Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Eine Ohrfeige für den Papst

Selenskyj fordert Franziskus öffentlich dazu auf, die Neutralität aufzugeben und sich in Putins Krieg klar auf die Seite der Ukraine zu stellen.
Selenskyj trifft Papst im Vatikan
Foto: - (Vatican Media) | Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj trifft im Vatikan Papst Franziskus.

Wenn es um Krieg und Frieden, um diplomatische Lösungen und die Vermeidung militärischer Eskalationen ging, waren die Päpste oft einsame Rufer in der Wüste. Man denke an Benedikt XV. im Ersten Weltkrieg oder die dramatischen Appelle von Johannes Paul II. in Richtung USA, sowohl den ersten wie den zweiten Krieg gegen Saddam Hussein nicht zu führen. Aber noch nie ist eine päpstliche Friedensinitiative so krachend und so öffentlich gescheitert wie am vergangenen Samstag in Rom. 

Lesen Sie auch:

Vorausgegangen war ein diplomatisches Fettnäpfchen, in das Papst Franziskus während des Rückflugs aus Ungarn getappt war. Da hatte er vor Journalisten von einer vatikanischen Friedensmission im Ukrainekrieg gesprochen. Im Staatssekretariat hielt man den Atem an. Denn solche Missionen erfordern immer absolute Diskretion. Und die Medien rätselten dann erst recht, als es nach den Worten des Papstes sowohl aus Kiew wie aus Moskau hieß, man wisse nichts von einer solchen Mission des Vatikans.

Der Papst soll Stellung beziehen

Aber genau um sie ging es, als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf seiner Europa-Tournee am vergangenen Samstag auch vierzig Minuten mit Papst Franziskus sprach. Schon die Gastgeschenke hatten es in sich: Franziskus übergab Selenskyj eine Skulptur, die einen Palmzweig darstellte, der Präsident dem Papst eine Ikone, die auf den kugelsicheren Teil einer Armeeweste gemalt war. Dankbar ist die Ukraine für die humanitäre Hilfe des Vatikans, etwa bei der Rückführung von nach Russland verschleppten Kindern. Dass es aber ansonsten keinerlei Gemeinsamkeiten gibt, machte der ukrainische Staatschef noch am Samstagabend über Twitter deutlich: Er sei dankbar für die Anteilnahme des Papstes am Schicksal des ukrainischen Volks. „Darüber hinaus habe ich gefordert, die russischen Verbrechen in der Ukraine zu verurteilen, denn es kann keine Gleichheit zwischen dem Opfer und dem Aggressor gehen. Auch habe ich von unserer Friedens-Formel als einzig wirksamem Algorithmus gesprochen, um zu einem gerechten Frieden zu kommen.“

Wo der Bartl den Most holt

Das war die erste Ohrfeige für den Papst, der immer die „positive Neutralität“ des Vatikans im Ukraine-Krieg betont. Und damit jeder in Italien weiß, wie die Dinge stehen, ließ sich Selenskyj am Abend noch einer Sondersendung beim beliebten Talk-Format „Porta a porta“ des legendären Anchorman Bruno Vespa zuschalten, damit auch ein Millionenpublikum erfuhr, wo der Bartl den Most holt. Und jeder weiß, dass eine Erklärung dann interessant wird, wenn das Wörtchen „aber“ fällt. Und so gab der ukrainische Präsident zu Protokoll: „Für mich war es eine Ehre, Seiner Heiligkeit zu begegnen, aber er kennt meine Position: Der Krieg findet in der Ukraine statt, also muss es ein Friedensplan der Ukraine sein. Wir sind sehr daran interessiert, den Vatikan in unsere Friedens-Formel einzubeziehen.“

„Seid einfach still“

Und dann wurde Selenskyj noch deutlicher: „Bei allem Respekt für den Papst: Wir brauchen keinen Vermittler zwischen der Ukraine und einem Angreifer-Staat. Mit Putin kann man nicht verhandeln. Wir wollen einen gerechten Frieden für die Ukraine, das heißt, wir laden den Papst ein, an unserem Plan mitzuarbeiten.“ Und dieser Plan sieht nun einmal vor, Russland in der Ukraine zu besiegen. Das setzt die Fortführung der Kämpfe voraus.

Selenskyj weiß zwar, dass Papst und Vatikan nie für eine Verlängerung des Krieges plädieren würden. Aber darum ging es dem ukrainischen Staatschef auch nicht. Seine Botschaft war im Grunde: Helft uns weiter, unsere Kinder aus Russland in die Ukraine zurückzubringen. Und ansonsten seid einfach still.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Lesen Sie weitere Hintergründe zur Europatournee des ukrainischen Präsidenten in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

Themen & Autoren
Guido Horst Johannes Paul II. Russlands Krieg gegen die Ukraine Papst Franziskus Päpste Saddam Hussein Wladimir Wladimirowitsch Putin Wolodymyr Selenskyj

Weitere Artikel

Der ukrainische Präsident informiert Leo XIV. über die Friedensbemühungen. Das Schicksal der von Russland entführten Kinder prägte die Begegnung in Castel Gandolfo.
09.12.2025, 14 Uhr
Meldung
Während Donald Trump der Ukraine immer neue Zugeständnisse abringt, führt Wladimir Putin seinen Eroberungskrieg ungebremst weiter.
17.12.2025, 11 Uhr
Stephan Baier
Wladimir Putin ist an einem Kompromissfrieden in der Ukraine gar nicht interessiert. Das hat der US-Präsident jetzt verstanden – und daraus die Konsequenzen gezogen.
25.09.2025, 11 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Nur eine geeinte Kirche kann ein „Licht“ für die Völker sein. Auf der Suche nach der verlorenen Einheit hat der Papst mit den Kardinälen angefangen. Und vor den Diplomaten spricht er Tacheles.
09.01.2026, 11 Uhr
Guido Horst
Bei der letzten Sitzung der Synodalversammlung in Stuttgart geht es um Bilanz, Reformperspektiven und den Übergang zur Synodalkonferenz. Ob Rom dem Gremium zustimmen wird, ist weiterhin offen.
09.01.2026, 14 Uhr
Meldung
Die Kardinalsversammlung in Rom ist ohne Ergebnisse oder neue Ideen zu Ende gegangen. Dem Papst ging es darum, das Band der Einheit zu stärken. Aber viele fehlten.
09.01.2026, 10 Uhr
Guido Horst
Mirko Cavar, früher Freikirchler, heute Katholik, lobt die Ökumene bei der MEHR-Konferenz. Er meint, die einzelnen Konfessionen könnten viel voneinander lernen.
08.01.2026, 13 Uhr
Elisabeth Hüffer
Der US-Bischof kritisiert den deutschen Sonderweg und plädiert für eine Synodalität, welche auf pastorale Praxis statt dauerhafte Grundsatzdiskussionen setzt.
09.01.2026, 10 Uhr
Meldung