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Die „letzte Generation“ und die Sehnsucht nach Sinn

Wenn nicht mehr klar ist, was das Gemeinwohl ist, entwerfen Aktivisten eigene Sinnhorizonte.
Letzte Generation
Foto: IMAGO/Sachelle Babbar (www.imago-images.de) | Die Organisation "Letzte Generation" gerät zunehmend ins Visier von Ermittlungsbehörden. Jetzt wurden Konten gesperrt und Wohnungen durchsucht.

Auf den ersten Blick hat beides nichts miteinander zu tun. Aber schauen wir genauer hin: Da ist einmal die große Aufregung, die die Razzia gegen die „Letzte Generation“ hervorgerufen hat. Sind die Klima-Kleber eine kriminelle Vereinigung? Und dann, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, ein Antrag, den die Unionsfraktion in der vergangenen Woche im Bundestag gestellt hat: Es solle ein „Bundesprogramm Patriotismus“ aufgelegt werden. Der Verkündungstag des Grundgesetzes solle zum Gedenktag werden, im öffentlichen Raum solle öfter Schwarz-Rot-Gold sichtbar sein und die Nationalhymne solle auch mehr gesungen werden.

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Gemeinwohl

In beiden Fällen, freilich aus ganz unterschiedlicher Perspektive, geht es um die Frage, was eigentlich das Gemeinwohl ist. Und in gewisser Weise stehen beide Beispiele auch für einen Aktivismus, der versucht die ethischen Leerstellen unserer res publica zu füllen. 

Dass die „Letzte Generation“ ersatzreligiöse Züge hat und eine Art säkularisierte Apokalyptik vertritt, ist keine neue Erkenntnis. Wichtiger ist: Es gibt offenbar gerade in der jungen Generation eine Sehnsucht nach einem Sinnhorizont, auf den hin man sich ausrichten kann. Die Folge: Eine Bereitschaft zu einem Aktivismus ohne Rücksicht auf Verluste. Rechtsstaatlichkeit oder ein Bewusstsein dafür, wo Grundrechte anderer Staatsbürger eingeschränkt werden – Fehlanzeige. Die Aktivisten sind geradezu berauscht von ihrem Tun. Sie sind davon überzeugt, dass dieser Aktivismus, in dem sie ihren Sinn gefunden haben, dem Gemeinwohl dient.

 

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa/Montage pwi | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Kitt für die Gesellschaft

Und jetzt zu dem „Patriotismus-Programm“ der Union: Die Diagnose ist durchaus ähnlich. Hinter den Vorschlägen steht die Einsicht, dass eine Gesellschaft einen Kitt braucht, um zusammenzuhalten. Und ohne Zweifel leidet Deutschland unter einem „Patriotismus“-Defizit. Aber glauben die Christdemokraten wirklich, dass mit Fähnchenschwenken und Hymne singen, junge Menschen zum Einsatz für die res publica begeistert werden? So was mag im Lehrbuch funktionieren, aber nicht in der Praxis.

Und das erklärt vielleicht den gefährlichen Erfolg der „Letzten Generation“: Die Klima-Aktivisten mit ihrem Protest zielen auf existentiellere Bereiche ab. Letztlich geht es um Leben und Tod. In einer Gesellschaft, in der genau diese Dimensionen des Lebens ausgeklammert werden, verschafft so ein Angebot eine Premium-Position auf dem Markt der Sinnangebote. Leider. 

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