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Gewalt als Ausdruck von Schwäche

Die anhaltende Eskalation im Heiligen Land zwingt die arabischen Staaten in eine ungewollte Solidarisierung.
Konflikt in Nahost
Foto: Luay Sababa (XinHua) | Demonstranten fliehen vor Tränengaskanistern, die von der israelischen Grenzpolizei nach einem Anti-Israel-Protest abgefeuert wurden.

Wieder eskaliert die Gewalt im Heiligen Land, und wieder ist diese Eskalation kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche: Sowohl die politische Landschaft Israels als auch die Palästinenser sind tief gespalten. Langzeit-Premier Benjamin Netanjahu ist es auch nach den vierten Neuwahlen in Serie nicht gelungen, eine stabile Regierung zu bilden. Der vermeintlich starke Mann Israels ist ein Übergangs-Regierungschef, gegen den die heterogensten politischen Lager gerade eine gemeinsame Regierung zu bilden versuchen. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas wiederum hatte die für Mai anberaumten Wahlen kurzfristig abgesagt, wohl ahnend, dass er dabei schlecht abschneiden würde.

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Vielschichtige Konflikte auf beiden Seiten

Wie Netanjahu auf israelischer Seite nun den starken Mann gibt, und damit die Schwäche seiner bunten politischen Konkurrenz sichtbar macht, so gibt die terrorfreudige Hamas die radikale Verteidigerin der palästinensischen Ansprüche, und demonstriert auf diese Weise gegen den weicheren Abbas. Auf beiden Seiten gibt es also eine Konfrontation in der Konfrontation: Vielschichtige Konflikte, die alle durch die neue, dramatische Entwicklung nicht gelöst, sondern weiter vertieft werden.

Die Bilder von den blutigen Zusammenstößen auf dem Tempelberg, ja sogar auf dem Gelände der dortigen Al-Aksa-Moschee lassen aber die arabische Welt insgesamt nicht kalt. Viele Regierungen zwischen Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben ganz und gar kein Interesse an einer Abkühlung ihrer Beziehungen zu Israel. Allein, der Druck der Straße und die aufgewühlten Emotionen nötigen sie alle, irgendwie ihre Solidarität mit der palästinensischen Sache ins Wort zu bringen. Insbesondere die Regierungen in Kairo und Amman würden lieber Geschäfte mit Israel machen als sich von der Hamas instrumentalisieren zu lassen. Doch auf die emotionalen Reflexe ihrer eigenen Bevölkerung müssen sie Rücksicht nehmen.

Auch wenn die Gewaltspirale im Heiligen Land nicht in eine neue Intifada münden sollte: Sie ist eine Katastrophe, deren Dimension weit über die Grenzen Israels hinausreicht.

Lesen Sie weitere Hintergründe in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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Stephan Baier Benjamin Netanjahu Hamas Mahmud Abbas

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