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Das Magdeburger Menetekel

Die Menschen beweisen in ihrer Art zu trauern, wie sie trotz aller Säkularisierung immer noch christlich geprägt sind. Den Sicherheitsbehörden stellt sich eine andere Herausforderung: Sie müssen schnell beweisen, dass sie noch Herr der Lage sind.
Nach Anschlag auf Magdeburger Weihnachtsmarkt
Foto: IMAGO/Chris Eades (www.imago-images.de) | Die Art und Weise, wie ein Großteil der Menschen gedenkt – Kerze anzünden, still werden, die Trauerfeier findet selbstverständlich im Magdeburger Dom statt – belegt, wie stark bestimmte Kulturtechniken im kulturellen ...

Man muss den Tausenden von Menschen dankbar sein, die in Magdeburg still den Opfern des Anschlages gedacht haben. Am Anschlagsort haben sie Blumen niedergelegt, Kerzen aufgestellt. Sie haben so mit Würde ihrer Trauer Ausdruck gegeben. Und sie haben vorbildlich gezeigt, wie man mit einem gesamtgesellschaftlichen Schock, der der Anschlag ohne Zweifel war, so umgeht, dass er nicht zu einem dauerhaften Trauma wird.

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Wurde dabei auch gebetet? Es geht hier nicht um Statistiken, derjenige, an den diese Gebete gerichtet waren, der kennt die Zahlen. Aber es fällt auf: In solchen existentiellen Notsituationen zeigt sich eben doch, wie stark unsere Gesellschaft kulturell immer noch christlich imprägniert ist. In Sachsen-Anhalt sind die getauften Christen eine Minderheit, kaum jemand gehört dort einer Kirche an. Aber die Art und Weise, wie ein Großteil der Menschen gedenkt – Kerze anzünden, still werden, die Trauerfeier findet selbstverständlich im Magdeburger Dom statt – belegt, wie stark bestimmte Kulturtechniken im kulturellen Gedächtnis verankert sind und im Notfall abgerufen werden.

Geht es der AfD wirklich um Aufklärung?

Was Seelsorger sicherlich in diesen Tagen spüren werden: Viele Menschen kommen fast automatisch aus dieser Gedenksituation in ein Gebet. Mancher wird sich fragen, zu wem er denn nun gebetet habe? Es ist zu hoffen, dass die Seelsorger sich auf diese, wenn man so will, spirituellen Folgen des Anschlags vorbereiten. 

Und dann gibt es aber noch ganz andere Möglichkeiten, auf diesen Anschlag zu reagieren: Zum Beispiel so wie die AfD, die für heute zu einer Demonstration nach Magdeburg eingeladen hat. Natürlich ist das ihr gutes Recht. Die Menschen sollten genau hinhören auf das, was dort und vor allem wie dort gesprochen werden wird. Geht es wirklich darum, sich für eine Aufklärung der Hintergründe des Anschlages und der Motive des Täters stark zu machen?

Oder steht hier nicht vor allem ein Ziel im Vordergrund: die Instrumentalisierung des Ereignisses für die eigene Kampagne. Wie wird etwa damit umgegangen, dass der Täter ein Ex-Muslim war, der in seinen Postings und anderen Äußerungen sogar Sympathie für die AfD erkennen ließ? Es wird interessant sein zu hören, was Alice Weidel heute dazu sagen wird. 

Nach allen bisher vorliegenden Informationen der Sicherheitsbehörden passt der Täter nicht in die üblichen Raster. Er ist allerdings ein Beispiel dafür, wie das politische Klima in diesem Land, das freilich auch nur ein Widerhall der globalen Grundstimmung ist, generell zu einer Radikalisierung von Menschen führt.

Die doppelte Herausforderung für die Sicherheitsbehörden

Der Terrorismus-Experte Peter R. Neumann hat in verschiedenen Statements das ungewöhnliche Profil dieses Täters hervorgehoben. So ein Typus sei ihm in 25 Jahren noch nicht untergekommen. Ein zweiter Aspekt, auf den Neumann hingewiesen hat, in seiner Methode gleiche der Anschlag dem Attentat von Anis Amri auf den Berliner Weihnachtsmarkt, aber eben offenbar wohl nicht von seiner inhaltlichen Motivation her.

Hier steckt die doppelte Herausforderung für die Sicherheitsbehörden: Es wird zu klären sein, ob dieses bisher untypische Täterprofil zunehmend typischer wird. Ist Taleb A. so etwas wie ein Prototyp einer neuen Täter-Generation? Wie können die Sicherheitsbehörden diese Art von Täter frühzeitig identifizieren? Der andere Punkt: Was ist alles schiefgelaufen, dass es zu diesem Anschlag überhaupt kommen konnte? Hier bedarf es einer schnellen und umfassenden Aufklärung.

Die Vertrauensfrage mag im Bundestag geklärt sein, mittlerweile stellt sie sich aber das ganze Land viel umfassender. Die Rede vom Staatsversagen macht die Runde – und zwar bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. Wenn die Sicherheitsbehörden jetzt nicht beweisen, dass sie Herren der Lage sind, wird Trauer noch viel öfter in Wut umschlagen.  

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