Kommentar um "5 vor 12"

Die falsche Furcht

Statt Putin und die Atommacht Russland sollte der Westen allein das Urteil der Geschichte fürchten.
Wladimir Putin
Foto: IMAGO/Stefan Boness/Ipon (www.imago-images.de) | Wenn sich der Finger „Putlers“ auch nur in Richtung des Knopfes bewegt, mit dem Russlands Atomwaffen kontrolliert werden, wird es keine Geschichte mehr geben, in die er sich der Westen eintragen könnte.

Die Solidarität, die Europa und die USA gegenwärtig der Ukraine zu teil werden lassen, verdient zweifellos Respekt und Hochachtung. Europa – so ließe sich formulieren – ist erwacht. Seine Regierungschefs verschließen nicht länger ihre Augen vor der teuflischen Ruchlosigkeit des Kremlherrschers. Anders als noch im Kaukasuskrieg (2008), der Annexion der Krim (2014) oder der Belagerung und Zerstörung Aleppos (2016) haben sie das Scheitern des vom Westen verfolgten Konzepts „Wandel durch Handel“ eingestanden und folgerichtig suspendiert. Die Frage, die dennoch erlaubt sein muss und viele umtreibt, lautet: Ist der Westen auch schon wach genug?

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Zweifel daran darf man hegen. Zu einer solchen Wachheit gehört zunächst, sich im Klaren darüber zu sein, dass sich das, was derzeit wie ein regionaler Krieg erscheint, der sich längst gar nicht mehr allein auf dem Territorium der Ukraine abspielt, jederzeit zu einen Dritten Weltkrieg ausweiten kann. Und soweit herrscht denn auch tatsächlich Klarheit. Die Weigerung, eine Flugverbotszone über der Ukraine zu errichten, die dann auch durchgesetzt werden müsste und im Falle eines Falles den Abschuss russischer Bomber nach sich zöge, ist ein klares Signal der NATO-Staaten, keinen Dritten Weltkrieg provozieren zu wollen.

Die Furcht vor einem Dritten Weltkrieg ist berechtigt

So gesehen können die Bürger Europas durchaus froh und dankbar sein, von Regierungschefs geführt zu werden, die des Rasselns mit den Säbeln entwöhnt wurden und die nicht bereit sind, Europa – anders als 1914 – in einen Weltkrieg stürzen, als ginge es um ein Abenteuer. Das Paradoxe ist nur: So berechtigt die Furcht vor einem Dritten Weltkrieg tatsächlich ist, so falsch wäre es, ihr zu erlauben, handlungsleitend zu sein. Nicht nur, weil jemand, der im Grunde auf das Völkerrecht, die Nachkriegsordnung und eigenhändig unterzeichnete Verträge vor der Weltöffentlichkeit uriniert, ohnehin ganz allein bestimmt, was er als Kriegserklärung auffasst und was er als vom Völkerrecht gedecktes Beistandsrecht gelten lässt. Sondern auch, weil es genau diese Furcht ist, aus welcher die Kriegsverbrechen auf Kriegsverbrechen häufende Bestie im Kreml ihr Selbstbewusstsein und ihre Stärke bezieht.

Hinterhofschläger wie Wladimir Putin lassen sich letztlich nicht von Solidaritätsbekundungen, Sanktionen, Waffenlieferungen oder internationaler Isolation beeindrucken. Sie weiden sich, so pervers dies klingen mag, stattdessen an dem Ausmaß der Zerstörung, die ihre Bomben hinterlassen, den Millionen Menschen, die sie in die Flucht geschlagen und deren Obhut sie nun den „Systemfeinden“ aufbürden, sowie dem Schicksal von rund 100 Millionen Menschen, die sie in den fern entlegenen Regionen Afrikas durch ausfallende Getreidelieferungen in Hunger und Armut treiben. Hinterhofschläger wie Wladimir Putin lassen sich einzig und allein durch die glaubhaft vorgetragene Versicherung der Vernichtung ihrer eigenen Existenz beeindrucken. Solange der Westen daher ein „all in“ ausschließt, wird sich ein Hinterhofschläger wie Putin weiter am längeren Hebel wähnen und die Lage nach Belieben eskalieren.

1938 darf sich nicht wiederholen

1938 hat die Welt den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich hingenommen und durch Mussolini, Chamberlain und Daladier ihre Zustimmung zur Eingliederung des Sudentenlandes gegeben. Die Folgen sind bekannt und sie dürfen sich nicht wiederholen. Um das zu verhindern, muss der Westen aufhören, Putin zu fürchten. Was er fürchten sollte, ist allein das Urteil der Geschichte. Und so wie es derzeit aussieht, braucht der Westen das erst dann nicht, wenn die drei westlichen Atommächte dem Kremlherrscher und seinen verbliebenen Gefolgsleuten klar zu machen verstehen, dass wenn sich der Finger „Putlers“ auch nur in Richtung des Knopfes bewegt, mit dem Russlands Atomwaffen kontrolliert werden, es keine Geschichte mehr geben wird, in die er sich eintragen könnte. Erst dann haben auch Verhandlungen mit einem Hinterhofschläger wieder Aussicht auf Erfolg.

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