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Der Schatten der RAF über der deutschen Linken

Der Prozess gegen Daniela Klette wäre ein Anlass für die deutsche Linke, endlich ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Doch Selbstgerechtigkeit blockiert diese Chance.
Politikredakteur Sebastian Sasse, Daniela Klette
Foto: DT / IMAGO / Noah Wedel | Die nette Frau Klette: Die RAF-Terroristin grüßt im Gerichtssaal im Stil einer Revolutions-Adeligen.

Im heißen Herbst 1977 hielt der RAF-Terror die ganze Bundesrepublik in Atem. Wer heute noch persönliche Erinnerungen hat, ist mindestens Mitte fünfzig. Ist der Prozess gegen Daniela Klette nur noch eine Fußnote zu einer Geschichte, die längst vergangen ist? Ist das Urteil gegen die ehemalige RAF-Terroristin, die zum Schluss mit zweien ihrer Kumpane Überfälle durchführte, um ihre Untergrund-Existenz finanzieren zu können, die letzte Szene in einer Nachgeschichte?

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Nein, diese Vergangenheit ist noch längst nicht vorbei. In der deutschen Linken hat eine Aufarbeitung des Terrorismus, vor allem der eigenen Haltung zu diesem Thema, bisher nur zaghaft begonnen, wenn überhaupt. Dass Klette keine Reue zeigt, geschenkt. Der Fall ist aber der Anlass, die Fragen zu stellen, denen sich die deutsche Linke endlich aussetzen muss. Angesprochen sind hier vor allem jene Protagonisten, die heute graumeliert und längst auf dem Alterssitz in der Toskana verdrängt haben, wie groß ihre latente Sympathie mit den Zielen der linken Terroristen war.

Wie kann es sein, dass die gleichen Menschen, die nicht widersprochen haben, wenn die Terroristen unseren Rechtsstaat als „Schweinesystem“ diffamiert haben, weil sie gar nicht so „klammheimlich“ mit dem Kampf gegen den angeblich faschistoiden Kapitalismus sympathisierten, dann über Jahrzehnte das Establishment genau dieser Republik gebildet haben? Ja, war es nicht sogar so, dass viele von denen, die dann später als linksliberale Wortführer in den Redaktionen, Parlamenten, ja auch in den Vorstandsetagen der Wirtschaft Platz genommen haben, immer noch stolz darauf waren, dass sie ihren „Marsch durch die Institutionen“ als revolutionäre Avantgarde in Angriff genommen hatten?

Das notorisch gute Gewissen der Linken

Diese Linke ist heute noch stolz darauf, dass sie der Bundesrepublik ein angeblich freundlicheres Gesicht gegeben hat. Denn in der Adenauer-Ära wurde das Land ja nach diesem Geschichtsbild von latent faschistoiden Kleinbürgern beherrscht. Und dass der eine oder andere Genosse eben mit etwas zu viel Eifer an das revolutionäre Werk ging? Jugendsünden eben. Eine Milde, die man der eigenen Elterngeneration mit deren SA- oder NSKK-Mitgliedschaften natürlich nicht zugestehen wollte.

Bisher hat diese Selbstgerechtigkeit, das notorisch gute Gewissen der Linken, die notwendige Aufarbeitung verhindert. Heute allerdings bröckelt die linke Deutungshoheit über die öffentliche Meinung nicht nur, sie, die über fast ein halbes Jahrhundert hinweg festgesetzt schien, ist auch schon selbst Geschichte. Die Linke müsste deswegen schon aus strategischen Gründen endlich damit beginnen, ihre Lebenslügen aufzuarbeiten. In Bequemlichkeit zu verharren ist nämlich keine Option angesichts der aktuellen politischen Lage. Es sei denn, die Linke will wirklich nur noch Vergangenheit sein.

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