Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Debatte um einen Feiertag

Bürokratieabbau wäre wichtiger

Soll ein christlicher Feiertag gestrichen werden? Gewerkschaften, eine Mehrheit der Bevölkerung und natürlich die Kirchen sind dagegen, manche Wirtschaftsverbände dafür. Was sagt der Bund Katholischer Unternehmer?
Debatte über Feiertagsstreichung
Foto: IMAGO/BODE | Die Mehrheit der Bevölkerung ist dagegen, einen Feiertag zu streichen.

Es komme „hoch wie das Ungeheuer von Loch Ness“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz im Juli 2025 auf seiner Sommerpressekonferenz in Berlin. Gemeint war die Forderung, einen gesetzlichen Feiertag zu streichen. Und tatsächlich: Die Debatte geht nicht weg und flammt seit gut einem Jahr immer wieder auf, trotz der Ablehnung einer Feiertagsstreichung, sekundiert von einem Kanzler, der schon kurz nach seinem Amtsantritt im Mai klargemacht hatte, die Deutschen müssten „wieder mehr und vor allem effizienter“ arbeiten.

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Der Blick ins Ausland scheint dabei attraktiv. Im Jahr 2023 strich Dänemark seinen christlichen „Store bededag“, den Großen Gebetstag mit fast 340-jähriger Tradition, um höhere Verteidigungsausgaben zu finanzieren. Das Ergebnis: rund 400 Millionen Euro mehr im Staatshaushalt, ein Anstieg der Gesamtarbeitszeit um 0,34 Prozent, rechnerisch etwa 8 500 zusätzliche Vollzeitstellen. Das klingt nach Erfolg und wurde prompt als Blaupause für Deutschland gehandelt.

Politiker bekommen Retourkutsche

Doch das Dänemark-Argument hat zwei Seiten. Die Regierungschefin Mette Frederiksen verteidigte die Entscheidung zunächst mit dem schlichten Satz: „Ich denke nicht, dass es ein Problem ist, einen Tag mehr arbeiten zu müssen.“ Aber nur ein Jahr später, als die Dänen zum ersten Mal auf ihren Feiertag verzichten mussten, sackte Frederiksens Sozialdemokratie in Umfragen auf einen historischen Tiefststand von 17 Prozent. Kirche, Gewerkschaften und fast 500 000 Unterzeichner einer Online-Petition hatten zuvor protestiert. Das politische Preis-Leistungs-Verhältnis war also ungünstig.

Dennoch griff die Debatte auf Deutschland über. Einflussreiche Ökonomen sprachen sich öffentlich für eine Feiertagsstreichung aus. Die Vorsitzende des Sachverständigenrats, Monika Schnitzer, und ifo-Präsident Clemens Fuest plädierten dafür; der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, nannte Dänemark ausdrücklich als Vorbild.

Mehrheit der Bevölkerung folgt Ökonomen nicht

Das IW hatte berechnet: Ein zusätzlicher Arbeitstag könnte das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 8,6 Milliarden Euro steigern, das entspricht in etwa 0,1 Prozent des BIP. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) nannte konkrete Kandidaten: Ostermontag, Pfingstmontag, zweiter Weihnachtsfeiertag. Der Vizepräsidentin des Verbands „Die Familienunternehmer“, Claudia Sturm, fehlte jede Scheu: Weil immer weniger Menschen Kirchenmitglied seien, aber alle von christlichen Feiertagen profitierten, solle einer abgeschafft werden.

Die Mehrheit der Bevölkerung folgt den Ökonomen nicht. Eine Forsa-Umfrage für den Stern im März 2025 ergab: 65 Prozent der Deutschen lehnen die Streichung eines Feiertags ab, unter Erwerbstätigen sind es sogar 70 Prozent. Eine YouGov-Erhebung vom Juni 2025 zeigte: 75 Prozent sind gegen die Streichung des Pfingstmontags, 73 Prozent sehen Feiertagsabbau grundsätzlich nicht als richtigen Weg zur Wirtschaftsstärkung – und 75 Prozent sind umgekehrt der Meinung, Feiertage stärkten die Wirtschaft durch Tourismus und Gaststättenbesuch.

Der DGB war unmissverständlich: „Einen Feiertag zu streichen bedeutet nichts anderes, als die Löhne durch die Hintertür zu kürzen“, sagte die Vorsitzende Yasmin Fahimi. Auch innerhalb der Wirtschaft gibt es prominenten Widerspruch. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), bezeichnete die Feiertagsdiskussion als „Phantomdebatte“ und forderte vielmehr, die Qualität der Arbeit zu verbessern, sodass Menschen pro gearbeiteter Stunde produktiver seien.

BKU: Kein Mehrwert für die Wirtschaft

Der Vorsitzende des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), Martin Nebeling, sieht in einer Feiertagsstreichung keinen Mehrwert für die Wirtschaft: „Grundsätzlich brauchen wir in Deutschland auf jeden Fall mehr Leistungsbereitschaft. Weniger Feiertage führen aber nicht automatisch zu mehr Leistung und einer besseren Wirtschaft. Schon jetzt lohnen sich Leistung und Verantwortung für viele Arbeitnehmer und Unternehmer aufgrund der wachsenden Abgaben- und Steuerlast nicht mehr genug – gestrichene Feiertage helfen da nicht weiter.“

Wirtschaftsordnung und Werteordnung seien nicht voneinander zu trennen. Christliche Feiertage wie Pfingsten seien keineswegs nur arbeitsfreie Tage, betont Nebeling, „sondern Ausdruck der christlichen Prägung unseres Landes. Diese Prägung ist maßgeblich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Erfolg unserer – ebenfalls christlich geprägten – Sozialen Marktwirtschaft.“

Werteordnung nicht untergraben

Nebeling hält auch das wirtschaftliche Argument selbst für schwach. Angesichts schwächelnder Konjunktur, Kurzarbeit und Personalabbau in vielen Branchen würde ein zusätzlicher Arbeitstag „ohnehin keinen nennenswerten Beitrag leisten“. Das eigentliche Problem liege woanders: „Wenn sich die Rahmenbedingungen für Unternehmer und Arbeitnehmer nicht grundsätzlich verbessern, schießen wir mit Feiertagsdebatten einfach am Ziel vorbei. Schwarz-Rot muss den versprochenen Kurswechsel jetzt liefern – mit mehr Bürokratieabbau, flexibleren Arbeitszeiten, weniger Staatsquote und einer Stärkung unternehmerischer Eigenverantwortung.“

Kirchliche Feiertage zu streichen, wäre zudem „ein Untergraben jener christlichen Wertegrundlage, die unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung von Beginn an stark gemacht hat.“ 

Die Kirchen sind – naturgemäß – geschlossen gegen eine Streichung. Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, sagte im März 2025 der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): „Christliche Feiertage prägen die Kultur und Tradition unseres Landes und ermöglichen die gemeinschaftliche Religionsausübung zu zentralen religiösen Ereignissen.“

Religiöser und kultureller Verlust

Streichungen christlicher Feiertage führten zu einem religiösen und kulturellen Verlust. Er verwies auf das Ergebnis einer früheren Streichungsaktion: 1995 wurde der Buß- und Bettag in allen Bundesländern außer Sachsen als Arbeitstag als Gegenfinanzierung für die neue Pflegeversicherung abgeschafft, damit die Arbeitgeber nicht allein belastet würden

. Aber: Die Pflegekassen werden 2026 voraussichtlich mit einem Defizit von einer Milliarde Euro abschließen. Der Feiertag war weg, das Finanzierungsproblem nicht. Auch der bayerische evangelische Landesbischof Christian Kopp brachte es auf den Punkt: „Gerade in einer Zeit ständiger Beschleunigung und Flexibilität ist das Innehalten und Atemholen nicht Luxus, sondern Notwendigkeit.“ Feiertage wie Christi Himmelfahrt und Pfingsten trügen entscheidend zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei und seien „spirituelle Wegmarken, die nicht nur für Christinnen und Christen Bedeutung haben.“


Der Autor arbeitet als freier Journalist.

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