Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung UKRAINISCHES TAGEBUCH – Teil 2

„Der Teufel ist erfinderisch, aber Gott ist allmächtig“

Warum die Bischöfe und Priester der griechisch-katholischen Kirche nicht verzweifeln oder davonlaufen, sondern bei den Leidenden bleiben.
Yuriy Kolasa und der Lemberger Weihbischof Volodymyr Hrutsa
Foto: Stephan Baier | Yuriy Kolasa, der Generalvikar für die Katholiken des byzantinischen Ritus, zusammen mit dem Lemberger Weihbischof Volodymyr Hrutsa in der Georgs-Kathedrale von Lemberg (Lviv).

Bischof Volodymyr Hrutsa zuckt mit den Schultern: „Was meinst Du? Sollen wir in den Keller gehen oder hier bleiben?“ Der schrille Luftalarm irritiert ihn längst nicht mehr. Im westukrainischen Lemberg ist man einerseits daran gewöhnt, rechnet aber andererseits nicht mit Raketenangriffen. Oder jedenfalls nicht sehr, denn für die Fahrt nach Iwano-Frankiwsk gibt mir der Bischof dann doch recht genaue Anweisungen für den Fall eines Raketenangriffs.

Woher die Kraft, auf ein Leben in Würde zu hoffen?

Natürlich gehen wir zum Interview nicht in den Keller, sondern bleiben in der Nähe der Kaffeemaschine. Gemütlich könnte es hier sein, gegenüber der geschichtsträchtigen Georgs-Kathedrale, die lange Hauptsitz der mit Rom unierten Katholiken des byzantinischen Ritus in der Ukraine war. Doch gemütlich war es allenfalls unter den Habsburgern. Immer wenn die Russen kamen, ging es der griechisch-katholischen Kirche an den Kragen: unter den Zaren, unter Stalin und jetzt unter Putin. Ich denke daran, als ich im Morgengrauen die Georgs-Kathedrale in Lemberg betrete, wo sich bereits die Beter sammeln – und es bestätigt mir dann auch Bischof Maksim Ryabukha aus Donezk, der sich am Abend in Iwano-Frankiwsk zwei Stunden Zeit nimmt für ein ausführliches Interview.

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Woher, so frage ich den Salesianer-Bischof aus der leidgeprüften Ost-Ukraine, nimmt er noch die Kraft, auf ein Leben in Würde zu hoffen? „Der Teufel ist erfinderisch, aber Gott ist allmächtig!“, antwortet er. Wladimir Putin wolle nicht einfach den Donbass erobern oder die Krim halten, sondern das ukrainische Volk vernichten. Davon ist der Bischof, dessen Diözese zur Hälfte unter russischer Okkupation steht, ganz überzeugt. Und doch glaubt er an die Stärke des gefolterten ukrainischen Volkes, an den Sieg der Wahrheit und an ein nahes Ende des Krieges.

Die Märtyrerkirche blüht in den Ruinen

Die Tapferkeit der griechisch-katholischen Bischöfe ist staunenswert. In der Kathedrale von Iwano-Frankiwsk begrüßt mich das Oberhaupt dieser unierten Kirche – in der Ukraine nur „Unser Patriarch“ genannt – mit strahlendem Lächeln: „Sie sind aber tapfer, hierher zu kommen!“, meint er und erinnert sich lebhaft an unsere jüngste Begegnung im Erzbischöflichen Palais in Wien. Tapfer jedoch sind nicht die Besucher, die die Rückfahrkarte bereits in der Tasche haben, sondern seine Priester und Bischöfe, die unter allen Umständen bei den Menschen blieben – in den Front- und Kampfgebieten, bei Raketenhagel und Versorgungsengpässen. Doch diese von Stalin und allen seinen Nachfolgern blutig verfolgte Kirche blickt auf eine Erfahrung des Martyriums. Das gibt offenbar Kraft und geistliche Fruchtbarkeit: Mehr als 200 Priesteramtskandidaten habe seine Kirche in Iwano-Frankiwsk, erzählt Schewtschuk, deutlich mehr als in Kiew, wo er „nur“ 70 habe.

Mit Großerzbischof Schewtschuk
Foto: Stephan Baier | Generalvikar Kolasa und „Tagespost“-Korrespondent Stephan Baier sprechen in der Kathedrale von Iwano-Frankiwsk mit dem Oberhaupt der unierten Ukrainer, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk.

Von traumatisierten, verwundeten, verängstigten Menschen berichten viele Bischöfe. Zwei tapfere Frauen traf ich in den vergangenen Stunden in Lemberg: Da ist die 27-jährige Lisa aus Premorsk, die am Stadtrand von Kiew die ersten beiden Wochen der Invasion in einem engen, überfüllten Keller saß. Unter verängstigten Kindern und Frauen bangte die junge Architektin nicht nur um ihr Leben, sondern auch um das ihres Mannes und ihrer Eltern im russisch eroberten Premorsk. Sie hat es geschafft: Alle haben mittlerweile in Lemberg Zuflucht gefunden; in zwei Monaten bringt sie ihr erstes Kind zur Welt. Und hilft zugleich mutig engagiert im „Haus der Barmherzigkeit“ jenen Frauen und Kindern, die schwerer traumatisiert sind als sie selbst. 

Olha, Mutter von zwei Kindern, hat ihren Mann im Krieg verloren
Foto: Stephan Baier | Olha, Mutter von zwei Kindern, hat ihren Mann im Krieg verloren. In der Lemberger Garnisonskirche sind Fotos der gefallenen Soldaten, auch ihres Mannes. Hier findet sie auch Priester, die Trost spenden.

Und dann treffe ich Olha, ihren lebhaften Sechsjährigen an der Hand, in der Lemberger Garnisonskirche. Als ihr Mann an der Front fiel, haderte sie mit Gott. In der Begegnung mit anderen Witwen und mit den Militärkaplänen der griechisch-katholischen Kirche fand sie Trost. Ihr kleiner Sohn zeigt sich ganz stark: Er müsse die Mutter aufrichten und halten, sagt er mit starker, fast männlicher Stimme. „Und wenn Mama traurig ist, muss ich lustige Geschichten erzählen!“ Wie früher der Vater.


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