Krisenherde

Schwächeanfälle in Nahost

Der arabische Orient ist von Krisen und Staatszerfall bedroht. Der Machtwille des Iran stößt in dieses Vakuum. Teheran dehnt seinen Einfluss bis ans Mittelmeer aus. Ein Kommentar.
Einfluss des Iran
Foto: IMAGO/Iranian Presidency Office \ apaimages (www.imago-images.de) | Mag das Mullah-Regime in Teheran durch die iranische Wirtschaftskrise und die anhaltenden Massenproteste auch angeschlagen sein: Der regionale Einfluss des Iran ist nicht nur ungebrochen, sondern überaus bedrohlich.

Der Abnützungs- und Vernichtungskrieg Wladimir Putins gegen die Ukraine mit all seinen globalen Auswirkungen scheint derzeit fast alle Ressourcen an diplomatischer, weltpolitischer und medialer Aufmerksamkeit zu absorbieren. Und so wird weithin übersehen, was sich im Nahen Osten zusammenbraut. Hier führen die offensichtlichen Schwächeanfälle mehrerer Staaten in Verbindung mit einer voranschreitenden Spaltung der jeweiligen Gesellschaften zu einer überaus fragilen Lage.

Das dramatischste Beispiel: der Libanon

Das dramatischste Beispiel dafür ist der Libanon: Als arabischer Staat mit christlicher Mehrheit konzipiert, galt dieses westlichste, mediterranste und europäischste aller arabischen Länder einst als „Schweiz des Orients“. Davon ist rein gar nichts übrig geblieben: Korruption, Klientelismus und Vetternwirtschaft haben das Land vollständig geplündert und in die Verarmung getrieben. Zur Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise kam eine tiefe Vertrauenskrise, die jetzt eine unlösbar scheinende Verfassungskrise hervorbrachte. Führungslos taumelt der Libanon dem Abgrund entgegen.
Wer kann, packt seine Koffer und emigriert – wie Millionen Libanesen vor ihm. Vor allem die christlichen Maroniten finden überall in der Welt Verwandte und Freunde vor – und damit Chancen auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder. Doch der Aderlass der Emigration und das Verblassen seiner christlichen Farbe treiben den Libanon zusätzlich ins Chaos.

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Nicht nur der Libanon ist verarmt, nahezu unregierbar und vom Staatszerfall bedroht. Im Irak hat es seit der jüngsten Parlamentswahl am 10. Oktober 2021 gut ein Jahr gebraucht, um eine Regierung zu bilden. Dies gelang nun gegen den Wahlsieger, die Bewegung des Schiitenführers Muqtada al-Sadr. Die neue Regierung ist heterogen, fragil und schwach, wie die irakische Staatlichkeit insgesamt. Das Land ist zerrissen von ethnischen und konfessionellen Interessen. Die Kurden misstrauen den Arabern, die Sunniten den Schiiten. Gemeinwohlbewusstsein ist dünn gesät; die Zentrifugalkräfte dominieren und werden vom Ausland zusätzlich befeuert. Kein Wunder: Kein Nachbarstaat war nach der US-Invasion von 2003 daran interessiert, das amerikanische Experiment eines neuen, demokratischen Irak funktionieren zu sehen.

Der regionale Einfluss des Iran ist bedrohlich

Gemeinsam ist beiden Krisenherden, dass der Iran in der jeweiligen Innenpolitik kräftig mitmischt: Im Libanon agiert er mittels der schiitischen Hisbollah, die zugleich Partei und Miliz ist, im Irak durch die pro-iranischen Schiiten, die mit den Iran-kritischen Schiiten von Sadr im unversöhnlichen Clinch liegen. Mag das Mullah-Regime in Teheran durch die iranische Wirtschaftskrise und die anhaltenden Massenproteste auch angeschlagen sein: Der regionale Einfluss des Iran ist nicht nur ungebrochen, sondern überaus bedrohlich. Wenn man zudem bedenkt, dass sich Bashar al-Assad in Syrien nur dank der Hilfe aus Teheran und Moskau an der Macht halten konnte, dann wird sichtbar, dass der Einfluss des Iran heute von der Westgrenze Afghanistans bis ans Mittelmeer reicht.

Gemeinsam ist den Krisenherden im Nahen Osten auch, dass sich in Chaos und Unsicherheit die Christen als besonders verwundbar erweisen. Der Anteil der Christen im Libanon schrumpfte von einst 60 auf heute 32 Prozent; im Irak sind seit 2003 fünf Sechstel aller Christen emigriert. Der Staatszerfall in Nahost bedroht das Überleben der Christen in den Ländern der Bibel.

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Stephan Baier Christen Hisbollah Krisenherde Wirtschaftskrisen Wladimir Wladimirowitsch Putin

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