Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Der Libanon verfällt

Die arabischen Christen schielen nach Westen, während der Einfluss Teherans wächst.
Michel Aoun, Libanons Präsident
Foto: Bilal Hussein (AP) | Der libanesische Präsident Michel Aoun hält eine Rede vor seinen Anhängern, die sich vor dem Präsidentenpalast versammelt haben.

Für den Libanon ist es längst Fünf nach Zwölf. Seine politische Klasse hat das einstmals blühende Land, das als „Schweiz des Orients“ gerühmt wurde, an die Wand gefahren. Korruption, Vetternwirtschaft und hemmungsloser Klientelismus haben das europäischste aller arabischen Länder geplündert und in die Verarmung getrieben. Heute leben 80 Prozent an oder unter der Armutsgrenze.

Anteil der Christen stark geschrumpft

Jetzt kommt zur dramatischen Finanz-, Wirtschafts-, Energie- und Versorgungskrise eine veritable Verfassungskrise. Staatspräsident Michel Aoun hat sich aus dem Amt verabschiedet, ohne dass ein Nachfolger bestellt worden wäre. Zudem hat er die Regierung entlassen, die aber dennoch weiterarbeiten will. Wobei „arbeiten“ im Zusammenhang mit der libanesischen politischen Kaste eher satirisch klingt.

Lesen Sie auch:

Der Anteil der Christen, die mit 60 Prozent einmal die Mehrheit stellten, ist auf heute 32 Prozent geschrumpft. Wer kann, der packt seine Koffer und emigriert, denn die meist vielsprachigen und gut ausgebildeten Maroniten aus dem Libanon finden in aller Welt Verwandte und Freunde. 15 Millionen Libanesen leben irgendwo auf der Welt, meist erfolgreich und die Heimat im Herzen. Doch die Levante verarmt und verfällt.

Während die Christen auf gepackten Koffern sitzen, wächst der Einfluss des Iran. Teherans verlängerter Arm ist die Hisbollah – zugleich Partei und Miliz. Je schneller der kleine mediterrane Staat und seine ordnende Kraft welken, desto mehr wächst ihre Macht. Es ist eine Tragödie, die sich am Ostrand des Mare Nostrum – vor der Haustüre Europas – da gerade abspielt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Christen Hisbollah Michel Aoun

Weitere Artikel

Nirgendwo in der arabischen Welt spielen die Christen eine größere gesellschaftliche und politische Rolle als im Libanon.
30.11.2025, 13 Uhr
Stephan Baier
Israel hat den Krieg gewonnen und das Nuklearprogramm des Iran wahrscheinlich für längere Zeit lahmgelegt. Der Nahe Osten erhält eine neue Machtstruktur, doch die Probleme bleiben.
05.07.2025, 09 Uhr
Richard C. Schneider

Kirche

Peter Kohlgraf ist „gerne Bischof von Mainz“, könnte sich aber wohl auch den DBK-Vorsitz vorstellen. Zumindest geizt er vor der Wahl nicht mit geschickten Positionsbestimmungen.
13.02.2026, 15 Uhr
Jakob Ranke
Nach Treffen zwischen Fernández und Pagliarani lässt der Vatikan verlauten: Bischofsweihen würden ins Schisma führen. Stattdessen soll ein Dialog theologische Differenzen klären.
12.02.2026, 15 Uhr
Guido Horst
Die Gebote sollen keine Überforderung sein, sondern ein Hilfe für die Christen, ihre eigene Berufung zu leben. Christsein ist schließlich kein Moralismus.
14.02.2026, 21 Uhr
Martin Grichting