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Bidens große Indien-Wette

Modis Besuch in Washington steht ganz im Zeichen von Geopolitik und Business.   
Narendra Modi und Jo Biden
Foto: IMAGO/Chris Kleponis - CNP (www.imago-images.de) | Narendra Modi, hier bei einem Besuch bei US- Präsident Jo Biden, versucht sein Land als unabhängigen Player zu etablieren. Ein Plan, der Scheitern könnte.

Wenn US-Präsident Joe Biden und sein Außenminister Antony Blinken gegenwärtig angesichts des immer aggressiveren Auftretens Chinas und Russlands auf der Weltbühne einen diplomatischen Wunsch frei hätten, dann wäre dies sicherlich die erneute Anwendung jenes Tricks, welcher in den 1970er-Jahren dem damaligen US-Präsident Richard Nixon und dessen Außenminister, dem kürzlich 100 Jahre alt gewordenen Henry Kissinger, erfolgreich in die geopolitischen Karten spielte. 

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Nach China ist nun Indien die umworbene Braut

Denn damals, mitten im Kalten Krieg, suchten die beiden außenpolitisch äußerst versierten Politiker den Dialog mit dem international geächteten und isolierten China Mao Zedongs, um dem zum damaligen Zeitpunkt der Supermacht Sowjetunion in jeglicher Hinsicht hoffnungslos unterlegen Land eine weltpolitische Perspektive zu ermöglichen und zudem in Form von China einen gewichtigen Verbündeten gegen den Systemgegner Russland zu gewinnen. 

Heute, ziemlich genau 50 Jahre später, heißen die Systemgegner der USA ausgerechnet China und erneut Russland. Und der von den USA umworbene Staat, der dieses Mal die Rolle Chinas als umworbene außenpolitische Braut spielen soll, ist Indien. Doch die ziert sich im Gegensatz zum maroden China der letzten Mao-Jahre – wie der aktuelle Staatsbesuch von Indiens hindunationalistischem Premierminister Narendra Modi unter Beweis stellt.

Indien fürchtet das Reich der Mitte und braucht die USA

Das Interesse der USA an Indien ist aus mehreren Gründen nachvollziehbar: Seit kurzem hat der südostasiatische Subkontinent nicht nur China als bevölkerungsreichstes Land der Welt abgelöst, ist nominell die größte Demokratie der Welt und sowohl die fünftgrößte als auch am schnellsten wachsende G20-Wirtschaftsnation. US-Firmen wie Apple - das einen Teil seiner IPhone-Produktion bereits nach Indien verlagert und in Anwesenheit von CEO Tim Cook im April einen ersten Apple-Store eröffnet hat - oder IBM, dessen Arbeitskräfte bereits zur Hälfte in Indien ansässig sind sowie der Halbleiterhersteller Micron sehen Indien angesichts der intensiven Entkopplungsbestrebungen der USA gegenüber China als immer wichtiger werdenden Markt.

Abgesehen davon, dass rund 60 im US-amerikanischen „Fortune 500“-Index notierten Unternehmen (unter ihnen Google und Adobe) mittlerweile von Vorstandsvorsitzenden mit indischen Wurzeln geführt werden. Auch Tesla-Chef Elon Musk, der sich bereits vor der Ankunft des indischen Premierministers in den USA als „Modi-Fan“ outete, kündigte an, „im großen Stil“ in Indien investieren zu wollen.

Gleichzeitig wissen die USA, dass Indien seinen großen Nachbarn und Erzrivalen China nicht nur achtet, sondern spätestens seit dem Grenzkonflikt von 2020 regelrecht fürchtet. Deswegen will US-Chefdiplomat Blinken Indien zum größten ökonomischen und militärischen Gegenpart Chinas in der Region aufbauen.Im Gespräch sind hierfür unter anderem die durch General Electric zu erfolgende Produktion von Kampfjet-Motoren sowie eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Halbleiterproduktion, Quantum Computing sowie dem Bau von Kriegsschiffen und Drohnen.

Bereits seit einiger Zeit engagieren sich die USA und Indien zudem gemeinsam mit Japan und Australien im militärpolitischen „Quad“-Bündnis, welches das Ziel verfolgt, einen „freien und offenen Indopazifik“ zu gewährleisten – einem Meer, auf welches das zum Seeexport verdammte China immer wieder seinen Blick richtet.

Modi strebt nach dem „Besten aus verschiedenen Welten“

Doch so gerne Indien die Hilfe der USA zur Eindämmung Chinas in Anspruch nimmt, umso schwerer ist es bereit, sich gegenüber den USA im Falle Russlands zu revanchieren: Noch immer wickelt Indien drei Viertel seiner Waffengeschäfte mit Russland ab und nimmt im Zuge des Ukraine-Kriegs dem sanktionsbetroffenen Aggressorstaat nur zu gerne dessen stark verbilligte fossile Energie ab. Und ob Indien im Falle eines Überfalls Chinas auf Taiwan sich ebenso wie die USA militärisch engagieren würde, steht ebenfalls in den Sternen.

Trotz aller Charmeoffensiven aus Washington betrachtet die politische Führung in Neu-Delhi ihr eigenes Land nämlich als eigenständigen Player in einer neu zu schaffenden multipolaren Weltordnung – und bemüht sich, ebenso wie einige Staaten in Lateinamerika und Afrika, die seit Beginn des Ukraine-Kriegs von mehreren Seiten intensiv umworben werden, nunmehr das „Beste aus verschiedenen Welten“ für sich herauszupicken.

Doch sich als „dritte Partei“ beziehungsweise Nutznießer im systemischen Konflikt des Westens mit China und Russland zu wähnen, könnte sich gerade für ein aufstrebendes Land wie Indien langfristig als Trugschluss erweisen. Letztlich wissen Modi und seine Administration, dass sowohl der Machthunger Chinas als auch derjenige Xi Jinpings nicht durch Schaukelpolitik, sondern nur durch massive und effektive Abschreckung gegenüber dem Reich der Mitte unterbunden werden kann.

Hier kann es sich nun rächen, jahrzehntelang ausgerechnet auf Chinas Spießgesellen Russland in puncto Waffenlieferungen und -hilfe gesetzt zu haben – und sollte auch in Indien zur Einsicht führen, um des eigenen Wohlstandes und sicherheitspolitischen Fortkommens willen einerseits nicht den Bogen nicht zu überspannen, sondern andererseits sich den USA stärker als bisher als verlässlicher Partner anzubieten.

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