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Gibt es Völker ohne Sex-Appeal?

Die humanitären Katastrophen in der Ukraine halten uns in Atem, die im Libanon und in Berg-Karabach werden von Politik und Medien übersehen.
Armenien-Aserbaidschan Konflikt
Foto: Gilles Bader (Le Pictorium via ZUMA Press) | Der Friedhof Yerblur liegt auf einem Hügel am Stadtrand von Eriwan. Seit 1988 ist Yerablur die Begräbnisstätte für armenische Soldaten, die während des Berg-Karabach-Konflikts ihr Leben verloren haben.

Manche Völker stehen immer im Rampenlicht der Aufmerksamkeit, aber es gibt auch „Völker ohne Sex-Appeal“, deren Schicksal und Leiden leicht übersehen werden. Diese These vertrat vor fast einem halben Jahrhundert der konservative Schriftsteller Gerd-Klaus Kaltenbrunner. Damals waren allerdings auch die Ukrainer so ein Volk ohne Sex-Appeal (um in Kaltenbrunners Diktion zu bleiben). Fast niemand wusste überhaupt vom Holodomor, dem Versuch Stalins, die ukrainische Identität durch ein millionenfaches Massensterben zu brechen. Fast niemand nahm die Unterdrückung der ukrainischen Kultur und Sprache oder ihrer griechisch-katholischen Kirche zur Kenntnis.

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Heute ist die Ukraine in aller Munde. Die Weltöffentlichkeit blickt gebannt auf den grausamen Krieg Putins gegen das Nachbarland, dessen Geschichte und Identität sich uns täglich ein wenig mehr erschließt. Eine bisher nicht gekannte Solidarität nicht nur der westlichen Staaten, sondern ihrer Gesellschaften bricht sich in Hilfslieferungen und Spenden Bahn. All das braucht die Ukraine, um zu überleben und ihren Widerstand gegen den Aggressor aufrecht zu erhalten.

Katastrophen vor der Haustüre Europas

Doch während wir nach Kiew, nach Cherson oder Bahmut blicken, taumeln andere Länder einer humanitären Katastrophe entgegen. Nicht irgendwo in weiter Ferne, sondern vor der Haustüre Europas: Im Kaukasus werden die Armenier in Berg-Karabach (Arzach) von Aserbaidschan regelrecht ausgehungert. 120.000 Menschen sind in der Enklave weitgehend isoliert, seit das Regime in Baku die Verbindung zwischen Armenien und Berg-Karabach abgeriegelt hat. Es fehlt an Medikamenten, medizinischer Versorgung, Lebensmitteln und Energie. Auf die russischen „Friedenstruppen“, die im Dauerkonflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan in der Region stationiert wurden, können die Menschen ebenso wenig zählen wie auf die westliche Diplomatie.

Nicht minder dramatisch ist die Lage im Libanon, der vor dem unmittelbaren Staatskollaps steht. Eine korrupte politische Kaste hat das einst blühende Land ruiniert, so dass es heute am Lebensnotwendigen mangelt. Wer kann, packt seine Koffer und verlässt die Levante fluchtartig. All das scheint sich weit unter der Wahrnehmungsschwelle der Politik wie der Medien in Europa abzuspielen. Gibt es also doch „Völker ohne Sex-Appeal“? Oder wachen wir immer erst auf, wenn die Katastrophe eingetreten ist?

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