafft hat: „Wir erleben in Berlin extreme Wetterbedingungen – mit Eisregen und anhaltendem Frost. Ich appelliere an das Abgeordnetenhaus, den Einsatz von Tausalz in Berlin in Ausnahmen möglich zu machen“, schrieb er bei X.

„Keine überraschende Wetterkrise: man nennt es Winter“

Der flehende Tonfall sorgte für viel Spott. Selbst Armin Laschet machte sich über seinen Parteifreund lustig. Es sei „keine überraschende Wetterkrise: man nennt es Winter“, postete der einstige CDU-Kanzlerkandidat ebenfalls bei X.

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa/Montage pwi | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Wegner, der immerhin im September eine Wahl gewinnen will, wird immer mehr zur Witzfigur. Schon seine Reaktionen auf den Anschlag auf das Stromnetz in Berlin von vermutlich Linksradikalen sorgten weit über die Hauptstadt hinaus für Kopfschütteln. Maulig klagte er darüber, mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht schnell genug reagiert zu haben, er habe doch nur mal mit seiner Lebensgefährtin zusammen Tennis gespielt, um den Kopf frei zu bekommen. Ansonsten habe er brav im Büro gesessen.

Das ist in etwa so, wie wenn Helmut Schmidt, der als Innensenator seine Heimatstadt vor der Sturmflut retten musste, statt mit dem Krisenstab zu tagen, lieber eine Fachmesse über Schnupftabak im benachbarten Bremen besucht hätte. Nur um mal die Nase frei zu bekommen, denn angesichts des enormen psychischen Drucks, der auf ihm als Stadtretter lastete, hätte er dieselbe durchaus voll gehabt haben können. 

Ein bisschen mehr Präsenz, ein bisschen mehr Charisma

Und in der Tat: Ein größerer Unterschied als der zwischen dem Politikertypus, für den Kai Wegner steht, und einem Helmut Schmidt scheint kaum denkbar. Von tatsächlichen Managerqualitäten mal ganz abgesehen, Politiker brauchen auch Intuition. Krisen sind ja nicht nur Last, sie bieten dem Politiker auch die Bühne, auf der er zeigen kann, dass er das Zeug zum Staatsmann hat.

Schmidt wurde dank der Flut deutschlandweit bekannt und hatte von nun an ein Image, von dem er bis in die letzten Tage seines langen Lebens zehren konnte. Und was hätte Wegner auch mit nur ein bisschen mehr Präsenz, ein bisschen mehr Charisma, nicht alles aus der Situation nach dem Anschlag ziehen können? Mindestens als solider Arbeiter, der Tag und Nacht für seine Berliner kämpft, hätte er sich verkaufen können. Doch jetzt ist er zum Musterbeispiel für alle diejenigen geworden, die schon seit Jahren den Qualitätsverfall der politischen Elite beklagen und nun eine Begründung für ihren Pessimismus haben. 

Anders als die Amerikaner tun wir uns schwer, im politischen Zusammenhang von Anführern zu sprechen. Diese Skepsis ist im Grunde auch ganz gut. Aber trotzdem braucht Politik Führung. Ja, es ist doch gerade so: Schlaffis wie Wegner treiben die Menschen doch geradezu in die Arme jener populistischen Charisma-Kraftprotze, bei denen jeder Wimpernschlag dem Wähler suggeriert: „Gebt mir Macht, denn ich mache was.“

Erziehen Sie Ihre Kinder vernünftig!

Aber hören wir auf zu klagen. Denn die eigentliche Frage ist doch: Wo sollen die Politiker lernen, was politische Führung ist? Bringt man das mit, ist es Talent? Helmut Schmidt beispielsweise konnte in Hamburg auch auf seine Erfahrungen als Offizier zurückgreifen, der wusste, wie man seine Truppe führt. Natürlich kann man deswegen unserer Gesellschaft keine Kriegserfahrung wünschen.

Es gibt vermutlich keinen Königsweg. Und dass auch keine Doktorarbeit hilft, zeigt gerade der Thüringer Ministerpräsident Mario Voigt, der sich mit Plagiatsvorwürfen rumschlagen muss. Politische Führer entstehen eben nicht im Labor, auch nicht im Trainingscamp. Es hängt eben vor allem mit Charakter und Integrität zusammen. Also, erziehen Sie Ihre Kinder vernünftig! Sie könnten vielleicht einmal Politiker werden.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Kai Wegner

Weitere Artikel

Der Berliner Senat hat einen Gedenktag gegen Islamfeindlichkeit eingeführt. Das neueste Beispiel für die politischen Fehler des Berliner CDU-Bürgermeisters Kai Wegner.
19.12.2025, 11 Uhr
Sebastian Sasse
Ideologie statt Realität: Der Bundesrat will „sexuelle Identität“ im Grundgesetz schützen. Ein Vorhaben, das Frauen, Kinder und die Wahrheit gefährdet.
01.10.2025, 18 Uhr
Franziska Harter

Kirche

Kritischen Stimmen zum Trotz beschließt die Synodalversammlung zahlreiche Quoten für die künftige Synodalkonferenz. Auch die Verstetigung des Monitorings erreicht nur knapp eine Mehrheit.
31.01.2026, 12 Uhr
Meldung
Die Debatte um die Besetzung der Synodalkonferenz zeigt: Weiter weg kann man von einer offenen, einladenden Kirche nicht sein. Paradox, dass man immer noch auf die Zustimmung Roms hofft.
31.01.2026, 11 Uhr
Regina Einig
Auch zum Ende des Synodalen Wegs wird Reform mit Verwaltungsmacht verwechselt, geistliche Früchte hat das Projekt nicht gebracht. Fazit einer ehemaligen Synodalen.
30.01.2026, 16 Uhr
Dorothea Schmidt