Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Der Kreml versagt angesichts des Terrors

Zuerst ignorierte er westliche Warnungen, nun legt Putin eine falsche Fährte und missbraucht den Terroranschlag für seine Agenda.
Krasnogorsk
Foto: IMAGO/Dmitry Golubovich (www.imago-images.de) | Der blutige Terroranschlag von Krasnogorsk, im Nordwesten von Moskau, bei dem am Freitag 137 Menschen zu Tode kamen und mindestens 180 verletzt wurden zeigt das Versagen von Putins Regime.

Der grausame Terroranschlag von Krasnogorsk, im Nordwesten von Moskau, bei dem am Freitag 137 Menschen zu Tode kamen und mindestens 180 verletzt wurden, offenbart in einem doppelten Sinn die Schwäche der Putin’schen Despotie. Zunächst, weil der allmächtig wirkende Geheimdienst FSB, der die tragende Säule des „Systems Putin“ ist, ganz offensichtlich versagt hat. Warnungen westlicher Geheimdienste, darunter aus den USA, wurden nicht ernstgenommen, ja sogar als westliche Provokationen abgetan. So sehr ist das enge Netz der geheimdienstlichen Überwachung offenbar auf oppositionelle Kreise, Menschenrechtler und Kriegsgegner in Russland fokussiert, dass die islamistische Bedrohung nicht ausreichend im Blick des FSB war.

Lesen Sie auch:

Noch dramatischer ist, wie infam Putin und seine Entourage den islamistischen Terroranschlag für seine propagandistischen Zwecke missbraucht: Obwohl sich der „Islamische Staat“ (IS-Khorasan) ausdrücklich zu der Tat bekannte und dies auch mit einem Video belegte, und obwohl die festgenommenen Terroristen tadschikische Staatsbürger sind, beschuldigte Wladimir Putin umgehend die Ukraine. Der russische Staat versagt damit nicht bloß in der Terrorverhütung, sondern auch in der Terroraufklärung. Stattdessen wird das grausame Blutbad propagandistisch missbraucht – offenbar mit dem Ziel, immer mehr Hass auf die Ukrainer zu schüren und die eigene Brutalität in der Ukraine zu rechtfertigen.

Vielfältige Motive für Rache des IS

Die Motive für einen IS-Anschlag im Herzen der Russischen Föderation sind vielfältig: Dazu muss man nicht auf den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan (1979-1989) zurückgreifen. Die militärische Unterstützung Putins für den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad ab 2015 war in Syrien absolut kriegsentscheidend und hat beim IS gewiss Rachegedanken hinterlassen. Auch die enge Zusammenarbeit Russlands mit der schiitischen Großmacht Iran und den in Afghanistan herrschenden paschtunisch-nationalistischen Taliban versetzt die terroristische Konkurrenz vom IS-Khorasan in Rage.

Diesen Motiven nachzuspüren, wäre für ein realistisches Bedrohungsszenario nützlich. Doch die Art und Weise, wie die russischen Sicherheitskräfte mit den elf Festgenommenen verfahren, trägt zur Wahrheitsfindung wenig bei: Die Verdächtigen wurden am Sonntag mit offenkundigen, ja demonstrativen Spuren schwerer Folter vor dem Haftrichter präsentiert. Einem war ein Ohr abgeschnitten worden, ein anderer konnte nicht mehr gehen, wieder andere wiesen schwere Blutergüsse, Schürf- und Platzwunden auf. Dass die meisten Menschen unter ausreichender Folter nahezu alles „gestehen“, was man von ihnen hören will, weiß Putin aus eigener KGB-Vergangenheit. Der Wahrheitsfindung dient das nicht, aber an der Wahrheit ist der Kreml offenbar auch gar nicht interessiert.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Russische Regierung Taliban Terroranschläge Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Der Krieg gegen die Ukraine ist für den Kreml mehr als ein Mittel der Außenpolitik. Er legitimiert seine Herrschaft, stiftet Sinn und macht den Frieden zur Gefahr für das Regime.
15.08.2026, 09 Uhr
Alexander Dubowy
Vor zwei Jahren, am 7. Oktober 2023, begann die Hamas mit einem Massenmord einen Krieg, der bis heute anhält. Der Heilige Stuhl steht auf der Seite der Menschlichkeit.
07.10.2025, 11 Uhr
Stephan Baier
Ende Dezember endet die zweite Amtszeit von UN-Generalsekretär António Guterres. Wer ihm folgt, ist noch offen. Doch auf die Nachfolgerin oder den Nachfolger warten große Aufgaben.
14.09.2026, 15 Uhr
Josef Bordat

Kirche

Das Bischofstreffen in Rom zur Familienpastoral stößt auf wenig Interesse bei den Medien. Grund ist die Art und Weise, wie die Versammlung gelenkt und gesteuert wird.
10.10.2026, 12 Uhr
Guido Horst
Papstjubel und Protestwut: Hunderttausende Franzosen gingen zuletzt aus verschiedenen Gründen auf die Straßen. Eins hat sie dennoch vereint.
09.10.2026, 11 Uhr
Elisabeth Hüffer
Johannes Zehe, früher Geiger und seit 2023 Regens für die Priesterausbildung im Erzbistum, wird an diesem Samstag im Mariendom zum Bischof geweiht.
09.10.2026, 14 Uhr
Dorothea Schmidt
Gott will glückliche Menschen, schreibt Erzbischof Georg Gänswein. Gott lädt zur Hochzeit seines Sohnes ein. Doch die Gäste haben vermeintlich Wichtigeres vor.
10.10.2026, 21 Uhr
Georg Gänswein